Wenn aus Liebe Folter wird

43 Prozent aller Frauen in der EU haben psychische Gewalt erlebt. Der Ruf nach einem Gesetz wird laut, die Beweislage ist schwierig – obwohl Schäden medizinisch nachweisbar sind.

Martina Sommer ist Leiterin des Frauennotrufs.
Martina Sommer ist Leiterin des Frauennotrufs.
Martina Sommer ist Leiterin des Frauennotrufs. – Die Presse

Anna wollte nie so eine Frau sein. Eine, die sich von ihrem Freund demütigen lässt. Nun saß sie wieder fix und fertig angezogen und weinend vor der Haustür und konnte einfach nicht gehen. Da es doch einmal eine große Liebe war. Da sie nicht aufhören wollte, daran zu glauben, dass es wieder so werden könnte, wenn sie sich änderte.

Und da sie Angst hatte, für immer allein zu sein. Hässlich war sie, dick und psychisch krank – zumindest war es das, was Markus ihr jeden Tag sagte. So jemand wie sie könne froh sein, überhaupt einen Mann zu haben. Kein Wunder, dass er ihr immer wieder den Teller wegnahm, noch bevor sie zu essen angefangen hatte – und ihr erklärte, dass sie entweder hungere oder er sie endgültig verlasse. Mit einer „fetten Frau wie ihr“ könne er das Bett nicht teilen. Darum war es für sie auch verständlich, dass sie oft nicht dabei sein durfte, wenn Besuch kam. Darum ertrug sie es, dass er sich immer wieder mit anderen Frauen traf. Egal, wie sehr sie sich bemühte, ihm zu gefallen, es wurde immer schlimmer. Markus sprach oft ohne ersichtlichen Grund tagelang nicht mit ihr. Sie flehte ihn weinend an, er solle doch mit ihr reden– er schwieg.

Wenn sie Freunde oder Familie trafen, rügte er sie, sobald keiner zuhörte, wegen ihres Aussehens, wegen dessen, was sie sagte, oder wenn sie zu laut gelacht hatte. Er beschimpfte sie. Später kam er oft in der Nacht nach Hause, drehte laut die Musik und das Licht im Schlafzimmer auf und brüllte herum, weil im Kühlschrank etwas fehlte, weil sie vergessen hatte, ein bestimmtes T-Shirt mitzuwaschen – oder weil sie sich erdreistete zu fragen, wo er gewesen war.

Als sie ihn einmal ignorierte, sich die Decke über den Kopf zog, riss er sie an einem Bein aus dem Bett und trat ihr in die Rippen. Dann ging er schlafen – und Anna heimlich auf das Klo weinen. Sie wusste, wenn er es hörte, würde er wieder wütend. Anna war 25, Akademikerin, kam aus einem bürgerlichen Haushalt. Sprechen konnte sie darüber mit niemandem. Zu groß war die Scham, zu groß die Angst vor weiterer Eskalation zu Hause, falls er davon erführe. Wie es in dieser Partnerschaft aussah, solle niemand wissen. Man würde sie für verrückt erklären.

Fast jede zweite Frau wird Opfer. Anna ist kein Einzelfall. Rund 43 Prozent aller Frauen sind EU-weit in ihrem Leben zumindest einmal von psychischer Gewalt betroffen. Das ergab eine Studie der European Union Agency for Fundamental Rights unter 46.000 Frauen.

„Unter psychischer Gewalt versteht man das systematische seelische Quälen einer Person über eine längere Zeit mit dem Ziel, sie zu isolieren, einzuschränken und zu zerstören. Sie tritt meist in Beziehungen auf, fast immer sind Frauen betroffen“, sagt Martina Sommer vom Frauennotruf der Stadt Wien, der dieses Jahr rund 8600 Mal gewählt wurde. Etwa 28 Prozent der Klientinnen meldeten sich wegen psychischer Gewalt. Darunter war etwa ein Fall, wo ein Mann jede Stunde in der Nacht die Sirene aufdrehte. Ein anderer sperrte seine Freundin tagelang ein, ließ sie immer wieder die Wäsche im Kasten nach einem bestimmten Schema neu zusammenlegen.

