Warme Suppe gegen die Kälte

Der Canisibus schenkt täglich Suppe an Obdachlose auf der Straße aus. So viele wie dieses Jahr waren es noch nie - auch obdachlose Jugendliche stellen sich um Mahlzeiten an.

„Wir wissen, dass wir heuer einen neuen Rekord an Essensausgaben haben werden“, sagt Josef Heinzl, Chef der Canisibusse.
„Wir wissen, dass wir heuer einen neuen Rekord an Essensausgaben haben werden“, sagt Josef Heinzl, Chef der Canisibusse.
„Wir wissen, dass wir heuer einen neuen Rekord an Essensausgaben haben werden“, sagt Josef Heinzl, Chef der Canisibusse. – (c) REUTERS (LISI NIESNER)

Zuerst war es der Liebeskummer, dann der Alkohol, der Walter L. für fast die Hälfte seines Lebens betäubte. 20 Jahre schlief der Mann auf der Straße. Dieses Jahr wird er das erste Mal seit Langem in seiner eigenen Wohnung Weihnachten feiern – mit einem echten Baum. Der 50-Jährige wohnt seit Kurzem in einer Wohngemeinschaft.

Wie sich Hunger und Kälte anfühlen, hat er nicht vergessen – ebenso nicht, wer seine Freunde sind und wer ihm aus seinem jahrzehntelangen Tief herausgeholfen hat. Obwohl Walter L. jetzt genug Geld für Essen und auch einen Herd hat, kommt er fast jeden Abend zur Friedensbrücke, wo der Canisibus der Caritas Suppe ausschenkt. Walter L. nutzt die Gelegenheit, um mit Klienten wie Betreuern den wichtigsten Tratsch auszutauschen – oder auch um andere, denen es gerade nicht gut geht, aufzumuntern. „Ich hab nicht vergessen, wie wichtig manchmal ein paar wärmende Worte für mich waren“, sagt er. Einer, der ihm in seinen dunkelsten Stunden Trost spendete, war Herbert B.: „Vor einem Jahr hast noch anders ausgeschaut, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass du amal so vor mir stehst“, sagt der Pensionist, der schon seit 18 Jahren freiwillig Suppe austeilt, nicht ohne Stolz. „Es ist jeden Tag hart, ich muss mich disziplinieren. Und ich gehe regelmäßig zu meiner Betreuerin zur Therapie“, sagt L. und kassiert dafür von allen Lob. Sein nächstes Projekt: ein kleiner Job. Am liebsten wäre ihm eine Arbeit mit Tieren, die er über alles liebt. „Bist ja selber ein listiger Fuchs, was brauchst da Viecher“, sagt ein Bekannter – beide lachen.


Armutsmigration spürbar

Derart zum Scherzen aufgelegt wie L. und sein Freund sind allerdings nur die wenigsten, die die „Presse am Sonntag“ auf ihrer Tour mit der Caritas trifft. Es wird kälter, die Nächte härter – und die guten Schlafplätze rarer. „Die wachsende Armut ist auch für uns ganz unmittelbar spürbar. Schon jetzt wissen wir, dass wir einen neuen Rekord an Essensausgaben in diesem Jahr haben werden“, sagt Josef Heinzl, Chef der Canisibusse. Rund 100.000 Mahlzeiten werden die zwei Busse, die 365 Tage im Jahr im Einsatz sind, dieses Jahr wohl verteilen – ein Rekord. Der Canisibus feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Jubiläum.

Heinzl hilft selbst seit elf Jahren bei der Essensausgabe, „aber so viele waren es noch nie“. Die Altersarmut sei genauso spürbar wie die Armutsmigration in Europa – immer mehr Arbeiter aus der Slowakei oder Ungarn versuchen hier ihr Glück und scheitern.

