Flashmob ist tot, es lebe der Flashmob

Nach Michael Jacksons Tod tanzten Hunderte auf dem Karlsplatz. Solche im Internet organisierten spontanen Versammlungen werden häufiger, wenn auch oft mit politischen oder kommerziellen Hintergedanken.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

WIEN. Mehr als 200 Menschen tanzen am Karlsplatz im Stil von Michael Jackson, versuchen sich am berühmten „Moonwalk“ und springen schließlich in den Brunnen vor der Karlskirche. Wenige Minuten später ist der Spuk vorbei. Und Wien hat gerade einen Flashmob erlebt. Eine spontane Ansammlung von Menschen, die innerhalb eines kurzen Zeitraums eine möglichst sinnentleerte Aktion durchführen.

In den letzten Monaten feiert der Begriff in Wien eine kleine Renaissance – dank sozialer Netzwerkplattformen wie Facebook und Twitter, über die schnell Menschen mobilisiert werden können, um in Bienenkostümen über den Naschmarkt zu laufen, in der Hofburg mit Pölstern aufeinander einzuschlagen oder eben anlässlich des Todes von Michael Jackson spontan zu seiner Musik zu tanzen. „Es hat nicht zu Ehren von Michael Jackson stattgefunden“, sagt Niko Alm, der den „Mass Moonwalk am Karlsplatz“ organisiert hat, „es war der Versuch, ob so etwas wirklich funktionieren kann.“ Erst im Lauf des Freitagvormittags war die Idee entstanden, bis zum Start um 18.30 Uhr wurde über das Internet mobilisiert.

 

Flashmob als Marketing

Dass es letztlich geklappt hat, ist zwei Dingen zu verdanken. Einerseits dem Ereignis selbst – Michael Jacksons Tod bewegt –, andererseits der guten Vernetzung des Organisators. Als Geschäftsführer einer Agentur, Exherausgeber des Popmagazins „The Gap“ und Herausgeber der Hipster-Zeitschrift „Vice“ nutzte er seine Kontakte, die über Facebook & Co. die Nachricht weiterverbreiteten. „So etwas ist nur für ein gut vernetztes Individuum machbar“, sagt Alm.

Oder auch für Unternehmen und Institutionen, die den Flashmob längst als Marketinginstrument entdeckt haben. So manche spontan zusammengetrommelte Aktion erscheint da plötzlich in einem anderen Licht. Wenn etwa auf dem Stephansplatz 300 Menschen für fünf Minuten in ihren Bewegungen einfrieren, können dahinter Studenten der FH Wien stecken, die mit dieser Aktion im Rahmen eines Projekts Mitglieder für eine neue Internetplattform gewinnen sollen. So geschehen im Mai 2008.

Die gleiche Aktion, sechs Monate später, wird wiederum von einem Partyveranstalter initiiert, der über die Anmeldung zum Flashmob an Adressen potenzieller Besucher kommt. Und als im Februar 2009 das neue U2-Album erscheint, lässt ein U2-Fanklub Anhänger der Band zu einer Menschenkette aufmarschieren – übrigens wieder auf dem Stephansplatz.

Dass letztere Aktion längst kein klassischer Flashmob mehr ist, weil der Nonsens der Werbung geopfert wurde, steht symptomatisch für eine Aufweichung des ursprünglichen Gedankens. Längst ist nicht überall, wo Flashmob draufsteht, auch Flashmob drin.

 

Nur eine Demonstration

Ein Mobilfunkbetreiber, der auf dem Wiener Graben Rosenblätter über die Passanten regnen lässt, mag zwar gutes Marketing machen, einen Flashmob, wie er behauptet, macht er allerdings nicht. Auch die als Polit-Flashmob bezeichneten Versammlungen im Museumsquartier, bei denen biertrinkend gegen eine Verschärfung der Hausordnung protestiert wurde, waren nur einfache Demonstrationen – lediglich die Mobilisierung erfolgte über das Internet. Dass hinter größeren Flashmobs immer häufiger politische oder kommerzielle Interessen stecken, muss aber nicht unbedingt negativ sein, meint Peter Dietrich vom Institut für Kommunikationsmanagement der FH Wien. „Es zählt der Spaß am Mitmachen – es geht darum, Nichteingeweihte zu erstaunen.“ Und wenn Bilder und Videos der Aktion im Netz kursieren, ist man zwar Teil einer viralen Marketingaktion, hatte aber Spaß.

Die ursprünglichen Flashmobs, die um ihrer selbst willen veranstaltet wurden, haben sich überlebt. Und doch sind sinnlose Spontanaktionen wieder im Kommen – wenn auch nicht so groß, dass sie von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden, siehe Facebook, siehe YouTube. Der Flashmob ist tot, es lebe der Flashmob.

LEXIKON

Flashmob: Gebildet aus „flash“ (Blitz) und „mobilis“ (beweglich). Damit werden kurze Menschenaufläufe bezeichnet, die über Internet oder SMS organisiert werden. Üblicherweise wird kurz einer sinnlosen Tätigkeit nachgegangen und die Versammlung schlagartig wieder aufgelöst. Nach den ersten Flashmobs 2003 war es lang ruhig um sie, zuletzt wurden sie häufig für politische oder kommerzielle Zwecke genutzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2009)

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