Knallkörper und Raketen: Tonnenweise Lebensgefahr im Heimlabor

Jährlich beschlagnahmen die Behörden drei bis fünf Tonnen illegaler Pyrotechnik. Die Herstellung vieler Produkte ist genauso einfach wie gefährlich: Halbwissen aus dem Internet macht es möglich.

Kapfenstein in der Steiermark: Bei der Produktion von Böllern wurde ein ganzes Haus zerstört, zwei Menschen starben.
Kapfenstein in der Steiermark: Bei der Produktion von Böllern wurde ein ganzes Haus zerstört, zwei Menschen starben.
Kapfenstein in der Steiermark: Bei der Produktion von Böllern wurde ein ganzes Haus zerstört, zwei Menschen starben. – (c) APA/ELMAR GUBISCH (ELMAR GUBISCH)

Wien. In Kapfenstein sprengen sich Vater und Sohn beim Herstellen von Böllern mitsamt einem ganzen Gebäude in den Tod. In Bruck an der Mur zerreißt ein Knallkörper die linke Hand eines Profifußballers. In Wien entdecken Diensthunde im Auto eines jungen Mannes 100 pyrotechnische Gegenstände mit „großem Gefahrenpotenzial“, wie es die Polizei ausdrückt.

Alle Vorfälle ereigneten sich innerhalb der vergangenen Woche. Und alle Vorfälle zeigen einmal mehr, dass Explosionen, Rauch und Feuer auf viele Österreicher fast schon magisch anziehend wirken – mit allen Konsequenzen.

 

1 Was weiß man über die Gefahren von Pyrotechnik in Österreich?

Da die Materie mehrere Behörden betrifft, existiert keine zentrale Statistik über Anzeigen und Zwischenfälle. Es gibt jedoch einige Kennzahlen, mit deren Hilfe man sich ein recht gutes Bild vom „Markt“ machen kann. Eine dieser Kennzahlen ist die Menge der beschlagnahmten Gegenstände, die die Behörden schließlich kontrolliert sprengen. Jahr für Jahr werden so drei bis fünf Tonnen Böller, Bomben und Raketen entsorgt. Allein im jüngsten Fall von Kapfenstein ging es gleich um 4000 bis 6000 Stück.

Bei den Versicherungen hat man indes einen groben Überblick über die Häufigkeit der Zwischenfälle. Etwa 600 Personen müssen deshalb jährlich im Spital behandelt werden. Häufig geht es dabei um abgerissene oder verletzte Gliedmaßen sowie schwere Gesichtsverletzungen und Verbrennungen am ganzen Körper.

Wenn man Experten nach den Gründen für die häufigen Unfälle mit Feuerwerkskörpern fragt, hört man eine Antwort immer wieder: gefährliches Halbwissen.
Die Basisinformation für die Produktion zum Teil leistungsstarker Knallkörper ist in Zeiten des Internets nämlich sehr leicht verfügbar. Gefährlich ist das deshalb, weil das Know-how zur sicheren Verarbeitung, Lagerung und Zündung weitaus weniger verbreitet ist. So wird eine vergleichsweise einfache chemische Übung schnell zum lebensgefährlichen Experiment.

 

2 Gibt es Regeln für Produktion und Vertrieb von Pyrotechnik?

Ja. Die Bestimmungen dafür sind sogar ziemlich streng. Wer selbst Pyrotechnik herstellen will, muss bei der Behörde um eine Erzeugergenehmigung ansuchen. Die Anforderungen an das verlangte Kno-how sind groß, ebenso die Sicherheitsbestimmungen für die Werkstatt, in der die Produktion schließlich stattfinden soll. Auch für den Verkauf von Feuerwerkskörpern braucht es eine besondere Genehmigung der Behörde. Wer beides privat und im stillen Kämmerlein macht, der begeht zwar keine Straftat, kommt die Behörde jedoch dahinter, drohen im Wiederholungsfall zum Teil empfindliche Verwaltungsstrafen in der Höhe von bis zu 10.000 Euro.

 

3 Wie betreiben Private überhaupt ihre geheimen Werkstätten?

„Meistens sind diese Bastlerstuben in abgelegenen Gebäuden oder Kellern untergebracht“, erzählt Thomas Csengel vom Entschärfungsdienst des Innenministeriums. In den meisten Fällen handelt es sich um technisch oder chemisch interessierte Männer im Alter bis Mitte 30. Produziert würden dort vor allem Gegenstände mit Blitz- und Knalleffekten (Böller), bunt aufleuchtende Raketen seien für diese Personen weniger interessant.

 

4 Woher stammen die Chemikalien zur Produktion von Böllern?

Die Zutaten für lebensgefährliche Böllerladungen sind leicht erhältlich. Meistens wird ein starkes Oxidationsmittel (z. B. Kaliumsalz) mit Leichtmetallpulver (etwa Aluminium) gemischt. Jeder gut sortierte Chemiebedarfhändler hat das im Sortiment. Ohne Gewerbeberechtigung ist der Einkauf größerer Mengen jedoch auffällig. „Viele weichen daher auf Internetshops im Ausland aus“, sagt Entschärfungsexperte Csengel.

Warum es immer wieder Verletzte und Tote gibt, hat auch mit der Größe der Ladungen zu tun. Die bekannten Piraten-Kracher sind mit maximal 0,5 Gramm eines solchen Gemisches befüllt. Die von Behörden beschlagnahmten Böller ähneln mit 50 bis 100 Gramm Inhalt schon eher kleinen Bomben als Feuerwerksartikeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2014)

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