Kärnten: Gift in Milch wohl aus Zementwerk

Das Umweltgift HCB dürfte aus einem Zementwerk im Görtschitztal stammen. Bis zu 35 Betriebe mit mehreren Hundert Kühen sind betroffen.

Zementwerk der Firma Wietersdorfer in Klein Sankt Paul.
Zementwerk der Firma Wietersdorfer in Klein Sankt Paul.
Zementwerk der Firma Wietersdorfer in Klein Sankt Paul. – (c) APA/GERT EGGENBERGER

Milch und Futter aus dem Kärntner Görtschitztal sind mit Hexachlorbenzol (HCB) belastet. Das Umweltgift stammt wahrscheinlich aus dem Zementwerk Wietersdorf in Klein St. Paul, wie der Werksleiter bekannt gab. Über Emissionen gelang das HCB in den Futterkreislauf, in den Kühen sammelte sich das Gift bis letztlich in der Rohmilch Grenzwertüberschreitungen festgestellt wurden.

Bis zu 35 Betriebe mit mehreren Hundert Kühen sind betroffen. In ein paar von ihnen wurden Grenzwertüberschreitungen in der Rohmilch bereits festgestellt, die Überprüfung läuft jedoch noch. In den Verkauf kam die kontaminierte Milch nach Auskunft der Behörden zu keinem Zeitpunkt. Derzeit werden verstärkt Kontrollen in den Betrieben durchgeführt. Eine Untersuchung des Trinkwassers ergab Unbedenklichkeit.

Auch Justiz wird aktiv

Am Donnerstag ist auch die Justiz in der Sache aktiv geworden. "Ein Anlassbericht ist unterwegs. Spätestens morgen wird von uns ein Ermittlungsauftrag ergehen", sagte Staatsanwaltschaftssprecher Markus Kitz. Ermittelt werde vorerst gegen unbekannte Täter.

Den Bauern in der Region hat das HCB ein gewaltiges Problem gebracht. Hannes Zechner, Obmann des Milchhofs "Sonnenalm", beziffert allein den Schaden beim Heu in seinem eigenen Betrieb mit bis zu 100.000 Euro. 250 Tonnen Bioheu wurden für die Bauern der Molkerei aus anderen Regionen zugekauft, als Ersatz für kontaminiertes eigenes Futter. Den Gesamtschaden für die Görtschitztaler Bauern schätzt Zechner auf mehrere Millionen Euro. "Wir werden unsere Schadenersatzforderungen stellen müssen", sagte er im Namen seiner Molkerei. Dabei sind keine der fünfzehn "Sonnenalm"-Bauern unter jenen 35 Betrieben, die von Grenzwertüberschreitungen in der Rohmilch betroffen sein könnten.

Ein Görtschitztaler Milchbauer mit 25 Kühen sagte: "Die Bauern sind das Opfer, ohne Schuld. Wir bewirtschaften Grund und Boden, versorgen die Tiere und dann kommt man drauf, dass das Futter verseucht ist." Die Industrieemissionen seien die Verursacher des Problems, "und in der Milch bleibt es hängen".

Problem müsste länger bekannt sein

Berndt Schaflechner, der Leiter des Zementwerks, hatte am Donnerstagvormittag gesagt: "Dass HCB eine Belastung im Blaukalk ist, war weder uns noch den Behörden bekannt." Seit Juli 2012 wird in dem Werk Blaukalk im Produktionsprozess verwertet. Laut Schaflechner wisse man im Werk erst seit 6. November definitiv über die HCB-Emissionen bescheid. Die Einbringung von Blaukalk in den Zementofen sei am 7. November eingestellt worden.

Das Problem mit dem HCB im Görtschitztaler Kalk müsste eigentlich schon länger bekannt sein. Im öffentlich, auch via Internet abrufbaren Altlastenatlas des Umweltbundesamts gibt es einen Bericht aus dem Jahr 2003 über die "Kalkdeponie Brückl", wo im untersuchten Kalk unter anderem HCB festgestellt wurde.

2011 erhielt die Wietersdorfer Gruppe den Zuschlag für die Verwertung des Kalks, wie damals bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben wurde. Der Kalkschlamm stammt aus einer Großdeponie, zugehörig einem Werk der Donau Chemie. Laut Greenpeace enthielt auch die damalige Ausschreibung die Information, dass der Kalk "hohe Gehalte an Chlorkohlenwasserstoffen darunter auch HCB aufweist". Vonseiten der Donau Chemie wurde bestätigt, dass in der Ausschreibung sehr wohl die Verunreinigungen durch Lösungsmittel, darunter auch HCB, aufgeführt waren. Eine Studie habe ergeben, dass der Blaukalk emissionsfrei verarbeitet werden kann, wenn im Ofen Temperaturen zwischen 800 und 1.000 Grad herrschen.

Bei der Erzeugergemeinschaft Rind aus Salzburg hatte man im Herbst vergangenen Jahres bei im Rahmen eines Monitorings durchgeführten Routinekontrollen HCB in Kalbfleisch nachgewiesen, allerdings weit unterhalb der Grenzwerte und nicht meldepflichtig. "Wir haben versucht, es gebietsmäßig einzuordnen und sind auf Kärnten gekommen", sagte ein Mitarbeiter. Die Information wurde auch an die AGES, die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, weitergeleitet.

Untersuchungen, ob die Blaukalkverwertung tatsächlich die Ursache der Kontaminierung im Görtschitztal ist, laufen noch. Endgültige Ergebnisse sollen in zwei Wochen vorliegen.

Kaiser sucht politische Verantwortliche

Das HCB in der Milch hat auch politisch einiges an Staub aufgewirbelt. Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) hat die Landesamtsdirektion mit "umfangreichen Untersuchungen" beauftragt. Kaiser will wissen, wer die Verantwortung trägt und warum die Öffentlichkeit erst ein halbes Jahr nach Bekanntwerden des HCB-Problems in der Beamtenschaft informiert wurde. Außerdem wurden zwei Infohotlines eingerichtet. FPÖ-Landesrat Christian Ragger und sein Amtskollege vom Team Stronach, Gerhard Köfer, kritisierten das ihrer Ansicht nach mangelhafte Krisenmanagement der Koalition.

Hexachlorbenzol

Hexachlorbenzol (HCB) wurde früher als Beizmittel gegen Pilzbefall bei Getreide eingesetzt. Es handelt sich um ein farbloses, kristallines Pulver. Die aromatische Verbindung wird durch Chlorierung von Benzol in Gegenwart von Katalysatoren bei über 230 Celsius hergestellt. Als Pflanzenschutzmittel - so "Chemie.de" - wurde Hexachlorbenzol in den 1980er-Jahren in Ländern wie Deutschland verboten.

Ein weltweites Verbot kam schließlich mit dem sogenannten Stockholmer Übereinkommen im Jahr 2001 zustande. Von damals stammt auch das weltweite Verbot von Substanzen wie DDT.

Rund 4000 schwere Erkrankungen (sogenannte Porphyria cutanea tarda) durch den Konsum von Brot, das aus gebeiztem Saatgut hergestellt worden war, wurden viele Jahre vor dem Verbot in Ostanatolien in der Türkei registriert. Im Rahmen des sogenannten "Pink Disease" wurden zunächst Hautschäden bemerkt, bei den Patienten entwickelten sich dann Abszesse, schwere Lungen- und Leberprobleme sowie Blutbildveränderungen. Bei Kleinkindern mit schweren Vergiftungen verliefen mehr als 90 Prozent der Erkrankungen tödlich.

APA

(APA)

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