Krocha: Dancing Stars in der Großraumdisco

Sie schwitzen auf der Tanzfläche, sind brave Konsumenten – und kreative Interpreten des Wiener Slangs.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Wien. 30 Minuten. So lange hat die Siegerin beim Dancebattle der ersten Party der www.krocha.at-Community durchgehalten. Danach landete sie, mit rotem Kopf, verschwitzt, in den Armen der Freunde. Was zeigt: Wenn man's ernst nimmt, ist „Krochn“ ein anstrengender Zeitvertreib.

Und damit mehr als Vokuhila, Glitzer-T-Shirts und die schon sprichwörtlichen Neonkapperln, die sich ab Herbst 2007 ins Stadtbild geschlichen haben. „Was einen Krocha ausmacht“, meint Krystian Szymczak, 17 Jahre, Lehrling und einer der Administratoren der Krocha-Homepage, „sind das Aussehen und die Sprache, vor allem aber das Tanzen.“ Wobei Letzteres so aussieht, als „würde sich jemand halbert die Beine brechen“, beschreibt Stefan Berndorfer alias DJ Stee wee bee das, was man korrekt (und seit den Achtzigern) „Melbourne Shuffle“ nennt.

Außer dem Shuffle gibt es den „Jumpstyle“, beides wird zu Techno(s. Kasten) in den U-Bahn-Stationen und den Großraumdiscos im 22. und 23.Bezirk getanzt. Inzwischen „krocht“ man auch außerhalb von Wien, in Niederösterreich, der Steiermark. Sowohl für die etymologische Herleitung (z.B. vom wienerischen „in ein Lokal einekrochn“) als auch über internationale Querverbindungen gibt es mehrere Thesen: Für die einen kommt das Shuffeln vom „Gabber“, hartem Techno, der in den 90ern in Holland entstanden ist. Für andere vom französischen Tectonic, einem Mix aus Hiphop- und Techno-Tanz.

Tatsächlich dürfte der Trend schon länger in der Wiener Vorstadtluft gelegen sein: Neu sei nur, sagen viele, dass das Ding nun einen Namen habe. Neu ist aber doch auch, dass eine Jugendszene – zumindest in ihrer konkreten Form – in Österreich erfunden wurde. Denn während „Jumpstyle“ international ist, ist der Shuffle derzeit ein heimisches Spezifikum.

Typisch Wien auch die Sprache: „Oida“ beendet fast jeden Satz, „bombä“ ist, was gefällt, und „fiiX“, was sicher ist. Eher sinnfrei dagegen: „Bam“. Ergänzt wird das Vokabular durch eine Kunstsprache, bei der Groß- und Kleinbuchstaben durcheinanderpurzeln und Laute getauscht werden (etwa „b“ statt „p“). Endgültig unverständlich ist die Kombination mit dem „Jugodeutsch der Balkancommunity“, so Szenekennerin Ivana Martinovic. Aus „Was machen wir heute?“ wird: „was machenis danas?“


Metrosexuell? Nein, gepflegt!

Die ethnische Herkunft schreibt sich in der Kleidung fort: „Neonkappen tragen nur mehr die Zalega, die Ausländer-Krocha“, sagt Szymczak. Die Zalega (Anm.: vermutlich von „zerlegen“, gebräuchlich für Krocha des 10. und 11.Bezirks) behaupten dasselbe – vice versa. Außer Streit steht, dass Markenkleidung (Ed Hardy, Boss) und Solariumbräune wichtig sind. Was man hat, wird im Internet per Video, Foto präsentiert. Woher die Jungen das Geld für all das nehmen? „Das“, sagt der 17-Jährige, „frage ich mich auch.“ Gut auszusehen – z. B. Augenbrauen zu zupfen – ist auch den Burschen, die die Szene dominieren, wichtig. Mit „metrosexuell“ kann aber niemand etwas anfangen. Man sei bloß „gepflegt“. Auch über die politische Implikation des Palästinensertuchs(s.u.) wird nicht nachgedacht: Das sei grad in, bald vorbei.

Bald vorbei? Gilt das auch für die „Krocha“? Immerhin ironisieren sie den Hype bereits selbst. Der Steckbrief der Jugendforscher – „Bildungsferne, die ihren Opferstatus selbstbewusst konterkarieren“ – wird lässig kommentiert: „Wer jeden Freitag und Samstag ausgeht, wie soll der das Gymnasium schaffen?“, fragt Szymczak, der sein Hobby später eventuell zum Beruf machen will. Wenn es Krocha dann noch gibt. Kenner prognostizieren der Szene schon das Aus. Der Lehrling sieht's anders. „Wir werden immer da sein.“ FiiX?

AUF EINEN BLICK.

“Krochn“ ist in erster Linie Tanzen und zwar vor allem zu Techno. Der Shuffle sieht, simpel gesagt, nach Auf-der-Stelle-Laufen aus. Beim Jumpstyle hingegen wird zum Bass gesprungen. Musikalisch dominieren DJs, breiter bekannt ist Scooter (für Jumpstyle) und der Remix des Zillertaler Hochzeitmarsches von Stee wee bee. Fürs Tanzen gilt: Learning by doing. [Szymczak]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2008)

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