Oberösterreich: Rätsel um geheime Nazistollen

Neue Hinweise deuten darauf hin, dass Hitler in St. Georgen neben Flugzeugteilen auch an Raketentechnologie arbeiten ließ. Experten sind skeptisch; das Denkmalamt ist am Zug.

Der Eingang zu einem - möglicherweise - neuen geheimen Stollensystem in St. Georgen a.d. Gusen.
Der Eingang zu einem - möglicherweise - neuen geheimen Stollensystem in St. Georgen a.d. Gusen.
Der Eingang zu einem - möglicherweise - neuen geheimen Stollensystem in St. Georgen a.d. Gusen. – Gerhard Bitzan / Die Presse

Linz/St. Georgen. Es ist nur ein kleines Loch in der Betondecke, vielleicht zwei mal zwei Meter. Von da führt eine kleine Treppe hinunter. Weiter ist nichts zu sehen, denn kurz vor Weihnachten wurden die Grabungen an dieser Stelle behördlich gestoppt. Mittlerweile aber hat das Erdloch hinter dem Schützenheim in der Gemeinde St. Georgen an der Gusen (OÖ) weltweiten Wirbel ausgelöst. Neben Berichten in deutschen („Focus“) und amerikanischen Medien („Washington Post“) haben auch britische Zeitungen das Thema aufgegriffen. Der „Independent“ titelte sogar: „Geheimer Atombunker der Nazis in St. Georgen entdeckt.“

Die Grabungen hat der Linzer Filmemacher Andreas Sulzer vor Weihnachten durchführen lassen, und er ist sich sicher, dass er ein Eingangsportal zu einem geheimen, in der NS-Zeit angelegten Stollen gefunden hat. Er glaubt, dass sich einige Meter unter der Erde ein großteils verschüttetes Stollensystem befindet, in dem in den letzten zwei Kriegsjahren (1944, 1945) geheime Rüstungsproduktion und -forschung betrieben worden ist. „Da haben Unternehmen an Hitlers Vergeltungswaffen V1 und V2 gearbeitet“, sagt Sulzer zur „Presse“.

Jetzt ist das Bundesdenkmalamt am Zug. Es muss bis Anfang Februar festlegen, ob der gefundene Eingang tatsächlich historisch wichtig ist, und ob dort weitergegraben werden kann oder nicht. Der Bürgermeister der Gemeinde, Erich Wahl, fordert jedenfalls rasche Aufklärung, ob es tatsächlich ein bisher unentdecktes Stollensystem gibt: „Zur Sicherheit der Bevölkerung.“

Projekt Bergkristall

In St. Georgen wurde in den letzten Kriegsjahren ein großes Rüstungsprojekt Hitlers betrieben. In einem Berg wurde 1944 ein Stollensystem errichtet, in dem die Messerschmitt-Werke Teile für Kriegsflugzeuge der Nazis bauen ließen. Und zwar von Häftlingen, die aus dem etwa zwei Kilometer entfernt liegenden, berüchtigten Lager, Gusen (einem Nebenlager des KZ Mauthausen), kamen. Die Arbeiten im Stollen (Codename Bergkristall) unter grausamen Bedingungen forderten zehntausende Tote.

Bei Kriegsende wurden die Stollen teilweise gesprengt, dann standen sie lang leer (bzw. wurden sogar für Champignonzucht verwendet). Vor etwa zehn Jahren wurden die Stollen wegen Einsturzgefahr mit Beton verfüllt. Zuständig war dafür die BIG, die Bundesimmobiliengesellschaft.

Filmemacher Sulzer (er arbeitet an einem Film über Hitlers Rüstungsprojekte) fand jedoch eigenen Angaben zufolge in deutschen und US-Archiven Belege, wonach es neben dem bekannten Stollensystem Bergkristall weitere Stollen gegeben habe, in denen Hitler geheime Massenvernichtungswaffen entwickeln und eventuell auch bauen ließ. Vor einem Jahr ließ die BIG – gemeinsam mit dem Land OÖ – in dem Areal Bohrungen durchführen.

Ergebnis: null. Doch nun hat Sulzer an einer ganz anderen Stelle in St. Georgen zu graben begonnen, etwa 300 Meter Luftlinie vom Bergkristall-Projekt. Den Hinweis darauf habe er in US-Archiven entdeckt, wo ein Agent der OSS (Vorläufer der CIA) von ganz geheimen Anlagen berichtet. Den Eingang zu diesen Anlagen will Sulzer jetzt gefunden haben. Zugleich beruft er sich auf neue geo-elektrische Messungen, die die Existenz von unterirdischen Bauwerken nahelegen würden.

Skepsis über Messungen

Für die BIG ist dieser neue Fund nicht direkt relevant, weil auf privatem Grund gegraben wurde. Die Skepsis, dass hier außer den ohnehin bekannten Flugzeugteilen etwas anderes produziert worden sei, bleibt. BIG-Sprecher Ernst Eichinger zu den geo-elektrischen Beweisen: „Diese Messungen waren Grundlage für jene Punkte, die Sulzer vor einem Jahr festgelegt hat, damit wir dort graben. Herausgekommen ist dabei nichts. Daher muss man die derzeitigen Messungen auch sehr kritisch sehen.“

>> Bericht der "Washington Post"

>> Bericht des "Focus"

>> Bericht des "Independent"

("Die Presse", Print-Ausgabe, 9. Jänner 2015)

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