136 Kilometer Hightech und Natur, Moderne und Ruin

Wer etwas über Zentren erfahren will, muss an die Ränder gehen. Ein Rundgang entlang der Wiener Stadtgrenzen.

(c) Wolfgang Freitag

Was haben ein Kaiserebersdorfer Biogartenbaubetrieb und der bekannteste Altautoverwerter des Landes gemeinsam? Was verbindet eine Hightech-Einrichtung der Telekommunikation mit einer Bauschuttdeponie auf einer riesigen Altlast? An den Wiener Stadtgrenzen kommt zusammen, was so nicht zusammengehört. Auf 136 Kilometern Länge reihen sich scheinbar willkürlich Moderne und Ruin, Aufstieg und Untergang, Technologie und Natur aneinander und erzählen vom Werden und Vergehen an den Rändern der Metropole: einem Raum, der wie kein anderer stetem und derzeit noch beschleunigtem Wandel unterworfen ist.

Hier begegnet einander heute, was einander nie hätte begegnen sollen. Die Bauschuttdeponie, einst in einem Weitdraußen angesiedelt, sieht sich plötzlich von Wohnbauten umringt, die Schießstätte keine drei Kilometer weiter von neuen Anrainern angefeindet. Ungeliebte, laute, stinkende oder sonst wie unangenehm auffällige Funktionen, aus gutem Grund ins städtische Off ausgelagert, rücken mit einem Mal in eine Art periphere Mitte, neue Bedürfnisse geraten mit alten Rechten in Konflikt.

Wer etwas über die Zentren erfahren will, heißt es, muss an die Ränder gehen. Fortschritt und Beharrungsvermögen, Obrigkeitsdenken und Widerständigkeit, Dynamik und Lethargie und all das viele andere Widersprüchliche, das diese Stadt im Inneren zusammenhält, hier findet es sich versammelt. Und so ländlich und also unstädtisch sich diese Ränder uns heute noch vielfach präsentieren: Der Verantwortung unserer Tage bleibt es überlassen, sie ins Urbane zu transformieren. Wie wir das tun, das wird darüber entscheiden, wie lange das Angstbild des Molochs Großstadt für viele Städter noch gelebte Wirklichkeit sein wird.

Wo Wien beginnt: Ein Rundgang

1 Richtfunkturm Exelberg

So wie er mit seinen Plattformen die Wienerwaldhügel im Westen Wiens weithin überragt, ist er von verschiedenen Orten Wiens aus kaum zu übersehen: der Richtfunkturm auf dem Exelberg. Das hat seinen guten technischen Grund: Um Richtfunk verwenden zu können, braucht man Sichtverbindung; wer weit sehen will, wird selbst von weither gesehen werden.

Doch wozu das Ganze, wenn es doch beträchtliche Bauumstände macht? Die Einrichtung von Richtfunksystemen ist unmittelbar mit dem Aufstieg von Radioprogrammen auf Ultrakurzwelle und mit dem des Fernsehens verbunden: Einzig die Richtfunktechnik bot in den 1950ern die technischen Voraussetzungen, innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit Verbindungen von genügend großem Leistungsvermögen zu etablieren. Bereits 1959 wurde ein erstes österreichweites Netz von Richtfunkstationen fertiggestellt, das beständig erweitert wurde. Und während lange Jahre leichte Fachwerkkonstruktionen aus Stahlträgern den Richtfunkstationenbau beherrschten, griff man Ende der 1970er viermal auf die international wesentlich gebräuchlichere Bauweise in Form von dominanten Stahlbetontürmen zurück: in Ansfelden bei Linz, auf dem Rossbrand bei Radstadt, im Wiener Arsenal – und eben auf dem Exelberg.

1975 wurde der Bau genehmigt; davor waren auch andere Richtfunkstandorte ins Spiel gebracht worden: der Donauturm etwa oder die Müllverbrennung auf dem Flötzersteig. Die Post ihrerseits soll den Hermannskogel favorisiert haben, aber da, erzählt man sich, habe sich die Stadt Wien quergelegt. Detail am Rande: Die Einreichungspläne weisen alles aus, was sie so auszuweisen haben, von den Sachverständigen bis zur Bauleitung – nur keinen Architekten. Der Form nach jedenfalls ist der Exelberg-Turm ein naher Verwandter der in Deutschland unter unterschiedlicher architektonischer Ägide entwickelten sogenannten Typentürme.


