Islamischer Dresscode: Mit Burkini ins Bad

Bademode abseits der Shorts-Diskussion: Damit sich gläubige Muslimas ins Bad trauen, wollen die Wiener Bäder den muslimischen Ganzköperbadeanzug propagieren.

(c) Reuters (Tim Wimborne)

Wien. Kann Badebekleidung Zeitungsseiten füllen? Ja, sie kann. Das zeigte heuer die erste Nachricht aus dem Sommerloch: Schweizer Bäder kündigten an, weite Badeshorts zu verbannen. Und auch in Wien hat man neuerdings Sorgen aus Trikotstoff, allerdings andere. Denn während in Basel männliche Teenager mit schlabbrigen Hosen aus dem Wasser gepfiffen werden, mussten in Wien im Frühjahr zwei Frauen das Becken verlassen. Sie waren komplett anzogen ins Wasser gegangen. Die eine mit Legging und Leiberl, die andere mit einem seidigen Hausanzug.

Beides ist aus demselben Grund wie überknielange Freizeithosen verboten: „Immer, wenn man nicht unterscheiden kann, ob es sich um Straßenkleidung oder ein Badeoutfit handelt“, sagt Werner Schuster, Leiter der MA 44 (Bäder), „gibt es ein prinzipielles hygienisches Problem“. Das aber zu lösen sein müsste, meinte eine der betroffenen Frauen. Sie klopfte wenige Tage nach dem Vorfall bei der MA44 an und fragte, was mit ihrem Anzug nicht stimme bzw. welches Badekleid für streng(er) gläubige Muslimas denn erlaubt sei. Tja, gute Frage.

 

Kauf-Möglichkeit? Fehlanzeige

Die MA 44 begann daraufhin zu recherchieren und fand im Internet, was man von der internationalen Berichterstattung bereits kennt. Den „Burkini“, eine Wortmelange aus Burka und Bikini. Dabei handelt es sich um einen zweiteiligen Schwimmanzug aus Trikotmaterial mit Kapuze, der bis auf Gesicht, Hände und Füße den ganzen Körper bedeckt. Man sieht ihn inzwischen in Indonesien genauso wie in Australien, wo auch die bekannteste Produzentin Aheda Zanetti sitzt. „Wir wollen den Burkini über islamische Frauenvereine bekannt machen“, sagt nun Schuster. Damit will Schuster Frauen, die sich bisher nicht ins Bad getraut haben, zeigen, dass es eine Möglichkeit gibt, wie sie verhüllt, aber in Einklang mit den Regeln der Wiener Bäder schwimmen gehen können. Im Herbst, sagt Schuster, wolle er mit Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger sprechen. Vorab äußerte man sich aus deren Büro positiv: Alles, was muslimischen Frauen helfe, in die Gesellschaft eingegliedert werde, sei zu begrüßen.

Bis Herbst will Schuster auch einen MA44-tauglichen Burkini definieren („anliegend, Schwimmtrikotmaterial, das sich nicht ansaugt, keine losen Bandeln“). Notfalls will man eine eigene Version schneidern lassen. Was gar keine schlechte Idee wäre. Denn in Wien bekommt man einen Burkini bis jetzt gar nicht. „Ich habe zwar Anfragen, vor allem zur Urlaubszeit“, sagt Nesli Avci, Besitzerin der Boutique „Merve“, „aber ich führe keinen.“ Auch sonst wüsste sie kein Geschäft: „Das hätte sich herumgesprochen.“

Überhaupt trifft der Vorstoß der Wiener Bäder die islamische Community unvorbereitet. So reagierte etwa Andrea Saleh, die bei der „Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich“ für die Frauenagenden zuständig ist, freudig überrascht. Bedarf sieht sie vor allem bei jüngeren Frauen. Wie groß der sei, wisse sie nicht. Denn: „Frauen mit Gesichtsschleier zeigen nicht einmal eine Zehe.“ Andere trügen teilweise sowieso Badeanzug. Außerdem sei ganz Strenggläubigen auch der Anblick andererhalbnackter Menschen verboten. Wenn gläubige Muslimas derzeit schwimmen gehen, machen sie das, sagt Saleh, in angemieteten Hotelbädern oder bei Frauenabenden im Amalienbad. „Manchmal hüpft man schnell in einen Schotterteich.“

 

Angestarrt wie ein Alien

Ob der Burkini überhaupt angenommen wird, ist für Saleh auch eine Frage des Mutes: „Man wird sicher angestarrt wie ein Alien.“ Überhaupt fürchte sie, dass „die gute Absicht schlecht ausgelegt wird“: „Einige werden sich aufregen und uns vorwerfen, dass wir eine Extrawurst bekommen.“ Auch Schuster ist klar, dass es auf beiden Seiten Provokationen geben wird: „Das wird ein Seiltanz.“

Schaute man – wieder mal – hinüber zur Schweiz, müsste man so große Angst aber nicht haben. Zwar ließen unlängst Zürichs Schweizer Demokraten mit der Forderung nach einem Burkini-Verbot aufhorchen, doch das sei nicht ernst zu nehmen, erklärt Herrmann Schuhmacher, Leiter der dortigen städtischen Badeanlagen: „Seit drei Jahren baden bei uns häufiger Frauen mit Burkini.“ Man habe das geprüft und es gebe weder hygienische noch sonstige Bedenken: „In all den Jahren hatten wir eine einzige Beschwerde. Und die war anonym.“

AUF EINEN BLICK

Im Frühjahr wurden zwei Frauen in Wien aus dem Schwimmbecken gewiesen, weil sie komplett angezogen ins Wasser gingen. Das ist aus Hygienegründen nicht erlaubt. Seitdem sucht die Bäderverwaltung nach einer Lösung.

Ein Burkini ist ein Ganzkörperbadeanzug mit Kapuze. Er wird etwa seit drei Jahren in der Schweiz verwendet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2008)

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