Knize: Wechseljahre eines Herrenschneiders

Der Herrenausstatter Knize feiert Anfang November Geburtstag. Eigentümer Rudolf Niedersüß hält Werte wie Tradition und Qualität immer noch hoch, sorgt sich aber um die Zukunft des Hauses.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

WIEN.Anzüge im Museum? Ja, das gibt es. Zumindest dann, wenn mit ihnen gefeiert wird. Am Freitagabend, kurz nach Museumsschluss, schmückten Anzüge, Smokings und Cuts von Knize die Säulenhalle der Albertina.

Prunkvoll wollte die Familie Niedersüß, die den Herrenausstatter Knize seit über 30 Jahren führt, das 150. Firmenjubiläum feiern. Und prunkvoll ist das Fest am vergangenen Freitag auch geworden. Die Seitenblicke und andere Society-Formate wurden bewusst nicht eingeladen, Klasse statt Masse gilt in diesem Haus offenbar nicht nur bei der Schneiderkunst, sondern auch beim Feiern. Die Stammkundenkartei von Knize umfasst rund 1000 Namen. „Es war schwer, daraus die Gäste für die Feier auszuwählen“, sagt Rudolf Niedersüß, der Hausherr. Auch Peter Knize (84), ein Nachfahre der Knize-Linie, die das Unternehmen 1976 an Niedersüß verkaufte, war extra aus den USA angereist.

Ortswechsel. Ein sonniger Herbstvormittag. Am Graben parken Lieferwagen. Dazwischen bahnen sich vereinzelt Reisegruppen ihren Weg. Eine britische Reiseführerin hält vor dem Knize-Portal aus dunklem Marmor, das Adolf Loos 1910 entworfen hat. „This was the tailor of the imperial family. Look how fancy all the things are“, sagt sie. Ein schneller Schnappschuss und weiter geht es. Vor der Auslage daneben, die leer und staubig ist, bleibt die Reisegruppe nicht stehen.

Angst vor der Übergabe

Dabei teilt Knize mit dem Nachbarn eine lange Geschichte. Die vor Kurzem zu Ende ging. Die Konditorei Lehmann musste im Sommer schließen. Aus Gründen, die auch Rudolf Niedersüß schon länger Sorge bereiten und die man „Fünfzehntelanhebung“ nennt. Sollte Niedersüß das Geschäft an die nächste Generation übergeben, würde die Miete für das 600m große Geschäft, die seit Jahrzehnten nicht erhöht wurde, auf den ortsüblichen Preis angehoben werden. „Die Bank würde dann 40.000 Euro bekommen.“ Die waren mit Kaffee und Kuchen beim Lehmann nebenan nicht hereinzubekommen. Und sogar mit Anzügen wird das schwer werden, sagt Niedersüß. Auch wenn sie von Knize sind (Beachte: das z wird wie wie das französische Je bei Je t'aime, ausgesprochen) und mindestens 5.800 Euro kosten.

Vielleicht lässt man sich auch deshalb noch Zeit mit dem Generationswechsel. Sohn Bernhard Niedersüß (34) geht stattdessen seit dem Vorjahr mit seiner Marke „Niedersuesz“ eigene Wege. „Ich habe bei meinem Vater 14 Lehrjahre verbracht, jetzt ist die Zeit, um eigene Erfahrungen zu sammeln“, sagt er. Über den Streit zwischen Vater und Sohn, den man sich vor einem Jahr hinter vorgehaltener Hand erzählte, wollen sich die beiden nicht äußern. Klar sei aber, dass der Sohn eines Tages den Betrieb des Vaters, der vergangene Woche 73 wurde, übernehmen werde.

 

Das Vermächtnis von Adolf Loos

Jetzt steht also noch Niedersüß senior jeden Tag selbst im zweistöckigen und sehr verwinkelten Geschäft am Graben 13 und nimmt den Kunden Maß ab. Der berühmte Architekt Adolf Loos hat große Teile des Interieurs entworfen. Mit dem bekannten Marmorportal hat Niedersüß aber nicht immer Freude gehabt. „Die Leute trauen sich oft nicht herein. Das Portal wirkt nicht gerade einladend“, sagt er.

Zumindest die Stammkunden wissen, was sie hier bekommen. Auch wenn man sich die Zuneigung des Personals mitunter erst erarbeiten muss. Die Anzüge werden noch zur Gänze im Haus gemacht. Nur die Hemdenwerkstatt wurde aus Platzgründen ausgelagert. Rund 70 Arbeitsstunden braucht man für einen Anzug. Rund 200 Stück pro Jahr werden bei Knize angefertigt.

Und trotzdem gilt: Es muss gespart werden. Es wird kein Geld für unnötige Posten ausgegeben. Das gilt auch, oder gerade, beim Feiern. Die langstieligen Rosen, der Tischschmuck bei der Gala in den Habsburgischen Prunkräumen der Albertina, bringt Niedersüß am nächsten Tag zur Caritas Socialis. Eine Mitarbeiterin sagt: „Das hat er schon bei seiner Hochzeit so gemacht.“

AUF EINEN BLICK

Das Haus Knize wurde am 6. 11. 1858 von Josef Knize gegründet. Rudolf Niedersüß, geb. 1935, begann 1956 bei Knize und beteiligte sich 1976 am Unternehmen. Sein Sohn Bernhard Niedersüß wird den Betrieb mit 40 Mitarbeitern übernehmen. Aus Angst vor der Mietpreisanhebung, die dann erfolgen würde, wartet die Familie diesen Schritt noch ab. Niedersüß junior hat sich unterdessen mit seinem Atelier in der Annagasse selbstständig gemacht. [Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2008)

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