Sikhs-Attacke auf indischen Tempel in Wien

Sechs bewaffnete Attentäter, vermutlich radikale Sikhs, stürmten am Sonntag einen indischen Gebetstempel in Wien-Fünfhaus und richteten ein Blutbad an. Auslöser für den Angriff dürfte ein Religionsstreit gewesen sein.

Verletzter wird versorgt
Verletzter wird versorgt
(c) EPA (BENEDIKT LOEBELL)

WIEN. Dramatische Szenen, die an einen Terrorangriff erinnern, spielten sich am Sonntag in einem indischen Tempel in Wien-Fünfhaus ab – ausgelöst vermutlich durch einen Glaubenskrieg. Während des Gottesdienstes um 13.40Uhr betreten sechs radikale Sikhs das Gotteshaus und mischen sich unter die Gläubigen. Plötzlich zieht einer der Männer eine Waffe und feuert auf die Prediger, einer der Attackierten ist Shri Guru Ravidas Sabha, der für diesen Gottesdienst in der Pelzgasse extra aus Indien angereist war.

 

Sechs bewaffnete Attentäter

Die Besucher reagieren mit Panik. Während viele zum Ausgang flüchten, ziehen die fünf Begleiter des Attentäters sofort ihre Messer und attackieren die Besucher des Gebetshauses. „Es waren zu diesem Zeitpunkt zwischen 150 und 350 Besucher in dem Tempel“, erklärt Polizeisprecher Michael Takacs der „Presse“: „Die genaue Zahl der Besucher wissen wir derzeit noch nicht, nachdem viele Gläubige in Panik einfach fortgelaufen sind.“

Das Gemetzel dauert nur kurz. Mitarbeiter bringen die zwei indischen Prediger in Sicherheit; die Gläubigen wehren sich und gehen zum Gegenangriff über. Weitere Schüsse fallen, die Attentäter setzen wieder ihre Messer ein; die verbliebenen Tempelbesucher attackieren die Angreifer mit Fäusten und Stühlen. Zurück bleiben mindestens elf Verletzte; davon sechs schwer Verletzte, die in das SMZ Ost, das Unfallkrankenhaus Meidling, in das Lorenz-Böhler-Spital und in das Krankenhaus Krems (Niederösterreich) geflogen werden – drei Rettungshubschrauber und 16 Rettungswagen waren im Einsatz, während das Gebiet von der Polizei abgeriegelt wird.

(c) APA (Oeamtc)
Die beiden aus Indien angereisten Sikh-Prediger sind bei der Schießerei schwer verletzt worden. Beide Männer schweben in Lebensgefahr und werden zur Stunde operiert, so Polizeisprecher Michael Takacs. Sie wurden von je zwei Kugeln getroffen. Bei vier der Schwerverletzten handelt es sich demnach um die Angreifer, die auf die Priester losgingen.

Geschockte Helfer berichteten später aus dem Inneren des Gotteshauses, das seit 25. Dezember 2005 geöffnet hat: „Es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld.“ Alles sei zerstört, überall sei viel Blut zu sehen.

Unter den Verletzten befinden sich auch die sechs Angreifer, die von der Polizei festgenommen wurden. Einer der Attentäter ringt mit dem Tod.

Auslöser des Angriffs dürfte nach ersten Meldungen ein Glaubenskrieg unter Sikhs in Wien sein. Der Prediger Shri Guru Ravidas Sabha soll eine größere Unabhängigkeit von den traditionellen Werten der Sikhs propagieren; womit er sich die Feindschaft radikaler Sikhs zugezogen hat.

Eine Gläubige vermutet dabei auch ein Kastenproblem: „Hier (in Rudolfsheim-Fünfhaus, Anm.)treffen Angehörige niedriger Kasten zusammen. Unter ihnen sind kaum Männer, die Turban und Bärte tragen. In den Gotteshäusern in Donaustadt und Meidling halten sich Angehörige höherer Kasten auf.“ Die Tatsache, dass es sich bei den Angreifern um Männer mit Turban und Bärten handle, lasse den Schluss zu, dass es fundamentalistische Sikhs seien, die höheren Kasten angehören: „Diese blicken gern auf uns herab“, erklärte eine Besucherin des Gottesdienstes in der Pelzgasse.

(c) APA (Benedikt Loebell)

Vorwürfe gegen Polizei

Waren die Probleme vorhersehbar? Laut Besucher des Gottesdienstes wurden bereits im Vorfeld der Predigt des indischen Gurus Schwierigkeiten mit radikalen Sikh befürchtet – nachdem es bei dessen letztem Auftritt in Wien ebenfalls Drohungen gegeben hätte; ebenso wie Drohungen vor dem Gottesdienst am Sonntag. Man habe im Voraus die Polizei informiert und gebeten, dass diese bei Problemen möglichst schnell kommen würde, erklärten mehrere Zeugen und Besucher des Tempels nach dem Überfall.

Auch Kumar Balvinder, der Vizepräsident des Tempels (sein Bruder wurde bei dem Angriff der Attentäter schwer verletzt), erklärt: Der Obmann des Gebetshauses in der Donaustadt (einem Zentrum der Sikhs, Anm.) habe ihn davor gewarnt, dass es am Sonntag zu einem Gewaltakt kommen könnte. Dies sei auch der Polizei gemeldet worden, die aber keine Sicherheitsmaßnahmen ergriffen habe. Er, Balvinder, sei im Vorfeld sogar vor dem Besuch des indischen Gurus, mit dessen Lehren die radikalen Sikhs nicht einverstanden sind, gewarnt worden.

Seitens der Polizei hieß es am Sonntag zu den auftauchenden Vorwürfen, man habe trotz aller Hinweise nicht auf die Bedrohung reagiert und den Tempel beschützt: „Das können wir so jetzt nicht bestätigen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2009)

Kommentar zu Artikel:

Sikhs-Attacke auf indischen Tempel in Wien

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen