Axtmorde: Fünf Tote und ein Narziss

Ab Donnerstag vor Gericht: Der Mann, der seine Familie tötete. Fünf Menschen erschlug er in Wien und Oberösterreich mit einer Axt. Als Motiv gibt er an: Er wollte den Opfern die Nachteile seiner Finanzprobleme ersparen.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

WIEN. Warum tötet ein Familienvater seine siebenjährige Tochter, seine Frau, seine Eltern und seinen Schwiegervater? Und das alles mit einer Axt? Die Begründung, die der Täter, der Politikwissenschaftler Reinhard St. (39), angibt, mutet unbegreiflich an: Er habe seinen Angehörigen die Folgen seiner Spekulationsverluste (St. verlor 200.000 €) ersparen wollen.

Ab Donnerstag (6. November) steht St., der früher die Öffentlichkeitsarbeit für Nationalratsabgeordnete erledigte, in Wien vor Gericht. Am Freitag möchte der Geschworenensenat (Vorsitz: Wilhelm Mende) das Urteil verkünden. St. ist des fünffachen Mordes angeklagt. Ihm droht lebenslange Haft. Eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher wird von Staatsanwalt Michael Radasztics nicht beantragt, zumal die vom Gericht beauftragte Psychiaterin Sigrun Roßmanith in ihrer 108 Seiten starken Expertise festhält, dass St. zwar an einer „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ leidet, die Voraussetzungen für eine Einweisung aber nicht erfülle. St. sei durchaus zurechnungsfähig.

Jahrelange riskante Aktienspekulationen des Angeklagten führten zu Pfingsten 2008 zum finanziellen Absturz. St. hatte 200.000 € in den Sand gesetzt – und fasste (laut Anklage) „infolge seines Unvermögens, seinen nächsten Angehörigen sein wirtschaftliches Totalversagen einzugestehen, den Entschluss, seine Ehefrau, seine Tochter, seinen Schwiegervater und seine Eltern zu töten“. In einem Werkzeuggeschäft in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus (15. Bezirk) kaufte er eine 40 cm lange Axt, die er in der Auslage sah. Am 13. Mai 2008, einen Tag nach Pfingsten (zu Pfingsten unternahm St. noch Ausflüge mit Frau und Kind in den Wienerwald) beging er die Bluttaten. Diese sollten Eingang in die österreichische Kriminalgeschichte finden – an Brutalität sind sie kaum mit anderen Verbrechen vergleichbar.

Das eigentliche Motiv kann auch das psychiatrische Gutachten nur in Form von – teilweise allgemeinen – Erklärungen fassen. St. (er wird im Prozess vom Wiener Anwalt Ernst Schillhammer vertreten) erklärte mehrmals, er habe nach den Tötungen auch seinem Leben ein Ende setzen wollen. Dabei habe er daran gedacht, mit dem Auto gegen eine Mauer zu fahren. Das Gutachten (bezogen auf die Angaben des Angeklagten): „Letztlich hätte der Untersuchte jedoch aus Angst, womöglich schwer beschädigt zu überleben, und diese Tötungsart nicht sicher genug steuern zu können, Abstand davon genommen. Überdies habe ihn auch das langsame Sterben, das lange Röcheln, wie er es bei den Opfern wahrgenommen habe, davon abgehalten.“

 

Abgeschnittene Gefühlswelt

Bei den psychiatrischen und psychologischen Tests stellte sich heraus: „Beim Untersuchten handelt es sich um einen scheinbar gänzlich rational gesteuerten Menschen, dessen Zugang zur Gefühlswelt abgeschnitten (abgespalten, isoliert) ist.“

Zu seinen Taten gab St. an, er habe seine Opfer deswegen massiv mit einer Axt attackiert, um ganz sicherzugehen, dass niemand überlebe. Diese seien nun besser gestellt als im Leben, sie hätten die gleichen Chancen wieder, wie vor ihrer Geburt. Aus dem Gutachten: „Zweifellos ist jedoch bei narzisstischen Persönlichkeiten der geschäftliche Ruin stets eine höchst problematische und lebensgefährliche Krise, die extremistisches Handeln begünstigt.“

Ab Donnerstag haben sich Geschworene, Vertreter des Volkes, mit der Strafsache zu befassen.

Auf einen Blick

Reinhard St. (39) steht ab Donnerstag (6. November) wegen fünffachen Mordes in Wien vor Gericht. Er hatte am 13. 5. in Wien, Ansfelden (Oberösterreich) und Linz seine Angehörigen mit einer Axt getötet – darunter seine siebenjährige Tochter, seine Frau, seine Eltern und seinen Schwiegervater. Als Motiv gibt er an: Er habe den Opfern die Nachteile seiner Finanzprobleme ersparen wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2008)

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