Von Luchsen und Jägern

31 Bären gab es bei uns, mittlerweile gilt der Braunbär wieder als ausgerottet. Auch das Luchsprojekt in Oberösterreich ist gefährdet.

LUCHSBABY IM TIERPARK HERBERSTEIN
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LUCHSBABY IM TIERPARK HERBERSTEIN
In Österreich sind die ohnehin geringen Chancen, einen Luchs in freier Natur zu sehen, noch weiter gesunken. – APA

Es wird als lustige Geschichte an Stammtischen in Dorfgasthäusern erzählt. Vor einiger Zeit soll ein Wolf gesehen worden sein. Jäger um Jäger erzählt von der angeblichen Sichtung. „Hast gehört“, soll einer zum anderen gesagt haben, „in unserer Gegend ist wieder ein Wolf unterwegs.“ Antwortet der andere Jäger: „Nicht mehr . . .“

Vielleicht ist es eine frei erfundene Geschichte, mit der manche die Jäger schlechtmachen wollen. Denn als beispielsweise 2014 ein Wolf im Mostviertel in Niederösterreich gesehen wurde, visierte der Jäger das Tier zwar im Zielfernrohr an – aber nicht, um es zu erlegen, sondern, um mit dem Handy ein paar Fotos zu machen.

Andere geschützte Wildtiere hatten in Österreich nicht so viel Glück. In Oberösterreich vermisst das Luchsprojekt im Nationalpark Kalkalpen den Großteil seiner Tiere. Ein Luchs wurde vor einiger Zeit in der Tiefkühltruhe eines Präparators gefunden, eine Jägerin hatte das Tier gewildert. Drei weitere Schwunde werden als „verdächtig“ geführt. Da es aktuell nur vier genetisch verwandte Tiere gibt, ist das Projekt gefährdet.

Bei den Braunbären ist man bereits einen Schritt weiter. Sie wurden in Österreich vor sechs Jahren zum zweiten Mal – nach 1842 – ausgerottet. Das letzte Lebenszeichen eines in Österreich geborenen Bären gab es am 3. August 2010, als „Moritz“ in eine Fotofalle tappte. Von dem einst erfolgreichen Bärenprojekt im Ötscher lebt heute kein einziger „Teilnehmer“ mehr. Einen Bären fand man als ausgestopftes Exemplar im Haus eines Jägers in Niederösterreich. Die Sichtungen, die es jetzt immer wieder in Kärnten gibt, sind „Grenzgänger“ aus Slowenien, keine einheimischen Bären.

Warum funktioniert die Ansiedlung von Wildtieren in Österreich so schlecht? Was ist bei den Luchsen passiert, was bei den Bären, und droht auch dem Wolf, der langsam wieder heimisch wird, ein ähnliches Schicksal?

„Pieep, pieep“, macht das kleine Gerät, mit dem Ranger den Luchsen im 210 Quadratkilometer großen Nationalpark Kalkalpen auf der Spur sind. Wenn man ihnen näherkommt, wird das Piepen schneller. In jüngster Zeit piepst es immer seltener. Nicht nur, da Jungtiere keine Sender mehr tragen, sondern auch, da es weniger Luchse gibt. Von den einst 15 Tieren, die hier ausgesetzt und geboren wurden, sind noch vier im Nationalpark unterwegs, einer wurde im Gesäuse nachgewiesen. Zehn Luchse sind verschwunden.

„Es gibt in der Natur einen hohen Schwund“, erzählt Christian Fuxjäger, der im Nationalpark Kalkalpen für das Luchsprojekt zu ständig ist. „Allein im ersten Jahr nach der Geburt ist eine Todesrate von 50 Prozent normal.“ Damit könne man „einen Teil der Ausfälle“ durchaus natürlich erklären.

Mit dem anderen Teil beschäftigt sich das Landeskriminalamt Oberösterreich. Eine Jägerin wurde wegen des unerlaubten Abschusses einen Luchses bereits verurteilt, ein Mittäter steht ab Juni vor Gericht. Drei weitere Tiere dürften „nicht eines natürlichen Todes“ gestorben sein, meint Chefinspektor Othmar Koser. Man ermittle unter der Jägerschaft, aber das sei „ziemlich schwierig“. Auch eine Belohnung von 12.000 Euro führte bisher nicht zu zweckdienlichen Hinweisen.


Scheues Rehwild. Die Taten einiger weniger werfen jedenfalls ein schlechtes Licht auf alle Berufs- und Hobbyjäger. „Was soll ich mit so einem Narren machen?“, schimpfte Oberösterreichs Landesjägermeister Sepp Brandmayr vor einiger Zeit über den angeklagten Wilderer. Er kann dem Täter nicht einmal die Jagdkarte entziehen, dafür ist die Behörde zuständig.

„Es gibt unter den Jägern viele, die die Luchse akzeptieren, und ein paar, die Probleme mit ihnen haben“, meint Christopher Böck, Geschäftsführer des Landesjagdverbands Oberösterreich. Das sei insofern verständlich, als ein Luchs im Revier das Rehwild scheuer mache. Damit werde es für die Jäger schwieriger, die behördlichen Abschusspläne zu erfüllen. Man versuche jetzt, Tiere, die vom Luchs gerissen wurden, zumindest diesen Vorgaben zurechnen zu lassen.

Das allein ist es freilich nicht immer, weiß Walter Wagner, Nationalparkförster bei den Bundesforsten. „Was überwiegt – natürliche Todesfälle oder Wilderei –, das will ich gar nicht beurteilen.“ Er war einst Bärenexperte der Bundesforste, nur sind ihm seine Klienten in den vergangenen Jahren abhandengekommen. Von den im Ötschergebiet ausgesetzten Bären, die sich eifrig vermehrt und eine Population von 31 Stück erreicht haben, lebt heute kein einziger mehr.

„Eine Abwanderung hätten wir bemerkt, Bären verschwinden nicht heimlich“, erklärt Christina Reisenbichler vom WWF Österreich. Man wisse von Spuren, dass die Tiere nur ein, zwei Jahre alt geworden sind. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie sie verschwunden sind: Sie sind eines natürlichen Todes gestorben, oder sie wurden gewildert.“

Mit den Braunbären ist auch das Ansiedlungsprojekt im Ötschergebiet gestorben, neue Auswilderungen sind nicht geplant. Bei den Luchsen dagegen wird es einen weiteren Anlauf geben. Eine heuer geplante Auswilderung scheiterte an einer Krankheit des Tiers, nun plant man einen neuen Versuch mit einem männlichen Tier aus den Kalkalpen, wie Fuxjäger erzählt. Das würde auch völlig neues Genmaterial bringen. Die bisher ausgesetzten Luchse stammen alle aus der Schweiz.

Wird den Luchsen das Schicksal der Bären erspart bleiben? Reisenbichler: „Das Problem ist, dass Luchs, Bär und Wolf bei uns über viele Generationen nicht existent waren. Wir müssen den Umgang erst wieder lernen, und dafür ist ausschlaggebend, dass wir die Tiere akzeptieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2016)

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