Drogenkonsum in Öffentlichkeit steigt

Noch nie gaben Wiens Streetworker mehr Spritzen-Sets ab als im ersten Halbjahr 2008. Mehr Suchtkranke gebe es deshalb aber nicht, sagt der Drogenkoordinator.

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(c) APA (Helmut Fohringer)

Wien. Der intravenöse Konsum von Drogen nimmt zu. Das beweisen die neuesten Zahlen, die die Wiener Sucht- und Drogenkoordination am Dienstag vorlegte. Basis für die Daten ist das inzwischen 18 Jahre alte Programm zum kostenlosen Spritzentausch, das Süchtige vor HIV und Hepatitis schützen soll. Dieses verzeichnete von Jänner bis Juni nicht weniger als 132.000 Kontakte mit Suchtkranken. Das ist die höchste bisher gemessene Klienten-Frequenz an den zwei Ausgabestellen (Ganslwirt in Mariahilf und Streetwork am Karlsplatz). Zum Vergleich: 2002 wurden genauso viele Kontakte registriert, allerdings über das gesamte Jahr verteilt.

Wird die Stadt nun von einem Heer von Drogenkranken überschwemmt? „Nein“, sagt Drogenkoordinator Michael Dressel. Die Zahl jener Personen, die das Angebot des Eintauschs von gebrauchten für sterile Spritzbestecke nutzen, sei mit 1500 Personen seit Jahren gleich. Warum sich die Anzahl der registrierten Kontakte seit 2002 fast verdoppelt hat, erklärt er sich mit dem geänderten Konsumverhalten der Süchtigen. Wurden zuvor hauptsächlich Opiate wie Heroin intravenös konsumiert, gewann zuletzt Kokain immer mehr an Bedeutung. Gravierender Unterschied: Während Heroin zwei bis drei Mal täglich gespritzt wird, geschieht das mit Kokain bis zu zehn Mal am Tag. Dressel: „Entsprechend stieg auch die Zahl der Kontakte bei der Ausgabe der Spritzen-Sets.“

Für die Mehrheit der Nicht-Drogenkranken ist das deshalb von Relevanz, weil ein beträchtlicher Teil der Suchtmittel-Konsumenten ihre Drogen in der Öffentlichkeit, in Parks und in Stiegenhäusern konsumiert. Weiters wirken Suchtkranke, die Kokain intravenös konsumieren, für Passanten auf Grund der Wirkung der Substanz besonders verwahrlost. Für die Wiener Grünen Grund genug, ihre alte Forderung nach Konsumräumen für Drogen zu erneuern.


Lösen Konsumräume Probleme?

„Immer wieder beschweren sich Anrainer bei mir darüber, dass in ihrem unmittelbaren Umfeld Drogen konsumiert werden“, sagt Gemeinderätin Heidi Cammerlander. Räume, in denen Drogen legal und unter Aufsicht gespritzt werden könnten, würden dieses Problem lösen. Weiters kritisiert sie das inzwischen fast zehn Jahre alte Drogenkonzept der Stadt, in dem viel zu wenig Platz für Reintegration von Suchtkranken („Therapie durch Arbeit“) wäre.

Ebenso beständig wie die Grünen derartige Räume fordern, wird die Forderung von den zuständigen Stellen – Rathaus und Drogenkoordination – zurückgewiesen. Konsumräume würden nur Sinn machen, um extrem große „Szenen“ quasi aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. In Wien jedoch sei die kritische Größe – im Gegensatz zu Städten wie Frankfurt oder Hamburg – noch nicht erreicht. Weiters seien Konsumräume problematisch, weil die Exekutive Besucher per Gesetz perlustrieren müsste und das Angebot so gar nicht genutzt werden könnte.

Bei den bestehenden Einrichtungen sei das anders, weil ebendort keine Drogen konsumiert werden dürfen, die Polizei de iure also keinen begründeten Verdacht dafür hätte, dass Besucher Drogen bei sich haben. Kommentar Seite 39

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2008)

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