Skaten und schießen: Das macht süchtig

Eine gute Skatingtechnik ist beim Biathlon von Vorteil. Aber über Sieg und Niederlage entscheiden die Treffer am Schießstand. Ein Selbstversuch in einer Sportart, die vor allem im Kopf entschieden wird.

Claudia Lagler im Biathlon-Kurs: Je mehr man übt, desto schlechter schießt man.
Claudia Lagler im Biathlon-Kurs: Je mehr man übt, desto schlechter schießt man.
Claudia Lagler im Biathlon-Kurs: Je mehr man übt, desto schlechter schießt man. – privat

Langlaufen ist ein traumhafter Sport. Aber irgendwann ist es für Langlaufenthusiasten Zeit für etwas Neues, einen zusätzlichen Kick: Biathlon. Skaten und schießen – eine Kombination mit Suchtpotenzial, das ist gleich nach den ersten Minuten des Biathlonkurses klar. „Schießen braucht Hirn“, bringt Manfred Lehner, einer unserer Trainer, die Faszination auf den Punkt. Wer einfach drauflosballert, der hat in dieser Sportart keine Chance. In der Ruhe liegt die Treffsicherheit.

Tack, tack, tack, tack, tack: fünf Schüsse, vier Treffer. Keine schlechte Quote für den ersten Versuch mit dem Luftdruckgewehr auf Klappscheiben – liegend, ohne Stöcke und ohne Skier. Tag eins eines dreitägigen Biathlonkurses in Faistenau, einem im Winter auf Langlauf und Skitouren spezialisierten Dorf im Flachgau, hat damit eine Überraschung parat: Man kann treffen, auch wenn man zuvor noch nie ein Gewehr in der Hand gehabt hat. Und: Je mehr man übt, desto schlechter schießt man.

Gerold Sattlecker und Manfred Lehner leiten gemeinsam diesen vom Universitätssportinstitut der Universität Salzburg organisierten Kurs. Beide haben reichlich Wettkampferfahrung und geben ihr Wissen an uns Biathlon-Einsteiger weiter. Wir beginnen mit der Einführung am Schießstand. Geschossen wird auf winzige Zielscheiben – 3,5 Zentimeter Durchmesser in zehn Metern Entfernung. Das Gewehr ist schwer – gut zweieinhalb Kilo – und irgendwie unhandlich. Gerold zeigt uns „eine lockere Schussposition“. Etwas schräg zur Matte, die Beine im leichten Winkel, den Oberkörper entspannt, aufgestützte Arme, das Gewehr ruht eingeklemmt zwischen der rechten Schulter und auf der linken Hand. Locker fühlt sich das nicht an – und ruhig schon gar nicht. Beim Blick durch Diopter und Kimme wackelt das Ziel hin und her. So soll man treffen? Manfred lässt uns eine Trockenübung ohne Munition machen: anvisieren, Augen zu, abdrücken und Augen auf. Die Zielscheibe ist irgendwo, nur nicht in der Mitte der Kimme. Noch einmal anvisieren. Es kommt auf die Atmung an, erklärt uns Manfred. Sie ist der Schlüssel zum Treffer. Der Schuss soll genau in jenem Moment erfolgen, wenn man ausgeatmet hat. Hektik ist Gift. Jede minimale Bewegung, jeder Atemzug geben dem kleinen Metallprojektil einen Drall in die falsche Richtung. Die erste Erkenntnis: Schießen braucht einen freien Kopf.


Wohin mit der Sonnenbrille? Nächste Übung: ein bisschen einlaufen und dann an den Schießstand. Vorher feilt Gerold noch an unserer Skatingtechnik: Gleichgewichtsübungen, langes Gleiten, den Abdruck verstärken. Und er markiert die Strafrunde – schließlich wird im Wettkampf jeder verpatzte Treffer mit einer Extrarunde bestraft. Nach dem lockeren Skatinglauf fühlt sich das Schießen mit höherem Puls und kürzerem Atem gleich ganz anders an. Dazu kommt das Gewurschtel mit der Ausrüstung: Wohin mit den Stöcken? Was tun mit der Sonnenbrille? Gerold und Manfred geben uns Tipps für den Ablauf, um ruhig im Schießstand einzulaufen: Die Hände nimmt man schon auf den letzten 50 Metern vor dem Schießplatz aus den Schlaufen der Stöcke, die Stöcke kommen in die rechte Hand. Und auch die Sonnenbrille sollte man möglichst noch im Laufen nach oben auf die Stirn schieben. Sonst stört sie beim Zielen. Mit Schwung geht es auf den Schießstand. Auf die Knie, die Stöcke ablegen, Gewehr vom Rücken und die Scheiben anvisieren. Das Herz pocht, der Atem ist nicht mehr ganz so ruhig, die Treffer werden schwieriger. Wie schaut das erst im Wettkampfmodus aus?

Es ist die Kombination aus körperlicher Anstrengung beim Skaten und größtmöglicher Ruhe beim Schießen, die die Faszination von Biathlon ausmacht. Kondition und Kraft sind nur eine Komponente dieser Sportart. Die Zeit, die ich durch eine schlechte Trefferquote verliere, kann ich auch durch schnelles Laufen in den Strafrunden kaum aufholen.

Kaum sind wir halbwegs vertraut mit dem Ablauf, hat Manfred die nächste Herausforderung parat: stehend schießen. Den linken Ellenbogen fest in die geknickte Hüfte stemmen, erklärt er die Schießhaltung. Dadurch erreicht der Schütze ein Minimum an Stabilität. Doch beim Anvisieren zeigt sich: Das Ziel wackelt, es ist fast unmöglich, mit dem Diopter über der Scheibe zu bleiben. Stehend muss man dynamisch schießen, erläutern die Kursleiter. Will heißen: Mit der Atmung mitgehen und genau in dem Moment abdrücken, in dem man über der Zielscheibe ist. Beim Ausatmen sinkt das Gewehr leicht ab, beim Einatmen geht es nach oben. Mit dieser minimalen Bewegung muss der Schütze mitgehen.

Zum Abschluss dürfen wir uns im Wettkampf messen. Auch wenn der Kopf sagt, dass es falsch ist, sich körperlich zu sehr zu verausgaben, siegt der Ehrgeiz. Außer Atem und mit hohem Puls laufe ich im Schießstand ein. Die Stöcke habe ich in der Hektik in der falschen Hand, die Sonnenbrille sitzt noch auf der Nase. Und dann vergesse ich vor dem Laden auch noch das Repetieren. Die Treffer sitzen trotzdem ganz gut, ich brauche nur zwei Strafrunden anzuhängen. Biathlon birgt Suchtgefahr.

Nachmachen

Im Winter. Biatholon-Kurse bietet in der verbleibenden Wintersaison unter anderem die Langlaufschule Nordic Fun in Faistenau an. www.nordic-fun.at

Im Sommer. Die Langlauf-Sportschule Gastein hat regelmäßig Kurse, auch Sommer-Biathlon, im Programm. Im Sommer fährt man statt mit den Langlaufskiern mit den Rollerskiern. www.langlaufidylle.com

In Tirol bietet die Cross Country Academy in Seefeld Biathlon-Termine ebenfalls im Sommer auf Skirollern an. www.xc-academy.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2015)

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