Snowbiken: Carvingschwung im Sitzen

Schnell macht der Anfängerbeim Snowbiken Fortschritte – nach einer ersten verkorksten Abfahrt wird er bald reif für den Tiefschnee. Ein Versuch am Hochzeiger im Pitztal.

Durch den Powder stoben, gleich wie ein Freerider. Mit dem Unterschied, dass es der Snowbiker schneller lernt.
Durch den Powder stoben, gleich wie ein Freerider. Mit dem Unterschied, dass es der Snowbiker schneller lernt.
Durch den Powder stoben, gleich wie ein Freerider. Mit dem Unterschied, dass es der Snowbiker schneller lernt. – (c) Snowbike

Skifahren im Sitzen, pah, denke ich mir, das wird wohl nicht so schwierig sein. Eine Kombination von Radfahren und Skifahren eben, und wenn man beides nicht zu übel beherrscht, dürfte die Verbindung dieser unterschiedlichen Bewegungsmuster keine Hexerei sein.

Also begebe ich mich ganz selbstbewusst zur Hütte des Alpin Center oben auf dem Hochzeiger im Pitztal, buche ein Snowbike samt sportpädagogischer Unterweisung und lasse mir zum Einstieg einmal das Gerät erklären: Nein, mit einem Skibob hat ein Snowbike ungefähr so viel zu tun, wie ein Fahrrad mit einer Rodel. Rahmen, Sattel, Federung und die Lenkergabel hat das Gerät vom Mountainbike, anstatt der Räder befindet sich vorn und hinten jeweils ein kurzer Ski. Die winzigen Skier, die ich mir unter die Skischuhe schnallen muss, sind hingegen gewöhnungsbedürftiger: Die paar Meter von der Verleihstation zum Startplatz im Tiefschnee überwinde ich eher akrobatisch als elegant. Mit schlechten Haltungsnoten absolviere ich auch die erste Übung: das Besteigen und Ausparken des etwa sechs Kilo leichten Gefährts. Übung Nummer zwei weist die Selbstüberschätzung weiter in die Schranken: langsames Beschleunigen und Geradeausfahren auf einem Ziehweg. Schon erkenne ich Snowbike-Novizin, dass ich andere – sonst wenig genutzte – Muskelgruppen in diesem Fall brauchen werde.

An der Einmündung in die rote Piste hat sich das Snowbike bereits seinen Respekt verdient. Ohne Vollkontakt mit dem Schnee und ohne Lacheinlage für die passierenden Skifahrer gelingt es mir noch, den Lenker herumzureißen – wobei das Hinterteil des Snowbikes ausreißt. So ruppig geht's also nicht.

Mit mehr Feingefühl schraube ich mich in die nächste, die nächste und die übernächste Kurve, wobei sich meine Beine zusehends anspannen. Es ist das Tempo, gegen die sie sich sperren, denn mir fehlt noch die Lockerheit, sich dem Flow der Bewegung zu überlassen. Ich absolviere die erste Abfahrt verkrampft und bemüht, nicht zu stürzen.

Doch tatsächlich brauche ich nur sehr wenig Zeit, um rasante Fortschritte zu machen – es geht weit schneller als beim Skifahren oder Snowboarden. Nach ein, spätestens zwei Abfahrten habe ich es überrissen und verinnerlicht: Nicht die Fußskier lenken das Snowbike. „Man lenkt mit dem Hintern“, meint der Schneesportlehrer prosaisch. Wobei eigentlich schon ein seitliches Neigen des Kopfes reicht, damit sich das Snowbike in die gewünschte Richtung bewegt. Überlässt man dann vieles der Schwerkraft und arbeitet aus den Bauchmuskeln, gelingt es rasch, den Rhythmus zu finden.

Sobald man es wagt, auf den Einsatz der Fußskier zu verzichten, wird alles möglich: sich mit den Radien spielen, das Tempo forcieren oder dosieren, in Abfahrtsmanier hinunterbügeln, Buckelpisten ausreizen, sogar springen. Durch jedes Schneematerial: durch Bruchharsch, Sulz, Firn, Powder.

„Die Fußskier sind wie Stützen an einem Kinderfahrrad. Man braucht sie bald nicht mehr. In manchen Momenten geben sie einem aber das Gefühl von Sicherheit“, erklärt Bernd Brenter, der in Oberndorf bei Salzburg die originalen Snowbikes herstellt. Sein Großvater, ursprünglich ein Skibauer, hat das Snowbike erfunden. Brenters Vater war dann der Erste, der mit diesem Sportgerät einen Weltrekord und einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde einfuhr – für 166km/h Höchstgeschwindigkeit.

Es raubt wenig Kräfte. Was allerdings auch weniger anstrengend als mit Skiern sein dürfte. Denn das Sitzen und Bauchanspannen raubt einem beim Downhillen, Freeriden und Carven nicht so viele Kräfte. Zudem befindet man sich bereits quasi in der Hocke. Es sei ein bisschen wie Schweben, schwärmt Brenter. Dieses Gefühl kommt bei mir vor allem im Tiefschnee auf, in den sich ein Snowbike-Anfänger vielleicht schon nach einem Tag hineintrauen kann – vorausgesetzt er ist mit geprüftem Guide und LVS-Ausrüstung unterwegs. Powder, Schweben, Freeflow: So ist das Image des Schneeradlers durchaus ein dynamisches – wie auch das Sportgerät nicht bloß ein Ersatz für ein anderes ist. Laut Brenter gehört zwar zur typischen Biker-Klientel der begeisterte Skifahrer, der nach einer Knieverletzung auf Schneesport nicht verzichten will. Aber einmal Lunte gerochen, steigen etliche auch nicht mehr in die Skibindung zurück. Auf der anderen Seite es ist eine Einstiegshilfe für den Nichtwintersportler in ein intensives Bergerlebnis.

Vor allem in den boomenden Skiressorts wie in China wächst die Nachfrage. Immer öfter begegnet man dem Snowbike auch auf österreichischem Boden wie eben hier im Pitztal am Hochzeiger, wo die Pisten breit, nicht allzu steil, nicht zu überlaufen und umringt von fantastischen Dreitausendern sind. An die 150 Stationen gibt es weltweit, jede davon mit zehn bis 100 Geräten bestückt. Den Bikes wird vermutlich eine größere Zukunft als anderen Trendsportgeräten beschieden sein – weil die Technik leicht zu erlernen und die Community eingeschworen ist. Und: Es wird immer mehr differenziert. So entwickelt Brenter jedes Jahr die Geräte weiter. Noch immer in einer Nische, aber diese weitet sich aus.

Im Sitzen

Snowbiken: Beim Alpin Center am Hochzeiger im Pitztal (Jerzens) in Tirol kann man sich unkompliziert Snowbikes ausborgen und sich von einem Schneesportlehrer zeigen lassen, wie's funktioniert. www.alpin-center.net, www.hochzeiger.com, www.pitztal.com

Snowbike-History: Die Sportart gibt es seit Jahrzehnten, mittlerweile hat sich eine ganze Community gebildet. www.snowbike.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2015)

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