Tumulte im U-Ausschuss Experte gegen Netzbetten

In Deutschland gibt es Netzbetten „nur im Museum“. Deutliche Worte gab es auch in einer anderen Frage.

(c) APA (Herbert Pfarrhofer)

WIEN. In der Sitzung der Psychiatrie-Untersuchungskommission im Wiener Rathaus gab es am Donnerstag deutliche Worte über die Zustände am Otto Wagner Spital. Während in Wien Netzbetten noch als durchaus vertretbares Instrument angesehen werden, übte der als Zeuge geladene deutsche Psychiatrie-Professor Heinrich Kunze Kritik an diesem System. Netzbetten kenne er in seinem Land nur „aus dem Museum“.

Deutliche Worte gab es auch in einer anderen Frage. Im Streit zwischen der SPÖ-Fraktion und der Opposition über ein mögliches „Redeverbot“ für Patienten vor der Kommission sprach sich der zweite geladene Zeuge, der Rektor der Sigmund Freud Privatuniversität, Alfred Pritz, selbst ein Psychotherapeut, im Sinne der Opposition aus. Ja, auch Betroffene sollten im Zuge der U-Kommission zu Wort kommen.

Allerdings mit der Einschränkung, dass dies in einem geschützten, nicht öffentlichen Rahmen geschehe. Die Opposition wertete dies jedenfalls als Bestätigung ihrer Forderung, Betroffene, die selbst gerne aussagen möchten, in der Kommission zu Wort kommen zu lassen.


Streit um Patientenanwalt

Die in die Defensive geratene SPÖ blieb weiter bei ihrer ablehnenden Haltung. Eine Befragung verletze die Schutzrechte von Patienten, so die SPÖ-Argumentation. Man solle sie nicht vor eine politisches Gremium zerren. SP-Gemeinderat Christian Deutsch: „Die Stelle, Patienten in einem geschützten Bereich zu hören, gibt es bereits – den Patientenanwalt.“

Sigrid Pilz von den Grünen: „Die SPÖ versteht's nicht. Der Patientenanwalt hat sich bei den Brandunfällen auf der Psychiatrie völlig desinteressiert gezeigt. Er ist Teil des Problems.“ Auch Ingrid Korosec, Gesundheitssprecherin der ÖVP, kann der Idee nichts abgewinnen. „Das ist Schwachsinn, Menschen wollen direkt gehört werden und nicht über Umwege.“

Kurzzeitig ging es im Sitzungssaal recht turbulent zu. Betroffene und Angehörige beschwerten sich lautstark darüber, dass sie nicht gehört würden. Die Sitzung wurde vorübergehend unterbrochen, bis eine Frau – die Mutter eines Psychiatrie-Patienten – mühsam beruhigt werden konnte. Sie hatte über die „traurige, verachtende“ Situation in der Wiener Psychiatrie geklagt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2008)

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