Fernblick und Leere. Wer heute die Tür zur Kanzel des Turms, knapp 50 Meter über Grund, öffnet, findet sich in einem Raum von idealem äußeren Fernblick und auffallender innerer Leere. Sind sie vorbei, die großen Richtfunkzeiten? Ja und nein, sagen Kenner. Zum einen sind die platzgreifenden Röhrengeräte von einst mittlerweile diskreter Elektronik gewichen. Zum anderen hat sich auch das Haupttätigkeitsgebiet gewandelt. Während der jahrzehntelange Hauptklient Fernsehen in Glasfaserkabelei und Satellitentechnologie längst leistungsfähigere Übertragungspartner gefunden hat, eröffnet ausgerechnet der Boom der viel avantgardistischeren Mobiltelefonie ein neues Geschäftsfeld.

Der Vorteil von Richtfunk nämlich ist: Man kommt jeden Berg hinauf und hinunter, und er ist vergleichsweise billig und schnell aufgebaut. Kabelverbindungen dagegen sind teuer, es dauert seine Zeit, bis sie aufgebaut sind – und es gibt immer wieder Probleme mit Grundeigentümern. Die Folge: Eine Technologie, einst geschaffen, um lange Strecken zu überwinden, boomt heute auf kurzen Distanzen. Nicht nur, aber auch auf dem Exelberg.

2 Auto Metzker

„Wenn ich bei einem Fenster rausgeschaut hab, hab ich Autos gesehen, solang ich mich erinnern kann“, bekennt Josef Metzker. Wir sitzen in seinem Geschäft vor einer großen Auslagenscheibe und sehen – Autos, was sonst. Genauer: das, was von ihnen bleibt, wenn sie ausgeschlachtet sind. Ins Jahr 1936 fällt die Unternehmensgründung, das erste Firmengelände findet Metzkers Vater, gleichfalls ein Josef, in der Breitenfurter Straße, Meidling; 1953 folgt die Übersiedlung knapp über die Stadtgrenze, auf die Liegenschaft an der Triester Straße, die noch heute Sitz von Auto Metzker ist. „Mein Vater hat gesagt: Was man braucht, sind Parkplätze und genug Platz rundherum. Und Platz war halt hier billig zu haben“, erinnert sich Josef Metzker junior.

Recht hat er gehabt, der Vater. 44.000 Vösendorfer Quadratmeter sind es, die er erwirbt, und die werden in den besten Tagen, denen der 1960er und 1970er, der größte Autofriedhof Europas sein: vollgestapelt mit gut 8000 Autoleichen unterschiedlichster Verwesungszustände, Memento mori jener allgemeinen Motorisierung, die genau nebenan, auf dem 1962 eröffneten ersten Teilstück der Südautobahn, ihre in jenen Tagen vollkommenste Erfüllung findet.


Die Arbeiter sind weg. Seit dem Tod seines Vaters freilich, 1986, hat sich so einiges geändert. Wenn Josef der Zweite von Vösendorf heute sein Reich überblickt, sieht er vieles nicht, was ehemals da gewesen, und er sieht manches, was ehemals anders war: „Früher war es so: Wir hatten Autos auf dem Platz und 35 Mitarbeiter, die den gewünschten Teil bei Bedarf ausgebaut haben. Heute lagern draußen nur mehr Autos, die trockengelegt sind.“ Dazu müssen mittlerweile statt 35 Mitarbeiter ganze drei genügen, als Firmengelände ein Viertel dessen, was einst nötig war. Und die paar Karosserietürme, die noch immer vor Haus und Halle stehen? „Die stehen nur deswegen da, damit die Leute nicht denken: Der hat zugesperrt.“

3 Bio-Gartenbau Auer

Es ist nicht gerade das, was man Gunstlage nennen könnte: vorne die Flughafenautobahn, der nächste Nachbar ein Umspannwerk. Die einzige nennenswerte Sehenswürdigkeit in der Nähe: die Ruine der vormaligen Hammerbrotwerke in Schwechat. Nichts davon war da, als Familie Auer sich vor 120 Jahren nächst Kaiserebersdorf niederließ. Und es war eine weitsichtige Stadtregierung, die dafür verantwortlich zeichnete. Die gab damals eigenen Boden an Gartenbauwillige in Pacht, auf dass die Versorgung mit Gemüse stadtnah gesichert werde. Seit 2001 führt der Urenkel des Unternehmensgründers, Stefan Auer, mit seiner Frau den Landwirtschaftsbetrieb auf den ehemaligen Drehergünden, seit 2008 auf Biobasis, eine Umstellung, die wiederum, so berichten beide, nur durch die Partnerschaft mit einem Großen des Lebensmittelhandels möglich gewesen sei.


Nahversorgung gefährdet. Die Bauers sind kein Einzelfall innerhalb der Wiener Stadtgrenzen: Noch immer werden knapp 6000 Hektar des Stadtganzen landwirtschaftlich genutzt, und zwar von noch immer gut 650 Betrieben; immerhin ein Drittel des städtischen Gemüsebedarfs kann direkt an Ort und Wiener Stelle gedeckt werden.

