Salzburg: Ein Land sucht seine Größe

Salzburg, das ist schon auch viel Fassade. Das Bundesland, das seit 200 Jahren zu Österreich gehört, lebt gut von seiner Vergangenheit. Vielleicht zu gut. Eine Stadt-Land-Vermessung zum Jubiläum.

Fernblick auf die Stadt Salzburg vom Plainberg aus vom Maler Josef Mayburger, 1814.
Fernblick auf die Stadt Salzburg vom Plainberg aus vom Maler Josef Mayburger, 1814.
Fernblick auf die Stadt Salzburg vom Plainberg aus vom Maler Josef Mayburger, 1814. – (c) Salzburg Museum

Hohe Berge, glitzernde Seen, grüne Almen, blühende Wiesen, eine barocke Stadt und schicke Menschen in Dirndl und Lederhose, die allsommerlich auf dem Domplatz den „Jedermann“ beklatschen: Salzburg, das ist ein Land, das gern mit seinen Klischees spielt. Die Tourismuswerbung lebt seit vielen Jahre gut damit, das Land bei den internationalen Gästen als „das kleine Paradies“ zu verkaufen.

Vor 200 Jahren war das anders – da war von Paradies, Schönheit und Lebenslust wenig zu spüren. Das einst durch Salz und Bergbau reiche Erzstift Salzburg war in den Franzosenkriegen zum Spielball wechselnder Mächte geworden. Die Franzosen, die Habsburger und die Bayern herrschten über Salzburg. Am 1. Mai 1816 wurde es nach dem Vertrag von München schließlich an das Kaisertum Österreich übergeben, der Rupertiwinkel in Bayern ging für Salzburg verloren. Die wechselnden Herrscher plünderten die Salzburger Schatzkammern und hinterließen ein bettelarmes, ausgeblutetes Land. Seit 200 Jahren ist Salzburg nun ein Teil Österreichs. Was macht dieses Land aus, das vom selbstständigen Erzstift 1816 zu einem von Linz aus verwalteten Kreis, später zum Herzogtum und schließlich zum österreichischen Bundesland wurde? Eine Spurensuche.

Salzburg, das ist für viele Menschen die Stadt. Kein Wunder, wenn Bundesland und Landeshauptstadt den gleichen Namen haben. Dass es da auch ein Land Salzburg gibt, geht in der Ferne in der Aufmerksamkeit für die barocke Perle an der Salzach gern unter. Aber schließlich ist es im Erfolgsfilm „The Sound of Music“, der Salzburg alljährlich Hunderttausende Übernachtungen von Touristen aus aller Welt beschert, auch geografisch unerheblich, dass der Untersberg nicht direkt in die Schweiz führt. Mozart, „Sound of Music“, das barocke Erbe der Fürsterzbischöfe, die schöne Landschaft – Salzburg lebt gut von seinem historischen und natürlichen Kapital. Und doch gibt es Bruchlinien in diesem kleinen Paradies. Der Pass Lueg ist die geografische Trennlinie zwischen dem Norden und dem Süden des Bundeslandes. Er trennt auch die Mentalitäten und die Chancen.

Nord-Süd-Schere. Zwischen den drei Bezirken Außergebirg und jenen Innergebirg gibt es ein starkes Gefälle. Der Zentralraum rund um die Stadt Salzburg wächst, es gibt – trotz aller Schwierigkeiten – genug Arbeitsplätze, die wenigen Industriebetriebe des Landes sind meist hier angesiedelt. Dazu kommen die Universitäten und die wachsende Fachhochschule als Institutionen, die junge Menschen anziehen. Studentisch ist Salzburg trotzdem nicht. „Die wirtschaftsstarken Bezirke Salzburg-Umgebung und Hallein verzeichnen eine ungebrochene Attraktivität als Wohnort“, heißt es in der Studie „Salzburg 2025: Szenarien regionaler Wirtschaftsentwicklung und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen“, die die Fachhochschule Salzburg gerade präsentiert hat. Drei Viertel des Bevölkerungszuwachses verzeichnen die Bezirke Außergebirg, die strukturschwachen südlichen Regionen hingegen stagnieren, leiden unter Abwanderung.

