Tirol: Reform für Rotes Kreuz & Co.: Rettung oder Kahlschlag?

Das Land Tirol sieht „dringend notwendige Prozessoptimierung“. Bisher war die Organisation des bodengebundenen Rettungswesens Gemeindesache.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

INNSBRUCK.Der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP) sorgt mit seinen Plänen zur Neuorganisation des Rettungswesens für Aufruhr. Denn das Land Tirol will künftig als alleiniger Träger des Rettungsdienstes fungieren. Die Durchführung der einzelnen Aufgaben wird im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung dann aber an „geeignete, leistungsfähige Partner“ übertragen.

Dabei steht weniger das Einsparungspotenzial im Vordergrund, wie Tilg sagt: „Wir wollen dort sparen, wo es möglich ist. Die Kosten werden aber voraussichtlich gleich bleiben. In erster Linie soll die Neuorganisation zu einer Prozessoptimierung führen.“ Dieses Optimierungspotenzial soll durch die Abkehr vom etablierten kleinstrukturierten System erzielt werden.

Bisher war die Organisation des bodengebundenen Rettungswesens Gemeindesache. Das heißt, die Gemeinden haben mit den jeweiligen Organisationen – meist dem Roten Kreuz – Verträge abgeschlossen. In Zukunft soll nur mehr ein „Provider“ im Auftrag des Landes tätig sein. Vor allem das Rote Kreuz, bisher Platzhirsch in Sachen Rettungsdienst, befürchtet, dass damit die Versorgungssicherheit in abgelegenen Regionen aufs Spiel gesetzt wird. „Für einen kommerziellen Anbieter ist es nicht lukrativ, bis ins hinterste Seitental Stützpunkte zu betreiben. Wir können das, dank unserer Freiwilligen. Hier wird ein funktionierendes System aufs Spiel gesetzt“, erklärt der Pressesprecher des Roten Kreuz Tirol, Fritz Eller. Dass kommerzielle Anbieter, wie der dänische Konzern Falck, großes Interesse haben, den Rettungsdienst in Tirol zu übernehmen, berichtete „Die Presse“ am vergangenen Donnerstag.

 

Wildwuchs an Anbietern

Landesrat Tilg beschwichtigt: „Egal, welcher Rettungsprovider zum Zug kommt, er muss die vorgegebene Qualität im ganzen Land bieten können.“ Er verstehe die Emotionalität, mit der die Debatte geführt werde, sagt Tilg. Aber: „Als Wissenschaftler (Tilg ist Universitätsprofessor, Anm.) habe ich den Blick aufs Gesamte. Und um eine echte Prozessoptimierung zu erreichen, muss alles neu geregelt werden.“

Dass es eigentlich nur zwei Teilbereiche sind, die in Tirol Probleme bereiten, nämlich das Flugrettungswesen sowie die bodengestützten Notärzte, räumt zwar auch Tilg ein: „Aber das ist ein sehr vernetztes System. Wenn man an einer Schraube dreht, muss man auch alle anderen nachjustieren.“ Im Bereich Flugrettung grassiert in Tirol ein regelrechter Wildwuchs an Anbietern. Während der tourismusintensiven Wintermonate sind 16 Rettungshubschrauber verschiedener Anbieter im Einsatz – mehr als in der gesamten Schweiz. Das Problem dabei, so Tilg: „Es ist untragbar, dass die Patienten je nach Farbe des Helis unterschiedliche Rechnungen erhalten.“ Mit dem neuen Gesetz wird das Flugrettungswesen europaweit ausgeschrieben. Ein Anbieter wird den Zuschlag erhalten, der in Zukunft mit maximal zehn Hubschraubern arbeiten darf. Das sehen auch die Kritiker des neuen Gesetzes so.

Weniger Konsens herrscht bei der Neuordnung des bodengestützten Notarztwesens. „Wir haben österreichweit die höchste Dichte an Notarztstützpunkten in Tirol“, sagt Tilg, „eine Prozessoptimierung ist dringend nötig.“ Unter Einbeziehung der niedergelassenen Ärzte, der Sprengelärzte und der Krankenhäuser soll die Zahl der Notarztstützpunkte reduziert werden. Thomas Fluckinger, leitender Notarzt des Roten Kreuzes, zweifelt daran: „Gut 30 Prozent der Sprengelarztstellen sind nicht besetzt, weil die Bezahlung in keinem Verhältnis zum Aufwand steht. Und wir arbeiten schon jetzt mit den niedergelassenen Ärzten zusammen.“ Neben der Neuorganisation des Rettungsdienstes sei eine Reform des Sprengelarztwesens in Arbeit, sagt Tilg. In wenigen Wochen sei dieses Gesetz fertig.

Auf einen Blick

Tiroler Rettungsdienstgesetz. 2011 soll das neue Gesetz in Kraft treten, das noch im heurigen Juli beschlossen werden soll. Statt wie bisher die Gemeinden, wird das Land Träger. Im Zuge dessen werden die Flugrettung, das Notarztsystem sowie die Kranken- und Rettungstransporte europaweit ausgeschrieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2009)

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