Peter Zilahy: Entführt in einer geteilten Stadt

Der aktuelle Stadtschreiber Peter Zilahy schätzt das Kultur- und Kaffeehausangebot in Graz. Und er verzweifelt bisweilen an der "Enge in den Köpfen und Herzen" seiner Bewohner.

GRAZ, Schloßberg, Uhrturm
GRAZ, Schloßberg, Uhrturm
(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Graz liegt ihm zu Füßen. Jeden Tag. Er muss nur aus dem Fenster seines Arbeitszimmers blicken. Hinter ihm, zum Greifen nahe, der Uhrturm. Vor – und vor allem unter ihm – die weltkulturerbegeschützte Altstadt. Peter Zilahy wohnt dort, wo selbst Grazer Pause von ihrer Stadt machen: am Schlossberg. Ein guter Start.

Die Fundamente des Cerrini-Schlössls waren Teil der Festungsanlage. Heute dient das in die Ostflanke des Stadtbergs geduckte Häuschen als Unterkunft, Rückzugsgebiet und Aufbruchsbasis für die Stadtschreiber, die jeweils für ein Jahr das kulturelle Leben von Graz bereichern. Zilahy wohnt dort – „Ein unschlagbarer Platz“ – seit acht Monaten. Mittlerweile ist er zu einem intimen Kenner historischer Daten und Anekdoten der Stadtgeschichte geworden. Er kennt die in Hinterhöfen versteckten gotischen Gewölbejuwele (wie in der Sackstraße) oder alte Stadttore (wie im Burggarten) – und präsentiert sie mit dem Stolz eines Entdeckers.
Taucht man mit ihm vom 470 Meter hohen Gipfelplateau ab in die Niederungen des Grazer Alltagslebens, vermischen sich Zilahys Fremdenführerambitionen mit persönlichen Graz-Erlebnissen. Mit der Schlossbergstiege, einer aufgrund von rund 200 Treppen tatsächlich atemberaubenden Aufstiegsroute, verbindet der 39-jährige ungarische Schriftsteller Erinnerungen an seinen Großvater, der als k.u.k.-Soldat während des Ersten Weltkriegs in Russland kämpfte, während in der ehemaligen Habsburger-Residenzstadt Graz Kriegsgefangene aus Russland die Stiege in den Kalksteinfels meißelten.


Ein Jahr lang 1. April. Mit dem Stadtmuseum gleich um die Ecke verknüpft Zilahy wiederum Kurioses in Zusammenhang mit seiner eigenen Arbeit. Fünf Monate werkte er an einem Auftragsprojekt, um kurz vor dessen Abschluss zu erfahren, dass es aus lapidaren Gründen doch nicht zustande kommen werde. Irgendwie glaubt Zilahy noch immer an einen schlechten Scherz: „Für manche Personen in Graz scheint das ganze Jahr über 1.April zu sein.“ – Wobei für ihn offen ist, wer da von wem zum Narren gehalten wird. Was bleibt, ist die Gewissheit, in einer geteilten Stadt zu leben.

Hier die aufgeschlossenen, urbanen Progressiv-Grazer, die sich „ein für die Größe der Stadt unglaublich dichtes Angebot an Kulturinitiativen, -einrichtungen und -veranstaltungen“ (Zilahy) geschaffen haben. Das Lob streut er am Weg durch den Stadtpark – wo sich der Kapitän der ungarischen Schriftsteller-Fußballnationalmannschaft bei klassischen Parkkicks in Schuss hält. Am Rand der grünen Lunge strahlt eine vom kürzlich verstorbenen Künstler Hartmut Skerbisch entworfene Skulptur etwas von dieser Weltoffenheit in den Himmel: Das „Lichtschwert“. Die Stahlkonstruktion ist dem „Skelett“ der Freiheitsstatue in New York nachempfunden. In der US-Metropole wird Zilahy in wenigen Tagen vor 700 Besuchern eine Lesung in einem Broadway-Theater halten. Den internationalen Ruhm verdankt der Autor seinem Buch, „Die letzte Fenstergiraffe“, einem literarischen Lexikon über die politischen Reformen und Revolutionen in Südosteuropa. In zwanzig Sprachen ist das Buch mittlerweile übersetzt. Sein aktuelles Werk „Der lange Weg nach nebenan“ (erschienen im Wiener Passagen-Verlag), eine Geschichte über eine Zugfahrt durch den Eisernen Vorhang, schrieb er ursprünglich für das Düsseldorfer Theater.

Graz der Bremser. Neben dem „metropolitanen“ Graz gibt es die andere Seite der Stadt. Die der Bremser, „die alle Kraft der Welt aufbringen und ihre Posten und Positionen ausnutzen, um zu beweisen, dass sie die Stärkeren sind“. Von dieser Gruppe fühlt sich der Gastautor „gekidnappt“, diese Gruppe mache „mit ihrer Enge in Kopf und Herzen“ Graz dann wieder provinziell. Gegen den Ärger hilft das breite Kaffeehausangebot: „Da ist für jede Stimmung ein passendes dabei“, sagt Zilahy. „Oder ich setze mich mich runter an die Murpromenade, um mein Gehirn freizuwaschen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2009)

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