Chris Lohner: Die ÖBB bekommen ihre Stimme zurück

Die zentrale Verkehrssteuerung drängte die Banddurchsagen von Chris Lohner immer weiter zurück. Jetzt kommen sie wieder. Digital. Für immer. Theoretisch jedenfalls.

Zur Freude vieler ÖBB-Kunden ist Chris Lohners Stimme wieder zurück.
Zur Freude vieler ÖBB-Kunden ist Chris Lohners Stimme wieder zurück.
Zur Freude vieler ÖBB-Kunden ist Chris Lohners Stimme wieder zurück. – Clemens Fabry

Manchmal sind es die kleinen, vermeintlich unbedeutenden Dinge, die die Menschen wirklich bewegen oder die sie vermissen, wenn sie nicht mehr da sind. Die Durchsagen in den Bahnhöfen und Zügen der ÖBB sind so etwas. Oder präziser: Die dazugehörige Stimme.

Sie gehört der Schauspielerin und Moderatorin Chris Lohner. Seit ihr charakteristischer Ton (Einführung: 1979) mit dem Jahr 2011 Stück für Stück zu verschwinden begann, sind die ÖBB mit Protesten der Fahrgäste konfrontiert. Jetzt kommt Chris Lohner wieder. Digitalisiert und – das ist ausdrücklich vertraglich festgehalten – über Lebenszeit hinaus. Ewig quasi, zumindest theoretisch. Aber wie kam es überhaupt dazu?

Petra aus Cottbus statt Chris aus Wien

Zu tun hat das unter anderem mit der zentralen und computergesteuerten Organisation des Fahrbetriebs auf vielen, insbesondere aber den größeren Bahnhöfen und Streckenabschnitten Österreichs. Dadurch wurde es notwendig, die individuell gesprochenen Ansagen Chris Lohners durch ein flexibles Computersystem zu ersetzen, das beliebige Sätze in Sprache und damit Durchsagen umwandelte.

Die Computerstimme, die die alte, analog aufgenommene Lohner ersetzte, nannten die ÖBB-Techniker auf Grund ihres bundesdeutschen Einschlags „Petra aus Cottbus“. Solche künstlichen Stimmen sind nicht ungewöhnlich. Zu den bekannteren Kolleginnen von Petra gehören zum Beispiel Siri (Apple iPhone) und Cortana (Windows). Piloten US-amerikanischer Kampfjets nennen die warnende Stimme ihres Bordystems „Bitching Betty“, ein ähnliches System in der Londoner U-Bahn hört auf den Namen Sonya.

Allergische Reaktion

Gerade österreichische Ohren scheinen auf die stark an das Hochdeutsche angelehnte Computerstimmen jedoch gewissermaßen allergisch zu reagieren. Auf Grund der Proteste der Fahrgäste und der ohnedies fortschreitenden Vernetzung des Fahrbetriebs entschlossen sich die ÖBB dazu, das Prinzip, auf dem das System „Petra aus Cottbus“ arbeitet, beizubehalten, dafür jedoch die bekannte, beliebte und seit vielen Jahren für die Marke stehende Stimme von Chris Lohner zu verwenden. Wie das geht?

Bisher wurden die Sätze der Durchsagen Jahr für Jahr, Satz für Satz aufgenommen. Das beschränkte die Möglichkeiten des Systems natürlich enorm. In Zukunft können beliebige Durchsagen per Tastatur in den Computer getippt werden, am Bahnsteig (oder im Zug) ertönen sie dann mit der Stimme von Chris Lohner. Das reicht von Informationen über Verspätungen bis hin zur Einrichtung eines Schienenersatzverkehrs.

Weltweit nur eine handvoll Anbieter

Weltweit gibt es nur eine handvoll Anbieter von Software, die diese Übung (Techniker nennen das Text-to-Speech) so vollbringen, dass die Ansage möglichst natürlich klingt. Die EU-weite Ausschreibung der ÖBB gewann Aristech aus Heidelberg in Deutschland. Gemeinsam mit dem Bahnunternehmen entwickelte man ein Wörterbuch mit über 10.000 Einträgen, das vor allem den Zweck hatte, dem System Österreichisch beizubringen. Lohner sprach diese Wörter im Rahmen unzähliger Sätze innerhalb einer mehrwöchigen Aufnahmesitzung auf Band, oder besser, auf Festplatte. So ist zum Beispiel garantiert, dass die Kärntner Bezirksstadt Villach auch als „Fillach“, und nicht wie in Deutschland vielerorts üblich, als „Willach“ erklingt.

Im zentralen System liegen die von Lohner eingesprochen Sätze in Wörter und Silben zerzeilt vor. Das macht es möglich, in Zukunft jeden beliebigen Satz zu formen.

Lernfähiges System

Wer feine Ohren hat, wird noch einen kleinen Unterschied zwischen der alten analogen, und der neuen digitalen Lohner erkennen. Laut ÖBB-Projektleiter Michael Nahler ist das System jedoch lernfähig. Im Laufe der Jahre sollen so selbst kleine, sprachliche Kanten mit Hilfe von Algorithmen glattgeschliffen werden.

Am Bahnhof Flughafen Schwechat sowie am Hauptbahnhof Wien läuft die digitalisierte Chris Lohner bereits im Probebetrieb. Mit dem Fahrplanwechsel (13. Dezember) sollen 30 weitere große Stationen in ganz Österreich folgen. Em Ende des Prozesses sollen alle 800 Stationen in das System eingebunden sein. Das wird aber noch dauern. Jährlich, so der Plan, sind knapp 100 Um- und Aufrüstungen geplant.

Derzeit sind also noch drei unterschiedliche System im Einsatz: Die (digitale) Petra aus Cottbus, sowie die bekannte Chris Lohner. Einmal vom Band, und einmal aus dem Computer.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2015)

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