Marihuana: "Die Dämme sind längst gebrochen"

Die Zahl der Hanfshops in Österreich ist zuletzt kräftig angestiegen. Die Branche spekuliert damit, dass der grüne Rausch nach US-Vorbild in absehbarer Zeit legal wird.

Wolfgang Weißenböck
Wolfgang Weißenböck
Wolfgang Weißenböck – Mario Baumgartner

Wien. Sogar eine Polizistin will Wolfgang Weißenböck schon bedient haben. Die junge Frau, erzählt er, sei in sein Hanfgeschäft im 15. Wiener Gemeindebezirk gekommen, habe sich von ihm beraten lassen und drei kleine Hanfstauden um 9,90 Euro pro Stück gekauft. „Nebenbei hat sie erzählt, dass sie Exekutivbeamtin sei“, sagt der 44-jährige Ladeninhaber.

Wie jede andere Kundschaft habe er sie belehrt: dass sie Zierpflanzen erworben habe, deren Besitz legal sei, solang sie nicht zur Blüte gebracht würden. Denn dann erzeugt die Pflanze den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC). Dieser macht aus Hanf Marihuana, das geraucht, gegessen oder getrunken rauschartige Zustände herbeiführt. Weißenböck macht sich allerdings keine Illusionen darüber, dass es dem Großteil seiner Käufer genau darum geht. „Aber ich gebe keine Beratung zum Missbrauch“, sagt er. Schließlich würde er sich strafbar machen, denn Cannabiskonsum ist in Österreich verboten. „Noch“, sagt Weißenböck. „Die Dämme sind längst gebrochen.“

Weißenböck ist nicht der Einzige, der das glaubt. Der österreichische Hanfverband – eine Dachorganisation, die sowohl Legalisierungsaktivisten als auch Hersteller von unverdächtigen Hanfprodukten wie Speiseöl, Kosmetika oder Leinen vertritt – registriert ein sprunghaftes Ansteigen von Hanfläden. In den vergangenen zwölf Monaten sei die Zahl von 50 Shops in Österreich auf rund 70 angestiegen, sagt Obmann David Rosse. „Ich schätze, dass der Umsatz mittlerweile bei zehn bis 15Millionen Euro liegt.“ Es gebe sogar eine Handvoll Großhändler mit bis zu 30 Angestellten und Filialen in ganz Österreich.

Kleine Stauden in Weißenböcks Hanfgeschäft im 15. Bezirk
Kleine Stauden in Weißenböcks Hanfgeschäft im 15. Bezirk
Kleine Stauden in Weißenböcks Hanfgeschäft im 15. Bezirk – Mario Baumgartner

Strenges Österreich

Ausschlaggebend für den Boom seien die USA, wo immer mehr Bundesstaaten den Konsum und Verkauf von Marihuana freigeben. „Das gibt der Branche einen gewaltigen Aufschwung.“ Wie Weißenböck ist er davon überzeugt, dass es sich bei der Legalisierung um ein globales Phänomen handle, dem sich auch Österreich auf Dauer kaum werde entziehen können (s. auch Artikel). „Die internationale Drogenpolitik denkt um. Ich bin überzeugt, dass es auch in Österreich innerhalb der nächsten Jahre Änderungen geben wird.“

Derzeit sieht das anders aus. Auch wenn die Zahl der Konsumenten steigt – laut Drogenbericht der Bundesregierung kommt jeder vierte Österreicher zumindest einmal im Leben damit in Kontakt – will sich keine Partei so richtig aus dem Fenster lehnen. ÖVP, FPÖ und SPÖ – letztere zumindest im Bund– lehnen eine Legalisierung ebenso ab wie die Entkriminalisierung der Droge. Auch Grüne und Neos sind zurückhaltend: Sie fordern eine Freigabe von Marihuana für medizinische Zwecke – von einem Freibrief zum Kiffen wie in den USA wollen sie nichts wissen.

