Polizeigewalt: Video zeigt Übergriff in Wien

Warum warfen zwei Beamte einen mutmaßlichen Taschendieb zu Boden – obwohl er ohnehin gefesselt war? Der „Falter“ und das „Vice“-Magazin verglichen das offizielle Polizeiprotokoll mit dem Video eines Anrainers.

Falter/Vice

Wien. Das Handyvideo beginnt unspektakulär: Es zeigt zwei Polizeibeamte und einen jungen Mann, der gerade – konkret im zweiten Bezirk, Nähe Praterstern – festgenommen wurde. Er hat die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ein Beamter drückt ihn mit einem Arm gegen die Hauswand, während der andere offenbar Ausweise kontrolliert. Man redet (unhörbar) miteinander.

Eben noch spazieren Passanten an der Szene vorbei, die dann plötzlich und scheinbar ohne Anlass eskaliert. Der Beamte, der den Festgenommen hält, reißt ihn von der Wand weg, sein Kollege fasst ihn am Hals und wirft ihn zu Boden. Der Gefesselte prallt mit dem Kopf auf den Gehsteig und überschlägt sich. Die Polizisten fixieren ihn bäuchlings. Danach beruhigt sich die Lage. Der Mann setzt sich auf, die Polizisten stehen vor ihm. Das knapp zweiminütige Video wurde am 28. Juli von einem Anrainer aufgenommen und dem „Vice“-Magazin und der Wiener Stadtzeitung „Falter“ zur Recherche zur Verfügung gestellt.

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Der „Falter“ verglich das Video mit dem Bericht der Polizisten – und stellte Differenzen fest. Demnach handelt es sich bei dem Mann um einen mutmaßlichen Taschendieb, der zuvor geflüchtet ist und dabei später sichergestelltes Diebesgut weggeworfen hat. Laut Protokoll wurde der 27-Jährige nur deshalb „zu Boden gebracht und kurzzeitig in Bauchlage fixiert, da die Sicherung nicht mehr aufrechterhalten werden konnte“. Von „massivem Winden und Wegdrücken“ ist die Rede. Auf dem Video ist das aber so nicht zu erkennen. „Leichte Verletzungen“ im Rahmen der Amtshandlung werden zwar dokumentiert, jedoch: Diese habe sich der Betroffene beim „mit dem Kopf von der Wand wegdrücken“ quasi selbst zugezogen.

Beamte in Innendienst versetzt

Wie leicht oder schwer die Verletzungen sind, lässt sich auf Basis des veröffentlichten Videomaterials nicht sagen. Der Mann wurde auf freiem Fuß wegen Diebstahls angezeigt (nicht aber wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt). Seither ist er untergetaucht.

Die Polizei hat nach der Sichtung des Videos erste Konsequenzen gezogen. „Die Beamten wurden mit sofortiger Wirkung vom operativen Außendienst abgezogen und in den Innendienst versetzt“, so Polizeisprecher Johann Golob. Es bestehe der „dringende Verdacht, dass Körperkraft unverhältnismäßig angewendet wurde“. „Die Presse“ erfuhr, dass die betroffenen Beamten der Bereitschaftseinheit angehören. Diese besteht aus überwiegend jungen und unerfahrenen Polizisten, die (auch zur Ausbildung) verstärkt im Straßendienst eingesetzt werden. Gegen Mitarbeiter der Bereitschaftseinheit tauchten in den vergangenen Jahren und Monaten immer wieder Misshandlungsvorwürfe auf. Der Fall wird nun vom Referat für Besondere Ermittlungen bearbeitet, das alle Unterlagen der Staatsanwaltschaft übermitteln soll. Es ist dies der bereits zweite mutmaßliche Polizeiübergriff, der heuer bekannt wurde. In der Silvesternacht erlitt eine Wienerin bei einem Polizeieinsatz einen Steißbeinbruch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2015)

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