Kinderprostitution

So hat es auch Marcela und Josef auf die Straßen Wiens verschlagen, die die „Presse am Sonntag“ bei der nächsten Station am Praterstern trifft. Beide sind gepflegt, Anfang 20 – auf den ersten Blick würde wohl niemand vermuten, dass sie kein Dach über dem Kopf haben. Gierig schaufeln sie die Gulaschsuppe, die das Hotel Imperial diesmal gekocht hat, in sich hinein. „Wir haben sogar Arbeit, aber es reicht nicht für eine Wohnung“, sagen sie. Das Paar ist bei der MA 48 als Tagelöhner beschäftigt. Der Stundenlohn beträgt rund fünf Euro – „zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben“. Beide träumen davon, einen guten Job zu finden – beide sind unqualifiziert und haben auf dem Jobmarkt wohl keine Chancen. Jetzt, wo es kalt wird, versuchen sie, am Tag zu schlafen und während der Nächte wach zu bleiben – sie wärmen sich in U-Bahnen oder an einer Schüssel Gulaschsuppe.

Bei der Essensausgabe am Praterstern sind die beiden mit Abstand nicht die jüngsten, die um eine wärmende Mahlzeit bitten. Zwei Jugendliche stellen sich an und ziehen sich schnell zum Essen ein gutes Stück von den Älteren entfernt zurück. Jan ist gerade 16 geworden. Seine Freundin Paulina ist 14 – beide stammen aus der Slowakei. Sie kommen aus einer armen Gegend, erzählt Jan. Vor zwei Jahren hätte ihn seine allein erziehende Mutter rausgeschmissen, weil sie nicht zwei Kinder ernähren könne. Seitdem ist er in Wien, hier hat er zufällig Paulina kennengelernt. Eine Schule haben die beiden Jugendlichen nur kurz besucht. Auf die Frage, wie sie sich jetzt durchschlagen, zuckt Paulina mit den Schultern. Ab und zu würden sie betteln, wenn sie gar nichts bekommen, „auf der Straße arbeiten“ – „wir tun das nicht gern, aber von irgendwas müssen wir ja leben“, sagt Jan. „Wir haben das Glück gut auszusehen, das mögen die Österreicher und bezahlen gut“, sagt Jan. Die beiden Minderjährigen verdienen sich ihr Geld mit Gelegenheitsprostitution. „Mir ist das wurscht, wo wer herkommt, wir leben alle auf der Straße, da muss man z'am'halten“, sagt ein Mann, der das Gespräch belauscht hat und klopft Jan auf die Schulter. „Wird scho'.“

Zusammenhalt. Das ist auch Walter L.s Schlagwort. Als er vor Kurzem seinen 50. Geburtstag feierte, bekam er von seinen Freunden 50 Euro, die sie gesammelt hatten. „Das hab ich mir gewünscht“, sagt er. Das Geld spendete der Mindestsicherungsbezieher an die Gruft, die Obdachloseneinrichtung der Caritas. „Ich will ein bisschen was von der Hilfe, die mir zuteil wurde, wieder zurückgeben.“

„Und ich will ein Leben mit Bestand haben“, sagt der Freiwillige Herbert. „Die einen machen in der Pension eine Kreuzfahrt – die anderen fahren vielleicht mit dem Suppenbus. Das ist schon etwas anderes und erinnert einen immer wieder daran, dass man doch recht viel Glück hat im Leben – und dass es die gibt, die keins hatten.“

Falls auch Sie helfen wollen, dieser Ausgabe liegt ein Zahlschein für Spenden für den Canisibus bei. Siehe genauere Infos oben.

Spenden

Canisibus. Die Einrichtung der Caritas feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Dieses Jahr werden wohl so viele Mahlzeiten ausgegeben wie noch nie. Täglich stellen sich an den acht Ausgabestellen fast 400 Menschen an. Es werden täglich 180 Liter Suppe ausgegeben – und 50 Kilo Brot.

Spendenkonto. 1,30 Euro kostet eine Suppenschüssel, fünf Euro zehn Suppenschüsseln. 320 Euro eine Tagesfahrt. Bankverbindung: RBI Raiffeisenbank International. BIC: RZBAATWW; IBAN: AT 16 3100 0004 0405 0050; Kennwort: Canisibus

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2015)

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