In den Jahren von 1995 bis 2013 sind 60 Prozent der neuen Arbeitsplätze nördlich des Pass Lueg entstanden, nur 40 Prozent in den drei Bezirken im Süden. Die Schere zwischen dem Norden und dem Süden des Bundeslandes geht weiter auf – auch bei den Einkommen. Während die höchsten unselbstständigen Einkommen im Bezirk Salzburg-Umgebung im Jahr 2013 bei 1550 Euro lagen, waren es im Bezirk Zell am See nur 1188 Euro. Die Studie moniert, dass es seit der Jahrtausendwende real keine Einkommenszuwächse gegeben habe und Salzburg bei den durchschnittlichen Einkommen im Bundesländervergleich an vorletzter Stelle liegt. Überdurchschnittliche Lebenshaltungskosten und geringere Einkommen – Fakten, die so gar nicht zum Image des reichen Landes passen. Aber dass gerade in Sachen Geld und Reichtum vieles Chimäre ist, hat spätestens der Finanzskandal gezeigt, bei dem sich das Bundesland mit abenteuerlichen Derivat- und Währungsgeschäften an den Rand des Ruins gezockt hat. Die Schulden werden noch viele Generationen von Steuerzahlen abstottern müssen.

Der Tourismus ist ein entscheidendes wirtschaftliches Standbein Salzburgs. Auch hier ist manches Fassade. Den Nächtigungsrekorden steht vielerorts eine unbefriedigende Wertschöpfung gegenüber. Zuletzt schlitterte der Grüne Baum in Bad Gastein, jahrzehntelang Treffpunkt prominenter und glamouröser Gäste aus aller Welt, in den Konkurs. „Ein Betteldorf mit leeren Palästen“: So beschrieb Franz Schubert bei einem Besuch vor 200 Jahren Salzburg. „Auf den Straßen und Plätzen der Stadt, deren es viele und schöne gibt, wächst Gras, so wenig werden sie betreten.“ Reichtum auf der einen und Armut auf der anderen Seite: Diese Pole prägen nicht nur die Geschichte, sondern auch die Gegenwart des Landes.
Salzburg ist bei begüterten Menschen ein beliebtes Alters- oder Familiendomizil. Die prachtvollen Villen in den Salzburger Stadtteilen Aigen oder Parsch liegen nur ein paar Busstationen von den schmucklosen Wohnkasernen in Lehen entfernt. Dazwischen liegt viel sozialer Sprengstoff, der sich durch die Zuwanderung verschärft.

Dass Salzburg nach 1816 zu einem Verwaltungsbezirk Oberösterreichs wurde, hat sich tief in die kollektive Seele eingegraben. Salzburg ohne Macht und Bedeutung. Vielleicht ist das der Grund, warum sich die Salzburger gern als den Nabel der Welt sehen und ihr Image als „Herz vom Herzen Europas“ pflegen. Nicht nur im Sommer, wenn während der Festspiele fünf, sechs Wochen lang die Welt in Salzburg zu Gast ist. Man sonnt sich in der eigenen Bedeutung und lebt gut dabei.

Machtgelüste. Politisch hat das konservative Salzburg in Wien lang nicht jenen Einfluss, den es gern hätte. Erst einmal stellte Salzburg mit Josef Klaus in der Zweiten Republik einen Bundeskanzler, auch die Zahl der Minister, die aus Salzburg kamen, hält sich in Grenzen. Die von Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) ausgerufene Westachse der Bundesländer Salzburg, Tirol und Vorarlberg hat beschränktes Drohpotenzial bei Entscheidungen in Wien, aber immerhin. Was wäre gewesen, wenn es vor 200 Jahren anders gekommen wäre? Diese Frage stellt sich nicht, Salzburg gehört in seinem Selbstverständnis zu Österreich, zu Europa. Oder wie es Haslauer in seiner Festrede zum 200-Jahr-Jubiläum kürzlich formuliert hat: „Herr Bundespräsident, wir bleiben. Vorerst zumindest.“

Info

Ausstellung

»Bischof. Kaiser. Jedermann.«
Die Landesausstellung „Bischof. Kaiser. Jedermann.“ widmet sich dem Jubiläum 200 Jahre Salzburg bei Österreich und der wechselvollen Geschichte des Bundeslandes. Sie gliedert sich in die drei Teile „Schatzkammer Salzburg“, „Erzähl mir Salzburg!“ und „Am Schauplatz“. Die Landesausstellung im Salzburg-Museum, Neue Residenz, Mozartplatz 1, wird am 30. April eröffnet und dauert bis 30. Oktober. Öffnungszeiten: Di bis So 9 bis 17 Uhr, www.salzburg200.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2016)

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