Graz: Pläne für Drogen-Konsumraum

Parteien-Streit um Pilotprojekt. Die Stadt Graz zeigt sich gesprächsbereit, aber der Bund legt sich quer.

(c) APA (DPA)

GRAZ. Ulf Zeder wundert sich: „Wovor fürchtet man sich“, fragt sich der Suchtkoordinator der Stadt Graz. Zeder hat ein Konzept für eine so genannte „Drogentherapeutische Anlaufstelle“ in Graz erarbeitet, das jetzt vom Drogenkoordinator des Bundes aufgrund der fehlenden rechtlichen Basis abgelehnt wurde. „Der Bund hätte die Möglichkeit gehabt, im Rahmen der Novelle des Suchtmittelgesetzes einen entsprechenden Passus einzubauen“, kontert Zeder. „Aber es wird nicht einmal diskutiert“, ärgert er sich.

Es geht um einen von der öffentlichen Hand betriebenen Konsumraum für Drogensüchtige. 75 derartige Einrichtungen gibt es aktuell in Europa, unter anderem in Deutschland, Spanien, in den Niederlanden und der Schweiz. Die Drogenabhängigen können dort unter medizinischer Aufsicht ihre Suchtmittel zu sich nehmen. Das Projekt, es wäre ein Österreich-weiter Pilotversuch, sollte vorerst ein Jahr laufen und begleitend wissenschaftlich evaluiert werden. Nach Schätzungen gibt es derzeit im Großraum Graz 1500 bis 2000 Süchtige, die sich regelmäßig Drogen per Spritzen injizieren.

Hannes Schwarz, steirischer SPÖ-Landtagsabgeordneter, der einen entsprechenden Antrag für einen Konsumraum im Landtag eingebracht hat, bezeichnet die derzeitige Situation nämlich als „schizophren“: Einerseits würden im bereits existierenden Kontaktladen der Caritas in der Grazer Orpheumgasse jährlich fast 300.000 Spritzen ausgegeben werden, um die hygienischen Bedingungen für die Süchtigen zu verbessern. Andererseits dürften die Spritzen im Kontaktladen selbst aber nicht verwendet werden.

„Damit drängen wir die Betroffenen in öffentliche Toilettenanlagen oder Parks“, warnt Schwarz. Er sieht in einem Konsumraum eine Möglichkeit, Schwerstabhängigen eine Überlebenshilfe zu geben und den Betroffenen den „Einstieg in den Ausstieg zu ermöglichen“, indem parallel niederschwellige Angebote für eine Therapie gemacht werden.

Die steirische ÖVP legt sich gegen derartige Pläne allerdings vehement quer. „Illegales zu legalisieren ist das falsche Signal“, kritisiert VP-Sicherheitssprecher Eduard Hamedl. „Wir schauen zu, wie sich Süchtige illegale Drogen spritzen – das kann nicht der Weg sein“, wettert er. Außerdem seien alle der heuer bisher acht steirischen Drogentoten an einem Missbrauch der Ersatzdroge Substitol gestorben.


Nagl: „Können darüber reden“

Nicht ganz so apodiktische Töne hört man dagegen von Hamedls VP-Kollegen Siegfried Nagl. Der Grazer Bürgermeister will zwar aktuell „nicht über etwas diskutieren, was rechtlich nicht möglich ist“, schließt aber eine entsprechende Einrichtung im Rahmen des von ihm angepeilten drogentherapeutischen Zentrums nicht kategorisch aus: „Sollten Experten meinen, in einem etablierten Zentrum wäre in Kooperation mit Ärzten und Streetworkern eine derartige Ergänzung sinnvoll, können wir darüber reden.“

Eduard Hamedl dagegen kündigt Unterschriftenlisten gegen einen Konsumraum an. „Ich wäre der erste, der per Anzeige ein Einschreiten der Polizei erwirken würde“, kündigt er Widerstand an. Suchtkoordinator Zeder kann da nur den Kopf schütteln: „Wenn man etwas nicht will, wird man immer Gründe finden und alles daran setzen, um etwas verhindern zu können.“

STREIT:Konsumraum versus Drogenambulanz

Politzwist. Im vergangenen Jahr gab es in der Steiermark 18 Drogentote. Heuer waren es bereits acht. Die SPÖ wünscht sich jetzt einen öffentlichen Konsumraum, wo Süchtige unter ärztlicher Aufsicht Drogen nehmen können. Die ÖVP will stattdessen Drogenambulanzen, wo unter Aufsicht Ersatzdrogen abgegeben werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2008)

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