A4-Flüchtlingsdrama: „Ein Lastwagen voller Leichen“

Nach Entdeckung eines Schlepperlasters mit bis zu 50 Toten auf der A4 nahe Parndorf werden zusätzliche Polizisten und das Bundesheer in die Region geschickt.

Eisenstadt. Die Gegensätze könnten kaum größer sein. Nur etwa ein Kilometer trennt die Massen, die sich an diesem langen Einkaufsdonnerstag im Outletcenter Parndorf drängen, und den Kühllaster, in dem bis zu 50 Menschen den Tod gefunden haben.

Mindestens zwanzig, höchstens 50 Leichen wurden gestern, Donnerstag, in einem verlassenen Lastwagen auf der A4 (Ostautobahn) im Bezirk Neusiedl entdeckt. Sie dürften bereits vor zwei Tagen gestorben sein. Offenbar Asylwerber, die auf der Schlepperfahrt umgekommen sind. „Es ist ein Lastwagen voller Leichen“, sagte ein Sprecher des Innenministeriums in einer ersten Reaktion. Die Schreckensnachricht aus dem Burgenland fiel mit der Westbalkan-Konferenz zusammen, die derzeit in Wien tagt. Auf Initiative von Bundespräsident Heinz Fischer gedachte man der Toten dort mit einer Trauerminute: „Wir alle sind erschüttert von der entsetzlichen Nachricht“, so die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel.

Der Lkw dürfte schon am Mittwoch abgestellt worden sein. Das erste Mal aufgefallen war der Laster, der in einer Pannenbucht in Fahrtrichtung Wien stand, einer Polizeistreife bereits um halb acht Uhr morgens. Die Beamten fuhren aber zunächst weiter. Sie glaubten an eine Panne. Dazu muss man wissen: Die burgenländische Polizei ist im Dauereinsatz, ständig wird sie wegen aufgegriffener Asylwerber gerufen – allein im Bezirk Neusiedl sind es an manchen Tagen bis zu 300. Dies bestätigte Hans Peter Doskozil, der Landespolizeidirektor des Burgenlandes bei einer Pressekonferenz Donnerstagnachmittag.

Burgenland: Tatortarbeit am Pannenstreifen

Vier Stunden später schließlich untersuchte die Polizei den 7,5 Tonnen schweren Laster. Zu diesem Zeitpunkt war auch schon ein Mitarbeiter des Autobahnbetreibers Asfinag auf das Fahrzeug aufmerksam geworden. „Ihm ist aufgefallen, dass es dort heraustropft“, so ein Asfinag-Sprecher. Es handelte sich bereits um Verwesungsflüssigkeit.

Als einer der Polizisten das unversperrte Fahrzeug öffnete, entdeckte man die Leichen. Laut Doskozil spricht einiges dafür, dass die Opfer bereits tot waren, als der Laster den Grenzübergang Nickelsdorf passierte. Dieser Übergang wird täglich von etwa 3000 Lkw frequentiert.

Vom Fahrer des Lasters fehlte vorerst jede Spur. Die Polizei suchte mit Hunden und Hubschraubern nach etwaigen weiteren Opfern bzw. nach den Schleppern; ein Fahrstreifen der Ostautobahn wurde gesperrt. Am späteren Nachmittag wurde der Lastwagen abgeschleppt – samt Leichen. Man habe sie aus Sicherheitsgründen nicht auf dem Pannenstreifen ausladen können, hieß es.

Donnerstagnachmittag langte das Fahrzeug in der Veterinärgrenzdienststelle Nickelsdorf ein, wo es auch Möglichkeiten der Kühlung gibt. Für die Klärung der Identitäten wird der Einsatz einer Spezialeinheit überlegt, wie sie bei Flugzeugabstürzen eingesetzt wird. Laut Polizei sei zu erwarten, dass auch Familien mit Kindern zu den Opfern zählen.

Der Kühlwagen trägt den Schriftzug einer slowakischen Hühnerfleischfirma. Ein Sprecher des Unternehmens sagte der „Presse“, dass man in den Vorjahren 21 Lkw verkauft habe. Den betroffenen Lastwagen habe eine andere slowakische Firma erworben, die ihn dann noch einmal weiterverkaufte: an einen ungarischen Autohändler mit Firmensitz in Budapest. Der Kühlwagen trägt auch ein ungarisches Kennzeichen.

Nach "Presse"-Recherchen handelt es sich bei dem Autohändler um János K., wobei es am eingetragenen Firmensitz im Zentrum der ungarischen Hauptstadt kein Büro gibt, offenbar eine technische Adresse, die von Dutzenden Unternehmen genutzt wird. Die Spur führt ins zentralungarische Kecskemét. Dort wohnt der Firmenchef, der mehr schlecht als recht einige kleinere Unternehmen etwa im Catering-Bereich betreiben soll - und dort ist nach Angaben aus Budapest auch das Kennzeichen für den Lkw ausgestellt worden, in dessen Kühlraum nun die Leichen entdeckt wurden. Dem Stabschef von Viktor Orbán zufolge wurden die Nummernschilder just in Kecskemét ausgestellt. Das Fahrzeug sei auf einen Rumänen zugelassen, was das Außenministerium in Bukarest  mittlerweile bestritten haben soll. Es habe keine derartigen Informationen aus Budapest erhalten.

Die Kennzeichennummer startet mit einem Z. Der Versal soll in Ungarn unter anderem für vorübergehende Kennzeichen von Fahrzeugen verwendet werden, die kurz vor dem Export ins Ausland stehen. Die Gretchenfrage ist nun, ob und falls ja, an wen János K. das Auto weiterverkauft hat.

 

 

APA
János Lázár, der Stabschef von Premier Viktor Orbán, bestätige unterdessen, dass das Nummernschild des Lastwagens von einem Rumänen in der mittelostungarischen Stadt Kecskemét beantragt worden war. Lázár zufolge soll das Fahrzeug dem Mann auch gehören. Die österreichische Polizei arbeitet eng mit Ungarn zusammen. Zwei Beamte des Nachbarlandes befinden sich in Österreich. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Als Verstärkung werden dieser Tage Polizisten aus Kärnten und der Steiermark in die Region geschickt. Auch das Bundesheer wird zur Unterstützung zur Polizei administrative Tätigkeiten übernehmen.

„Schlepper nur am Profit interessiert“

VP-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sagte: „Diese Tragödie macht uns alle betroffen.“ Sie nutzte den Vorfall für einen Appell für eine Verschärfung des Schlepperparagrafen (siehe S. 2.): Schlepper seien nicht interessiert am Wohl der Flüchtlinge, sondern nur am Profit. Asylwerber sollten an Außengrenzen der EU Schutz finden und aufgeteilt werden. Das Unglück sei „ein Signal an die europäische Ebene, so rasch wie möglich tätig zu werden“. Für Montag ist ein Gedenkgottesdienst im Stephansdom geplant.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2015)

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