Langer Marsch durch Pulver und Harsch

Wandern mit Schneeschuhen: Klingt weniger anstrengend, als es ist. Und einfacher, als man auf den ersten Testmetern glaubt. Eine Tour vom Morgengrauen in den Tag.

Europa Skandinavien Finnland Lappland Salla Sallatunturie Winter Frau wandert mit Schneeschuh
Europa Skandinavien Finnland Lappland Salla Sallatunturie Winter Frau wandert mit Schneeschuh
Schneeschuhwandern braucht kein Tempo, vielmehr ist der Weg das Ziel. – (c) imago/Dieter Mendzigall (imago stock&people)

Die Fußstapfen, die wir hinterlassen, könnten vom Yeti stammen, wenn es ihn denn in den Tiroler Bergen gäbe. Tief versinken die Riesenfüße im Neuschnee, um dann im nächsten Schneeloch zu verschwinden. Schneeschuhwandern ist kein Spaziergang.

Die Temperaturen sind tief, als wir beim Gasthaus Arzkasten losmarschieren. Die Dörfer am Mieminger Plateau westlich von Innsbruck liegen noch im Dunkeln, aber der Tag naht mit jedem Meter, den wir uns durch den verschneiten Bergwald bewegen, im Halbschlaf, fast wie auf Autopilot. Es ist viel zu früh für Tratscherei und Gelächter. Alles schweigt und vertieft sich in das Schnaufen, das Slappen der losen Fersen in den Schneeschuhen, das Knirschen der Teller und Stöcke im Schnee. Alle haben viel zu viel angezogen. Nach und nach wandern die Teile in den Rucksack, zur Thermoskanne, die wir unbedingt auf die Tour mitnehmen sollten.

Das Ziel ist die Wankspitze, ein moderater Aussichtsberg in der Mieminger Kette. Der Weg dort hinauf eine gute Einstimmung in die Schneeschuhmaterie – und eine bewältigbare Distanz, um später rechtzeitig beim Frühstück im Lehnberghaus zu sitzen. Das erste Etappenziel durch den Nadelwald ist ein Ansichtskartenmotiv: die eingeschneite „Lacke“ mit einem hübschen Bankerl und großem Ausblick auf Inntal, Karwendel und Außerfern. Die Gruppe wartet zusammen, einige sind quasi verschüttgegangen. Sie haben auf den ersten hundert Höhenmetern bereits Kontakt mit dem Untergrund gehabt, weil Schneeschuhwandern eben doch nicht zu den Sportarten gehört, die man aus dem Stand perfekt beherrscht. Es kann einen schon aus den Latschen kippen, manche bringen es glatt zuwege, bei Wurzeln und Ästen in der nicht allzu dicken Schneedecke einzufädeln.


Kein Spaziergang. Von der Lacke geht's dann noch ein Stück über einen Rücken auf einen Gipfel, von dem man halb Tirol zu überblicken scheint. Das Morgenrot macht schon leichte Andeutungen ins Blau. Die Thermosflaschen mit Kräutertee werden auf ex geleert, eine Tafel Schokolade macht die Runde.

Auch hinunter ist der Weg kein Spaziergang, aber es geht schneller, was zum Übermut verleitet. Fast laufen wir in der Falllinie, ein paar kugeln herum. Eleganter sehen die Skifahrer, die uns auf einer Lichtung überholen, auf jeden Fall aus. Schneeschuhrouten sind oft Skitourenrouten, auch hier auf die Wankspitze. Und eine neue Generation dieser eigentlich uralten Sportgeräte ließe sich auch schon zu einem ultrakurzen Ski umzufunktionieren.

Der große Irrtum beim Schneeschuhwandern liegt beim Anfänger darin, die Gehzeit vom Bergwandern auf die Gehzeit vom Schneeschuhstapfen zu übertragen. Man bewegt sich nämlich nicht immer auf präparierten Wegen – und der Tiefschnee hat einen anderen Widerstand als Gras. Das macht das Schneeschuhwandern ziemlich anstrengend (schmälert den Genuss aber keineswegs). Nicht von ungefähr wird bei manchen Tourenbeschreibungen ausdrücklich „Kondition“ angeraten. Bei längeren höheren Touren kommen dann Tugenden wie „Trittsicherheit“, „Schwindelfreiheit“ oder „alpine Erfahrung“ dazu (Rücksicht auf die Natur und den Lebensraum der Tiere vorausgesetzt).

