Schallaburg: Mit dem Tablet durch das Schloss

Die Schallaburg bei Melk hat sich von klassischer Wissensvermittlung (fast) verabschiedet. Statt Hinweistafeln zu lesen, kann man das Schloss nun per App erkunden.

Der Arkadenhof der Schallaburg mit den Terrakotta- skulpturen. Der VW- Bus ist Teil der 1970er-Ausstellung.
Der Arkadenhof der Schallaburg mit den Terrakotta- skulpturen. Der VW- Bus ist Teil der 1970er-Ausstellung.
Der Arkadenhof der Schallaburg mit den Terrakotta- skulpturen. Der VW- Bus ist Teil der 1970er-Ausstellung. – Die Presse

Man soll hier, im historischen Ambiente der Schallaburg, deren älteste Teile aus dem 11. Jahrhundert stammen, nun also nach sehr modernen Dingen Ausschau halten: Grünen Kreisen auf dem Boden und bunt gestreiften Liegestühlen. In Letzteren kann man, wenn man möchte, Platz nehmen, und die Nummer, die man auf dem Kreis findet, in sein Tablet oder Handy eingeben. Und zuhören.

Denn anno 2016 sieht ein Rundgang durch das Renaissanceschloss – mit wesentlich älteren Teilen wie der mittelalterlichen Wohnburg – so aus: An 18 Standorten im Schloss, im Arkadenhof oder auch im Schlossgarten, bekommt man über die (kostenlose) App auf seinem Handy oder Tablet Burggeschichten erzählt. Eine fixe Reihenfolge gibt es dabei nicht. Wer etwa – vom neuen Kassagebäude gleich unten beim Parkplatz – die wenigen Meter hinauf zum Schloss spaziert und zuerst in den Garten abbiegt, kann die entsprechende Nummer 115 eingeben. Via App hört man einer der Gärtnerinnen der Anlage dabei zu, wie sie ihre Arbeit beschreibt.

Die Bedienung der App ist einfach – auch wenig technikaffine Besucher sollten mit der Handhabung keine großen Probleme haben. Gärtnerin Johanna Moser informiert über das zehn mal zehn Meter große Renaissancebeet, das angelegt wurde, um den Besuchern zu zeigen, wie der Garten in der Renaissancezeit ausgesehen haben könnte. Die Hecken, erzählt Moser am Tablet (Kopfhörer sind empfehlenswert, man hört aber auch ohne ausreichend), sind maximal eine Hand hoch und eine Hand breit, für heutige Gewohnheiten also sehr niedrig.

Der Historiker Johannes Kritzl, dem man auf diesem akustischen Rundgang via App noch mehrmals begegnen wird, erläutert, dass die Auswahl der Pflanzen „das adelige Repräsentationsbedürfnis“ widerspiegle: „Besonders geschätzt waren exotische Pflanzen, mit denen man beeindrucken konnte.“ Neben Tulpen waren das etwa Erdäpfel und Paradeiser, die aber nicht als Nahrung angebaut, sondern wegen ihres fremdländischen Charakters geschätzt wurden. Eine Karte auf der App zeigt dabei, welche Pflanzenarten nach welchem Muster im Beet angelegt wurden – sehr informativ, gerade jetzt, da hier noch wenig blüht.

Schallaburg: ''Burggeschichten'' aus der App



Jederzeit Pause machen

Beim imposanten Hochturm im Schlossareal berichtet ein Sprecher als Schlossherr Johann Wilhelm von Stubenberg (1641 bis 1660) von seinen Problemen: „Mir fehlen zurzeit die finanziellen Mittel, um so eine riesige Burg wie die Schallaburg zu erhalten. Die Herrschaft wirft zu wenig ab, um dieses unglaubliche Gebäude und unseren Lebensstil zu finanzieren.“ Tatsächlich war Stubenberg nicht der einzige Schlossherr, den wirtschaftliche Sorgen plagten. Immer wieder war die Schallaburg in ihrer 900 Jahre langen Geschichte in Turbulenzen – was ein Mitgrund gewesen sein dürfte, wieso so viele alte Teile nach wie vor erhalten sind: Den Schlossherren könnte schlicht das Geld gefehlt haben, um sie abzureißen und durch (teure) neue Bauten zu ersetzen.

Anders als bei normalen Führungen kann man mit der App jederzeit eine Pause machen, manches nochmal anhören – oder auch abbrechen, wenn einen eine Geschichte weniger interessiert. Die Erzähler – manchmal zeitgenössische Historiker, manchmal leihen Sprecher historischen Figuren ihre Stimme – sind dabei recht abwechslungsreich: Auch wenn man keiner „echten“ Person zuhört, hat man nicht unbedingt den Eindruck eines unpersönlichen Rundgangs.

Wer dennoch lieber mit echten Menschen kommuniziert, kann sich einer klassischen Burgführung anschließen, die es – natürlich – nach wie vor gibt. Oder – auch das ist Teil des neuen Konzepts der Schallaburg – einfach einen Mitarbeiter des Schlosses ausfragen, wie Standortleiter Peter Fritz sagt. Fritz hat fast alle Hinweistafeln, den Klassiker der Wissensvermittlung, abmontieren lassen. Die Idee hinter der Neuausrichtung ist – auch wenn das Wort abgegriffen klingt –, die Schallaburg als Erlebnisraum zu inszenieren, den man nicht nur wegen der jeweils aktuellen Ausstellung besucht – für die die Schallaburg, seit 1967 im Besitz des Landes Niederösterreich – vor allem bekannt ist. Vielmehr sollen nun das Schloss selbst, der Garten, auch die Umgebung – vom Schloss aus lassen sich zahlreiche Wanderungen unternehmen – stärker genutzt werden. Helfen dabei soll die günstige Jahreskarte, die es zum Preis einer Tageskarte (elf Euro) gibt. Die Schallaburg ist per Auto oder auch per Bus (von Melk aus) gut erreichbar. Sportliche wandern überhaupt – gute 2,5 Stunden – aus Melk hierher.

Fakten

Vor 1100 dürfte die Schallaburg entstanden sein.

1242 wurde sie als „Feste Schala“ erstmals urkundlich erwähnt.

Seit 1967 gehört sie dem Land Niederösterreich, mittlerweile wird sie von der Schallaburg Kulturbetriebsges.m.b.H. betrieben.

Burggeschichten per app

Mit der App „Schallaburg“, kostenlos im App Store sowie Google Play Store, können Besucher ab sofort das Schloss per Tablet oder Smartphone erkunden. Wahlweise kann auch vor Ort ein Tablet ausgeliehen werden.
Die heurige Ausstellung „Damals war Zukunft“ über die 1970er läuft bis 6. 11.

Adresse: 3382 Schallaburg 1, Tel.: 02754/63 17-0. Geöffnet: 19. 3. bis 6. 11., Mo bis Fr 9 bis 17, am Wochenende 9 bis 18 Uhr. www.schallaburg.at Clemens Fabry

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2016)

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