Die Frage, die Sommer oft hört, ist: „Warum lässt man sich das gefallen? Warum verlässt sie ihn nicht einfach?“ Man dürfe nicht vergessen, sagt sie, dass so ein Prozess schleichend beginne und am Anfang einmal eine große Liebe gestanden habe. Es käme über lange Zeit zu einer Wahrnehmungsverschiebung und Schuldumkehr. Wie Anna wird den Opfern eingeredet, sie seien ja selbst schuld. „Wenn man das oft genug hört, glaubt man es auch“, sagt Sommer.

Ein weiteres klassisches Merkmal dieser Gewaltform sei Isolation. „Der Täter tut alles, um das Opfer an sich zu binden, untersagt ihm den Kontakt zu Freunden und Familie – das geht bis zum Einsperren.“ Wenn noch ökonomischer Druck oder Kinder dazukommen, werde es noch schwieriger. Oft würden Täter drohen, Menschen im Umfeld oder das Haustier umzubringen, falls die Frau ihn verlässt.

Immer wieder wird die Forderung laut, psychische Gewalt als Delikt ins Strafgesetz aufzunehmen. Die Stadt Wien hat dafür im letzten Landtag einen Resolutionsantrag eingebracht. „Psychische Gewalt verursacht schreckliche Schäden, grenzt an Folter. Das sollte strafbar sein“, sagt Rechtsanwältin Elisabeth Gerhards, die viele weibliche Gewaltopfer vertritt. Einen derartigen Paragrafen zu gestalten sei nötig, allerdings alles andere als einfach. Ein großes Problem sei die Beweislage. Psychische Gewalt zu messen und zu objektivieren sei sehr schwer, da sie von außen meist nicht sichtbar ist.

Auch im Justizministerium steht man der Forderung kritisch gegenüber, denn einerseits habe man das Strafrecht gerade novelliert, andererseits seien Teile der psychischen Gewalt mit dem Körperverletzungsparagrafen abgedeckt. „Der greift nur in Einzelfällen“, sagt Gerhards. Dabei ist es erwiesen, dass psychische Gewalt Auswirkungen auf körperliche Gesundheit hat: „Der Mensch hat natürliche Systeme, Stress zu verarbeiten. Diese sind im Hirnstamm und im Mittelhirn und werden aktiviert, wenn Gefahr droht“, sagt Sylvia Wintersperger von der österreichischen Gesellschaft für Traumatherapie. Ein gesunder Mensch reagiert auf Stress und Gefahr reflexartig mit Flucht, Abwehr – oder Bindung, also indem er Schutz im sozialen Umfeld sucht. Wenn diese Schutzmechanismen nicht greifen – weil sie etwa durch schlechte Erfahrungen in der Kindheit nicht stark genug ausgeprägt sind –, macht der dauernde Stress Geist und Körper krank.

Symptome. Hoher und niedriger Blutdruck, Ohnmacht, Schlafstörungen, erhöhte Muskelanspannung, Herz-Rhythmus-Störungen oder Ganzkörperschmerzen sind nur einige messbare Symptome. Gleichzeitig wird die psychische Verfassung schlechter, das Selbstbewusstsein geringer. „Opfer brauchen oft Jahre, bis sie Hilfe in Anspruch nehmen, die Schmerzgrenze erreicht ist“, sagt Sommer. Bei Anna dauerte es fast drei Jahre, bis sie doch die Haustür aufmachte und mit zittrigen Knien für immer ging. Das Letzte, was sie von Markus hörte, war ein Schuh, der hinter ihr an die Tür knallte.

Hilfe

Der Frauennotruf der Stadt Wien hat die Nummer +43/(0)1/717 19, ist 24 Stunden besetzt, gratis und auf Wunsch anonym. Die Betreuung wird auch persönlich oder online angeboten. Der Notruf berät neben Opfern auch Zeugen oder Angehörige, die Gewalt beobachten.

Täter haben auch oft den Wunsch nach einem gewaltfreien Leben. Eine hohe Erfolgsquote verzeichnen Anti-Aggressionstrainings. Studien zeigen, dass 70 Prozent der Täter nach Absolvierung nicht mehr rückfällig werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2015)

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