Der zweite Irrtum besteht darin, das Schneeschuhwandern als simples Gehen zu betrachten: Nein, es braucht mehr, als einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sanft bergauf ist noch eine leichte Übung, man bewegt sich idealerweise parallel, den Schwerpunkt mittig, geschmeidig in den Knien. Wie breithüftig, hängt davon ab, ob man mit traditionellen Schneeschuhen – Classics – unterwegs ist oder auf „Moderns“ eine Schmalspur zieht. Übung Nummer zwei bringt schon schlechtere Haltungsnoten, ist aber ebenso selbst erklärend: „Duck Step“ nennt sich die Gangart im steilen Gelände – die Füße watscheln in V-Stellung bergauf. Auch auf die Methodik, einen Hang zu queren, könnte der motorisch Begabte von selbst kommen: Ein Fuß steigt vor den anderen – und je flacher man diese „Line Steps“ anlegt, desto mehr Serpentinen braucht's zur Überwindung steilen Geländes.

Wobei man sich in ebensolchem ohnedies nicht lang aufhalten sollte. Lawinengefahr gilt für den Schneeschuhwanderer gleichermaßen, natürlich hat er entsprechendes Equipment mit (Lawinenverschütteten-Suchgerät, Schaufel, Sonde) und weiß über Lawinenwarnstufe, Wetter und Schneedeckenaufbau Bescheid. Und dann ist da noch die Materialfrage. Da das Schneeschuhwandern eine der sich am schnellsten entwickelnden Sportarten sein soll, kommen jede Saison Produktinnovationen auf den Markt – ultraleichtes Material mit viel Auftrieb und funktionales Gerät, bei dem selbst Militärausrüster oder die Autobranche Know-how einbringen. Klingt rasant. Nur stapfen muss man noch selbst.

Mit leichtem Gerät auf den Berg

Aufstiegshilfe: Unten liegt traumschön der Achensee, oben bei der Bergstation der Rofanbahn startet die exponierteste der vielen Touren, die man in der Region machen kann. Richtung Rofanspitze wird's hochalpin, nur etwas für die Geübten. www.achensee.com, www.tirol.at
Nachtmarsch: Im Nationalpark Hohe Tauern starten die Osttiroler nächtliche Schneeschuhtouren. Aber es ist mondhell, vollmondhell: Die Gruppe ist mit Nationalpark-Rangern unterwegs, die einem von Tierspuren bis zum Sternbild viel erklären. Start an wechselnden Orten (Matrei, Kals, St. Jakob im Defereggental, am Iselberg), www.hohetauern.at, www.osttirol.com
Hausbergrunde: Vielleicht hat man Rax und Schneeberg sportlich schon intus, dann wäre die Tour von Payerbach zum Naturfreundehaus Knofeleben eine Option. Es geht von Payerbach durch die Schlucht auf den Gahns, ein dem Schneeberg vorgelagertes Plateau, und zur beliebten Hütte. www.wieneralpen.at
Almgebiet: Im Großarltal mit seinen vielen Almen starten Einsteiger mit einer geführten Schnuppertour auf den Hängen des ehemaligen Skilifts in Hüttschlag. Und machen dann mit dem Penkkopf, Filzmooshörndl oder Kreuzeck weiter. www.berg-gesund.at, www.grossarltal.info
Ruhelage: Kein Skizirkus befindet sich in der Nähe, die Ruhe selbst ist das Lesachtal (Bergsteigerdörfer!), wo man schöne, lange Touren unternehmen kann. Eine führt ab St. Jakob auf die Mussen. Von dem knappen Zweitausender hat man einen prächtigen Ausblick. www.bergsteigerdoerfer.at

Spuren

Schneeschuhwandernbeginnt, sich im Alpenraum, in Skandinavien und in Nordamerika von einer Trendsportart zu einer Breitensportart zu entwickeln. Im Sportartikelhandel gehören Schneeschuhe zu den Produkten mit der besten Absatzentwicklung. Laufend werden neue, leichtere, geländegängigere Modelle entwickelt.

Vorbereiten:Lawinenlage- und Wetterbericht sowie Route genau checken. Eventuell Guide engagieren. LVS-Gerät umschnallen, Sonde und Schaufel in den Rucksack. Karte auf Handy herunterladen. Thermoskanne Tee, Wechsel-T-Shirt, Daunenjacke und Sonnencreme nicht vergessen...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2016)

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