St. Pölten: Ärger als die Jahrhundertflut

Die niederösterreichische Landeshauptstadt wurde schwer getroffen. Während das Trinkwasser nicht gefährdet ist, machen manche die Landwirtschaft für das Ausmaß der Überschwemmung verantwortlich.

(c) APA (Bezirksfeuerwehrkommando St. Poe)

WIEN. Es ist eine traurige Ironie des Schicksals. Im Vorjahr hatte St. Pölten seine Hochwasserauffangbecken stark ausgebaut, um für den unwahrscheinlichen Fall eines Jahrhunderthochwassers gerüstet zu sein. Nun steht St. Pölten unter Wasser; ebenso wie die Auffangbecken, die mit den Wassermassen nach den extremen Regenfällen der vergangenen Tage zum Teil völlig überfordert waren: Am Montag wurde die höchste Regenmenge in der Geschichte von St. Pölten registriert.

„Der Boden auf den Feldern ist vollgesogen; das Wasser schießt dann wie auf einer Autobahn in die Stadt hinein“, beschreibt Peter Bylica vom Magistrat St. Pölten die dramatische Situation: Das Militärkommando, der Alpenbahnhof, große Unternehmen wie die Telekom – sie stehen alle unter Wasser; insgesamt die halbe Stadt. „Die Wassermassen treten an Punkten auf, an denen nie damit gerechnet wurde“, erklärt Bylica. Beispielsweise würden völlig überraschend die am höchsten gelegenen Punkte der Stadt unter Wasser stehen, wo seit 150 Jahren kein Hochwasser mehr registriert wurde – während der Hochwasserschutz entlang der ansteigenden Traisen gehalten habe, so Bylica: „Dass dreimal in wenigen Tagen ein Unwetter mit diesen enormen Wassermassen über denselben Stadtteil niedergeht, das hat nichts mit dem Hochwasserschutz zu tun.“ Die Folge: Der Grundwasserspiegel stieg auf den höchsten Stand, der je in St. Pölten gemessen wurde. Bylica: „Jetzt passiert es, dass das Grundwasser sogar in den Wohngegenden hochschießt.“

Bis Mittwoch werden in St. Pölten wieder starke Regenfälle prognostiziert. Die Feuerwehr ist gerüstet – so gut es geht, so Thomas Neuhauser (NÖ-Landesfeuerwehr). „Aber derartige Regenfälle hat noch keiner von uns erlebt. Wenn die Böden voll sind, kann man nichts mehr machen.“

Derzeit wird überlegt, Kanaldeckel in St. Pölten zu entfernen, damit das Hochwasser besser abfließen kann; 40. 000 Sandsäcke wurden in der Nacht auf Dienstag gefüllt; das Trinkwasser dagegen war am Dienstagnachmittag (noch) nicht gefährdet. Doch wie sieht es in anderen, vom Hochwasser betroffenen Regionen mit dem Trinkwasser aus? „Das hängt von dem jeweiligen Wasserversorger ab. Und davon gibt es in Österreich hunderte“, erklärt Regina Sommer (Institut für Hygiene an der Medizinischen Universität Wien). Viele Wasserversorger würden vorsorglich eine Desinfektion mit UV-Bestrahlung durchführen; manche mit Chlorspülungen arbeiten. Bei einem konkreten Verdacht auf Verunreinigung würde der Brunnen außer Betrieb gesetzt; was zuverlässig geschehe, so Sommer: „Die Wasserversorger sind ja haftbar, weil sie dem Lebensmittelgesetz unterliegen.“

Im Schatten des Hochwassers taucht nun eine brisante Diskussion auf. Die Monokulturen rund um die Stadt hätten den Boden so verdichtet, dass er bei starkem Regen nur mehr geringe Wassermassen aufnehmen könne, heißt es in Niederösterreich hinter vorgehaltener Hand. Nun soll mit der Landwirtschaftskammer über eine Lösung diskutiert werden. Auch vor folgendem Hintergrund: In St. Pölten hat es heuer laut Wetterdienst Ubimet bereits mehr geregnet als sonst im ganzen Jahr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2009)

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