Kriminalität steigt - aber nur in geheimer Statistik

Im polizei-internen Sicherheitsmonitor scheinen mehr Delikte auf als in der offiziellen Kriminalstatistik. Die exakte Zahl bleibt geheim, obwohl sie ein genaueres Bild der Sicherheitslage bieten würde.

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WIEN (stög./red.).Es war eine illustre Runde, die am Montag angetreten war, um Journalisten in die Geheimnisse der Kriminalstatistik einzuweihen: Andrea Raninger, Leiterin des Bundeskriminalamtes (BK), Erika Gamsjäger, oberste Hüterin der Kriminalstatistik und Paul Marouschek, Chef der Kriminalanalyse im BK.

Ihre Botschaft: Die Polizei führt zwei Statistiken. Die monatlich veröffentlichte Kriminalstatistik ist eine Anzeigenstatistik, deren Kurven seit Monaten nach unten zeigen. Sie gibt Aufschluss über die von der Polizei an die Justiz gemeldeten Fälle innerhalb eines bestimmten Zeitraumes. Diese Zahlen seien einerseits für die Erstellung des jährlichen Sicherheitsberichtes wichtig, andererseits, um „mittel- bis langfristige“ Strategien innerhalb der Kriminalpolizei zu planen, berichtete Marouschek.

Eine polizeiinterne Statistik ist hingegen der Sicherheitsmonitor. Dabei handelt es sich um eine Software. Sobald ein Kriminalfall der Polizei bekannt wird, wird er dort eingegeben. Somit können sich alle Polizisten in ganz Österreich tagesaktuell Kriminalitätsentwicklungen unter verschiedenen Gesichtspunkten ansehen. Der Sicherheitsmonitor dient als Grundlage für Schwerpunktmaßnahmen. 1500 Entscheidungsträger innerhalb der Polizei erhalten täglich ein Online-Lagebild zur aktuellen Kriminalität. Grundlage dafür: der Sicherheitsmonitor. Hier liegt die Zahl der Delikte über jenen der Kriminalstatistik.

Die Experten betonten am Montag: Ein Vergleich der Statistiken sei unzulässig, es würden „Äpfel mit Birnen“ verglichen. Einer der Gründe laut Marouschek: Es gäbe andere Zählweisen. So werden zum Beispiel bei angezeigten Taschendiebstählen die dabei in der Regel ebenfalls begangenen Urkundenunterdrückungen nur im Sicherheitsmonitor doppelt gezählt. Auf Nachfrage räumte Marouschek ein, dass selbst bei Herausrechnen dieser Doppelzählung im Monitor noch immer ein Plus bei der Zahl der Fälle aufscheine.

Während die Kriminalstatistik am zehnten Kalendertag des Monats veröffentlicht wird und die Daten aus dem Vormonat enthält, bleiben die Zahlen aus dem Sicherheitsmonitor, der das aktuelle kriminalistische Lagebild abbildet, geheim. Auch auf mehrmaliges Nachfragen wollte man keine Auskünfte zu aktuellen Zahlen geben. Von geheim allerdings könne, so Marouschek, keine Rede sein. „25.000 Polizisten in ganz Österreich arbeiten schließlich damit.“

Raninger betonte ausdrücklich, dass keine Zahlen gefälscht werden. Allerdings könne man über „Richtlinien zur statistischen Erfassung diskutieren“.

Zur Diskussion um den laut Ex-BK-Chef Haidinger manipulierten Statistikfall um 46.000 Geschädigte einer Betrügerin, die Heimarbeit versprach und dafür „Schutzgebühr“ einhob – der Fall wurde 2004 als ein Delikt erfasst –, sagte Raninger: „Es gab einen Tatvorgang, eine Betrügerin hat ein Inserat geschaltet, 46.000-mal ist die Schutzgebühr auf das Konto geflossen. Daher ist das ein Delikt.“

 

Pkw-Diebstähle steigen an

Zeitgleich wurde am Montag bekannt, dass die Zahl der österreichweit gestohlenen Autos heuer deutlich gestiegen ist. Von Jänner bis August wurden um 11,3 Prozent mehr Fälle angezeigt als im Vergleichszeitraum 2007. Knapp 3000 Pkw und Kombis wurden entwendet, 2007 waren es 2640.

Auf einen Blick

Kriminalitäts-Statistik. Die offizielle Zählweise erfolgt über eine Anzeigenstatistik. Diese erfasst die von der Polizei an die Staatsanwaltschaft gemeldeten Anzeigen. Ein aktuelles Kriminalitätslagebild lässt sich daraus aber nicht ableiten.
Dieses ergibt sich hingegen aus dem Sicherheitsmonitor. Dort werden in „Echtzeit“ die Kriminalitätsfälle österreichweit eingegeben. Daten aus dieser Analyse werden nicht veröffentlicht. Sie seien nur für interne Zwecke bestimmt, heißt es.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2008)

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