Michael Wilhelm: Monsignores Kreuz mit Amtskirche

Michael Wilhelm, einst „Star“ der Kirche, muss heute „nicht mehr wichtig sein“.

Michael Wilhelm (l.)
Michael Wilhelm (l.)
(c) Steffen Arora

KALTENBRUNN.„Ich muss nicht unbedingt wichtig sein. Das ist im Klerus auch oft eine Krankheit.“ Wenn Monsignore Michael Wilhelm an seine Zeit im Rampenlicht zurückdenkt, bemüht er sich, kein Zeichen von Wehmut zu zeigen. Doch wer würde es ihm übel nehmen? Denn anstatt als Domherr über den Wiener Steffl zu wachen oder als Sekretär der Bischofskonferenz (BIKO) die Geschicke der österreichischen Amtskirche mit zu leiten, hütet Wilhelm heute gut 600 Schäfchen im Tiroler Kaunertal. Verkehrte Monsignore dereinst noch im Kreise höchster kirchlicher Würdenträger, sitzt er heute lieber in der holzvertäfelten Stube des Widums und genießt ein Bier mit Wallfahrern. Und anstatt als Reformer die verkrusteten Strukturen der Kirche aufzubrechen, restauriert Wilhelm jetzt lieber seine 850 Jahre alte Wallfahrtskirche in Kaltenbrunn.

Im Tiroler Kaunertal, wo der erste Schnee bereits die fast senkrechten Gebirgshänge herunterkriecht, hat der 49-Jährige seinen Frieden gefunden. Als Dorfpfarrer von Feichten und Kaltenbrunn. Er fühlt sich wohl in dieser „kleinen überschaubaren Welt, weit weg vom Chaos in der Kirche“. Hier kann er endlich schalten und walten, wie er es für richtig hält. Denn sein Verständnis von gelebtem Glauben deckt sich nicht mehr mit dem der Amtskirche.

Der Schnitt passierte vor genau zehn Jahren, als der Kirchenstreit in Österreich auf seinem Höhepunkt angelangt war. Nach der Delegiertenversammlung im Rahmen des „Dialoges für Österreich“ in Salzburg im Oktober 1998, wo die von den Bischöfen zur Abstimmung geladene Basis nach Reformen verlangte, kam es zur offenen Konfrontation innerhalb des Episkopats. Reformer, die das Verlangen des Kirchenvolkes unterstützten, standen Bewahrern, die jegliche Änderung ablehnten, unvereinbar gegenüber.

 

„Mir reicht's!“

Monsignore Wilhelm geriet als Sekretär der BIKO zwischen die Fronten und wurde vor allem vom erzkonservativen Diözesanbischof Kurt Krenn öffentlich kritisiert und grober Fehler in der Amtsführung beschuldigt. Der renitente Wilhelm konterte auf Krenns Vorwürfe mit: „Das Gegenteil ist wahr.“ Ein Affront: Der „kleine Sekretär“ bezichtigt den „großen Bischof“ der Lüge. Mit den Worten „Mir reicht's!“ trat Wilhelm schließlich Ende 1998 ab.

Ein Knalleffekt im damals tobenden Kirchenstreit, der 1995 durch die „Affäre Groër“ losgetreten wurde. Wilhelm stand die ganze Zeit über im Zentrum des Geschehens, war er doch seit 1986 als Zeremoniär und Sekretär einer der engsten Vertrauten des Kardinals gewesen. An seiner Seite stieg er 1994 zum bislang jüngsten Sekretär der BIKO auf. Die Frage, ob Wilhelm nichts von Groërs sexuellen Übergriffen gewusst habe, verneint er entnervt: „Egal was ich dazu sage, ich stehe immer entweder als Trottel, der nichts mitkriegte, oder als Lügner da.“

Dass die Affäre Groër zum Anlassfall der Kirchenkrise in Österreich wurde, liegt für Wilhelm am falschen Umgang mit Sexualität. Ein Thema, das für ihn zu den großen, ungelösten Altlasten der Kirche zählt. Der Knackpunkt liege in der Enzyklika Humanae Vitae Paul des VI. Die schließt Verhütung, vor- oder außerehelichen Sex sowie Homosexualität per se aus. „Das wird dem Menschen so nicht gerecht“, sagt Wilhelm. Gerade in Sachen Homosexualität bestehe seitens der Kirche Aufholbedarf: „Wo ein Haufen Männer sind, sind auch Homosexuelle.“ Das sei „ganz normal“, damit müsse auch die Kirche umgehen lernen. „Wer mit sich selbst zurechtkommt, kann das“, ist Wilhelm überzeugt.

Überhaupt nimmt sich Monsignore in Sachen Kritik an der Amtskirche kein Blatt vor den Mund. Angesichts des Priestermangels hat er kein Verständnis für die starre Haltung der Kirche. In Sachen Lockerung des Zölibates und der Weihe von Frauen gehe es schließlich nicht um Glaubensgrundsätze: „Es wäre die richtigere und kirchlichere Lösung, es zuzulassen.“ Dass der Papst anderer Meinung ist, lässt Wilhelm nicht als Gegenargument gelten: „Im Moment ist das eine Krankheit, man ist übertrieben papsthörig. Es darf keine Diskussionsverbote geben. Es braucht gesunden Respekt vor dem Amt, aber man darf das Hirn nicht ausschalten.“

Doch in Wahrheit glaubt Wilhelm nicht mehr an eine Aufarbeitung der noch immer ungelösten innerkirchlichen Debatte um Erneuerung. Daher sieht er für die Kirche eine Diasporasituation voraus: „Mit wenigen, dafür lebendigen Zentren.“ Zumindest er selbst habe seinen Platz gefunden: „Es war mein 18. Umzug, als ich vor zwei Jahren ins Pfarrhaus Feichten kam. Und es war mein letzter.“
Siehe Leitartikel Seite 31

Auf einen Blick

Michael Wilhelm (49) ist heute Pfarrer im Kaunertal (Tirol). Bis Ende 1998 war er einflussreicher Sekretär der Bischofskonferenz. Dann legte er sein Amt zurück. Sein Abgang war Teil der Auseinandersetzung um den damaligen St. Pöltner Bischof Kurt Krenn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2008)

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