„Eine Metropole darf nicht um sechs Uhr zusperren“

Tourismus-Chef Norbert Kettner will sowohl die traditionelle als auch die moderne Seite Wiens vermarkten.

Die Presse: Die Nächtigungszahlen in Wien haben in den ersten drei Monaten um 9,5 Prozent, also doch sehr drastisch abgenommen. Anlass für Panik?

Norbert Kettner: Die Zahlen sind schlechter geworden, ja – aber sie sind im Österreich-Schnitt. Wir haben schon im Herbst diese Entwicklung antizipiert, indem wir ein eigenes Werbepaket geschnürt haben. Wir haben damit die schwierigen Zeiten vorweggenommen. Aber die Zahlen sind nicht gut, daran gibt es gar nichts zu deuteln.

Wie wird es weitergehen? Wie lang wird die touristische Krise noch anhalten?

Kettner: Wir tun uns ziemlich schwer mit Schätzungen. Es ist aber so gut wie sicher, dass kein Plus vor dem Jahresergebnis stehen wird. Aber man darf auch nicht vergessen, dass wir mit dem Vorjahr vergleichen, mit einem Superjahr, in dem wir über zehn Millionen Nächtigungen hatten. Die ersten drei Monate heuer waren auf dem Niveau von 2007.

Zwischen dem Management von Schloss Schönbrunn und Ihnen gab es einige Differenzen über Schwerpunkte der Wien-Werbung.

Kettner: Dass es einen Streit um unsere Werbelinie gab, ist eine mediale Verkürzung. Es ist uns allen bewusst, dass die Werbung für das klassische, das imperiale Wien wichtig ist und nicht ersetzt werden kann. Aber wir dürfen dabei die Innovation nicht vergessen.

Wie wird die künftige Werbelinie aussehen? Steht das klassische Wien wieder mehr im Vordergrund?

Kettner: Die Werbelinie wird gerade ausgeschrieben. Die Aufgabe ist, kurz zusammengefasst, ein Wien-Bild authentisch in all seinen Facetten darzustellen. Also alle Bereiche, die die Stadt Wien ausmachen. Grundsätzlich kann man traditionelle Werte auch modern vermarkten.

Schönbrunn-Chef Sattlecker fordert ein neues Maßnahmenpaket für die Wien-Werbung.

Kettner: Ich halte neue Ideen immer für sehr positiv. Man muss aber auch sagen, dass Sattlecker selbst in unser Strategiegruppe mitarbeitet.

Einer Tourismus-Umfrage zufolge will die Mehrheit der Gäste das imperiale Erbe der Stadt sehen. Hat Sie das überrascht?

Kettner: Nein, das hat mich nicht überrascht. Das ist bei der Vermarktung Wiens auch ein wichtiger Punkt. Aber wir dürfen nicht erstarren, die Stadt kann kein Museum sein. Wichtig ist jedoch auch generell die Haltung der Stadt und vor allem die Haltung in der Stadt. Eine Weltmetropole kann nicht um sechs Uhr abends zumachen. Wien ist eine schöne Stadt und wird auch als solche verkauft. Aber das ist ein Problem, denn Wien ist für die Gäste auch nächstes Jahr noch schön. Und irgendwann ist man 80 und hat die Stadt noch nicht gesehen. Man muss also immer neue Anreize schaffen. g.b.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2009)

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