Gerade heute freilich, wo bald einmal einer oder eine die Rede von Ökologie und Nachhaltigkeit im Munde führt, ist diese buchstäbliche Nächstversorgung gefährdet wie wenig anderes im urbanen Umfeld: Über Monate beispielsweise stand der Pachtvertrag der Auers, Bio hin oder her, vor dem Aus und damit der ganze Vorzeigebetrieb mit allem gärtnerischen Drum und Dran. Und nur durch beharrliche Verhandlungen hat man sich schließlich in eine Verlängerung retten können. Zehn Jahre läuft die neue Pachtvertragsschonfrist, dann geht das Bangen um die Existenz von vorne los. So nachhaltig, wie man sich halt immer schon nachhaltiges Denken vorgestellt hat.

4 Deponie Langes Feld

Johann Hepp hält sein Auto an. Hinter uns schiebt eine Schubraupe, was sie nur schubraupen kann. Wir befinden uns auf dem höchsten Punkt der Deponie „Langes Feld“. Vor uns öffnet sich der Blick über das periphere Niemandsland zwischen Wien und Niederösterreich, über Rinterzelt, das jüngst errichtete Hochhaus City-Gate, den aufgelassenen Verschiebebahnhof von Breitenlee und die städtische Mülldeponie am Rautenweg. „Hier noch 15 Höhenmeter drauf“, Hepp weist hinter uns, „dann sind wir voll.“ Was länger dauern könnte als geplant: „Die Wirtschaft arbeitet nicht mehr so, es wird auch viel mehr recycelt, dadurch fällt weniger an. Wenn wir nicht voll sind bis 2020, so lange läuft der Bescheid, wird wahrscheinlich verlängert werden. Muss man halt dann mit der Stadt Wien ausmachen.“


Das grüne Außen lässt wenig erahnen. Hepp ist Geschäftsführer der Deponie, und er erinnert sich an die ersten Arbeitstage hier, an der äußersten Wagramer Straße: „Wir haben alle erklärt, wir lassen uns erschießen, wenn wir da arbeiten müssen. Das war eine Mistgstätten, flach, staubig, ungut.“ Und im Übrigen eine der gefährlichsten Altlasten Wiens. „Auf einer Gesamtfläche von zirka 58 Hektar wurden etwa fünf Millionen Kubikmeter Abfälle abgelagert. Die Schüttung der Abfälle erfolgte in weiten Bereichen direkt in das Grundwasser“: So skizzierte in den frühen 1990ern das Umweltbundesamt die Ausgangslage.

Kaum zu glauben, wenn man heute um das Gelände geht: Das grüne Außen, ansehnlicher Busch- und Baumbestand inklusive, lässt kaum ahnen, dass die Deponie im Inneren – eben – noch immer Deponie ist. „Wir bieten Ihnen eine ordnungsgemäße Entsorgung Ihrer mineralischen Abfälle auf folgenden Deponietypen: Baurestmassendeponie, Reststoffdeponie, Massenabfalldeponie“, steht auf der Website zu lesen. Hausmüll wird hier übrigens genauso wenig abgelagert wie sonst wo in Wien: nur die Schlacken, die aus den Müllverbrennungsanlagen kommen.

Hepp weiß, wie alles entstand: „Einige Baufirmen, darunter die Porr und die Asdag, haben den ganzen Grund gekauft und gesagt: Wir sanieren das auf Eigenkosten, ohne Förderung, unter Beobachtung der Stadt Wien. Wenn das fertig saniert ist, refinanzieren wir es über die Einnahmen vom Schüttbetrieb. Und am Schluss geben wir es als sanierte Altlast und Naherholungsgebiet an die Stadt Wien zurück.“

Unter uns dampfen die lang gezogenen Mieten der Vererderei ihrer Zukunft als Boden entgegen, der dem Abgelagerten ein fruchtbares Kleid verschaffen soll. Und wie Hepp von diesem Boden spricht, merkt man schnell, was ihn hier am innigsten antreibt: jenes winzige bisschen Schöpfergott zu sein, der aus der Entsorgungskatastrophe einer Wohlstandsgesellschaft Gärten erblühen lässt. Noch wächst der Mistberg. Die Natur wächst auch. Und dass unter unseren Füßen nach wie vor fünf Millionen Kubikmeter – sanierte – Altlast liegen, haben wir fast vergessen.

»Wo Wien Beginnt«

Von Wolfgang Freitag, 170S., geb., 19,90 Euro
(Metroverlag, Wien). Präsentation: 4. März, 19.30h, Buchhandlung Kuppitsch (Schottengasse 4).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2015)

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