Vom Juden zum Moslem: Wer war Muhammad Asad?

Der Pate von Wiens erstem nach einem Moslem benannten Platz war Journalist, Diplomat und Theologe.

(c) Die Presse (Archiv)

WIEN (eko). „Die Benennung ist eine Provokation“, hörte man aus der FPÖ, als die Kulturkommission im Wiener Rathaus den Beschluss fasste, Muhammad Asad einen Platz zu widmen. Das sei in Zeiten des Islamismus ein unsensibler Schritt. „Das ist ein wichtiger symbolischer Schritt als Ausdruck des Respekts und gegenseitigen Verständnisses“, sagt hingegen Günther Windhager, Verfasser einer Biografie jenes Mannes, der in den zwanziger Jahren vom Judentum zum Islam konvertierte und zu einem der wichtigsten Denker der muslimischen Welt wurde.

Der Werdegang des Leopold Weiss – so sein ursprünglicher Name – ist es, der den Sohn einer Rabbiner-Familie so interessant macht. 1900 in Lemberg in der heutigen Ukraine geboren, zog er mit den Eltern 1914 nach Wien, wo er zur Schule ging, einige Semester studierte und sich im Kreis der Wiener Kaffeehausliteraten aufhielt – mit Anton Kuh und Milan Dubrovic, dem späteren Chefredakteur der „Presse“, verband ihn eine Freundschaft.

Ein Teil der literarischen Bohème blieb er, als er 1920 nach Berlin zog, wo er als Journalist arbeitete. Schon damals quälten ihn die politischen und gesellschaftlichen Zustände, sein jüdischer Glaube konnte ihm keine Antworten geben. So war seine erste Reise in den Orient – sein Onkel hatte ihn nach Jerusalem eingeladen – ein Wendepunkt. Der Islam schien ihm ein Gegenpol zum Materialismus der westlichen Welt zu sein.

Gleichzeitig zeigte er sich kritisch gegenüber dem Zionismus und der britischen Kolonialpolitik, die er bei Reportage-Reisen hautnah miterlebte. „Er hatte ein starkes Gerechtigkeitsempfinden“, meint Biograf Windhager, „er trat dafür ein, dass die islamischen Länder als gleichberechtigte Partner mit dem Westen auftreten“.

Nach einer zweiten Orient-Reise als Korrespondent der Frankfurter Zeitung kehrte er 1926 nach Berlin zurück, wo er zum Islam konvertierte und sich fortan Muhammad Asad nannte. Unter diesem Namen lebte er zunächst mehrere Jahre in Saudi-Arabien – als persönlicher Freund des Königs und späteren Staatsgründers Ibn Saud. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Asad in den diplomatischen Dienst Pakistans ein und wurde erster pakistanischer Gesandter bei der UNO in New York.


Kritik an den Herrschenden

Aber nicht nur auf dem politischen Parkett bewegte er sich, sondern auch im religiösen Bereich machte er sich einen Namen. Mit seinen Veröffentlichungen wurde er einer der bedeutendsten islamischen Autoren der modernen Zeit. Besonderen Stellenwert hat seine kommentierte Koran-Übersetzung ins Englische.

Asad gilt als Grenzgänger zwischen den Kulturen, der immer um einen – in Anlehnung an einen Koranvers – Weg der Mitte bemüht war. Er lieferte Denkanstöße für ein islamisch-demokratisches System und setzte sich für den Dialog zwischen dem Islam und dem Westen ein. Dank bekam er dafür kaum, im Gegenteil – in einigen islamischen Ländern wurde er sogar als Ketzer betrachtet, seine Schriften sind vielerorts verboten. Kein Wunder, eckte er doch mit Kritik an den Herrschenden massiv an. So attackierte er etwa in einem Interview den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini, dass dieser mit dem Islam nichts gemein habe.

Letztlich ist der 1992 gestorbene Visionär mit seiner Vorstellung eines religiös inspirierten gesellschaftlichen Reformprojekts gescheitert. In Zeiten, in denen beim Begriff Islam vor allem an Terrorismus und Fundamentalismus gedacht wird, lohnt es sich allerdings durchaus, sich mit Asads Persönlichkeit und seinem Werk näher zu beschäftigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2008)

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