Zeugen in Todesangst

Terrorprozess. Eine Frau traute sich nicht, vor dem Saalpublikum auszusagen; ein inhaftierter Zeuge kam frei.

STEIERMARK: PROZESS GEGEN MUTMASSLICHE JIHADISTEN IN GRAZ
STEIERMARK: PROZESS GEGEN MUTMASSLICHE JIHADISTEN IN GRAZ
(c) APA/ERWIN SCHERIAU

Graz. Der Grazer Terrorprozess um mehrere Morde, begangen an Zivilisten im syrischen Bürgerkrieg, könnte am Montag ins Finale gehen. Es sei denn, die Verteidigung schafft es, durch das Einbringen von Beweisanträgen eine Vertagung zu erwirken. Am Freitag standen Zeugenaussagen auf dem Programm.

Nachdem schon am Donnerstag ein Mann befragt worden ist, der sich nach Todesdrohungen im Zeugenschutzprogramm befindet, war nun eine junge Frau an der Reihe, die per SMS mit dem Umbringen bedroht wird. Diese trat dementsprechend eingeschüchtert in den Zeugenstand. Der Richter schloss daher die Öffentlichkeit aus. Dann erzählte sie, ihr Exmann, der mittlerweile in Syrien bei der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) kämpft, habe ihre beiden Söhne schon früh in eine Moschee mitgenommen. Die Vorträge dort seien eine „reine Gehirnwäsche“ gewesen. Einer der Söhne wollte ebenfalls zum IS, wurde aber mittlerweile verhaftet, worüber sie froh sei, meinte die Zeugin.

Wie berichtet, sitzen der Prediger Mirsad Omerovic (34) – er wird von einem Gutachter als Jihad-Befürworter eingestuft – und sein 28-jähriger Gefolgsmann Mucharbek T. auf der Anklagebank. Omerovic soll durch seine Reden andere – unter anderem eben T. – zu Morden in Syrien aufgestachelt haben. Beide Männer bestreiten die Vorwürfe.

 

Kein Grund für eine U-Haft

Auch jener Zeuge, der am Mittwoch in einer spektakulären (unter Beobachtern nicht unumstrittenen) Aktion direkt im Gerichtssaal festgenommen wurde, sagte erneut aus. Zwei Tage hatte er in Verwahrungshaft verbringen müssen. Der Staatsanwalt hatte wegen des Verdachts der Falschaussage und der Begünstigung U-Haft für den Zeugen verlangt. Doch der Haftrichter entschied am Freitag, dass keine Haftgründe (etwa Wiederholungs- oder Verdunklungsgefahr) vorliegen würden, und setzte den Mann auf freien Fuß.

Auch im zweiten Anlauf hielt der Zeuge nun seine entlastenden Aussagen aufrecht. Vor der Polizei hatte der Zeuge den Prediger Omerovic belastet, davon rückte der Mann im Prozess ab. (m. s./APA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2016)

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