Auch Hans Haltmayer, Beauftragter für Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, ist gegen einen ungehinderten Zugang: Zwar zeige die „überwiegende Mehrheit der Konsumenten kein Suchtverhalten. Bei Menschen mit einer gewissen Disposition kann es aber zu nicht unproblematischen Folgen kommen.“ So könnten Psychosen ausgelöst oder bei einer Schizophrenie verstärkt werden. Dass es sich bei der legalen Droge Alkohol nicht anders verhalte, lässt er nicht gelten: „Das ist sicherlich eine toxischere Substanz als Cannabis. Aber die Frage ist, wie viele frei verfügbare Drogen sich eine Gesellschaft leisten kann und will.“

Die hiesigen Gesetze sind im EU-Vergleich streng. Selbst der Besitz von kleinen Mengen Marihuana ist strafbar. Bundesweit gab es im Vorjahr 18.000 Anzeigen gegen Konsumenten. Zwar verzichtet die Staatsanwaltschaft in der Regel auf eine Strafverfolgung, doch die Eintragung ins Suchtgiftregister bringt andere Behörden auf den Plan: Wer aktenkundig wird, dem droht der Entzug des Führerscheins, im Wiederholungsfall kann der Pass eingezogen werden.

Auch Weißenböck wurde schon mit Marihuana erwischt. Er selbst sieht sich als politischer Aktivist: Einst demonstrierte er gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ, nun geht er für die Legalisierung von Marihuana auf die Straße. Zuletzt marschierte er Anfang Mai mit 500 anderen beim Hanfwandertag durch die Wiener Innenstadt – eine Demo für die Liberalisierung. Und das, obwohl er der Droge inzwischen abgeschworen hat: „Sport gibt mir mehr.“ Doch für das Recht auf den Marihunarausch will er kämpfen. Auch, weil er darin einen neuen Wirtschaftszweig sieht. „Ich bin bereit zu investieren“, sagt er. Weißenböck steht jedenfalls in den Startlöchern. Offiziell betreibt er eine Gärtnerei, Geschäftszweck: Aufzucht und Verkauf von Hanfpflänzlingen. Rund 30 Sorten bietet er an. Er beschäftigt zwei Vollzeitangestellte, zahlt nach Kollektivvertrag, führt Steuern ab und ist Mitglied der Wirtschaftskammer. Neulich, erzählt er, sei sogar ein Anzeigenverkäufer der Bezirkszeitung hereingeschneit und habe ihn überreden wollen, ein Inserat zu schalten.

 

Razzien sind selten

Als Mitte der Neunzigerjahre die ersten Hanfshops öffneten, marschierte die Polizei ein. Inzwischen sind Razzien selten, wie Adina Mircioane, Sprecherin der Wiener Polizei, sagt: „Es gibt für uns keinen Grund, solche Geschäfte zu observieren.“ Die Betreiber würden die Gesetze kennen, „was sie tun, ist nicht verboten“. Allenfalls gebe es „sporadische Überprüfungen, wie in anderen Geschäften auch“. Vor einigen Wochen, erzählt der Hanfpflanzenverkäufer, habe er Besuch von zwei Polizisten bekommen. Ein Nachbar habe sich über die Geruchsbelästung beklagt. Er habe die Beamten durch das Geschäft geführt, sagt er. „Sie waren ausgesprochen freundlich.“ Nach einer halben Stunde zogen sie ab – ohne etwas gekauft zu haben.

RECHTSLAGE

Was man (nicht) darf. Der Besitz von Hanfstauden ist legal, solang sie nicht zur Blüte gebracht werden. Denn dann erzeugt die Pflanze den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC). Dieser macht aus Hanf Marihuana, das geraucht, gegessen oder getrunken rauschartige Zustände herbeiführt. Der Besitz schon von kleinen Mengen Marihuana ist strafbar. Allerdings verzichtet die Staatsanwaltschaft in der Regel auf eine Strafverfolgung. Doch wer aktenkundig wird, dem droht der Entzug des Führerscheins, im Wiederholungsfall kann der Pass eingezogen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2014)

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