KZ Gusen: Das vergessene Lager

Das offizielle Österreich hat sich für den größten NS-Bau des Landes nie wirklich interessiert. So verfiel das KZ Gusen fast vollständig – und ist nun ein Sanierungsfall, dessen brüchiges Stollensystem die Sicherheit umliegender Häuser gefährdet.

(c) Gedenkstätte KZ Mauthausen

Dem offiziellen Österreich war der größte NS-Bau des Landes schon immer egal. Jahrzehntelang wurde die Verantwortung für die Erhaltung des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen samt seinem weit verzweigten unterirdischen Stollensystem „Bergkristall“ nicht wahrgenommen. Plötzlich sorgt das mediale Interesse an der Verfüllung mit Beton – und damit der Zerstörung der Stollen – für jene Aufmerksamkeit, die das Lager über sechzig Jahre lang nicht hatte.

Eine Alibihandlung, denn seit Langem ist klar, dass daran kein Weg vorbeiführt. Innenministerium und Denkmalschutz haben wenig zur Sicherung der Substanz oder Bewahrung des Ortes als Gedenkstätte getan. Was es gibt: ein laufendes Verfahren zur Unterschutzstellung und ein Bekenntnis, die dezentralen Orte des NS-Terrors wie Gusen „stärker miteinzubeziehen.“

Das Vernichtungslager Gusen im oberösterreichischen Mühlviertel, dessen Auftrag dem Ziel „Tod durch Arbeit“ folgte, war eines der gefürchtetsten: „Als ein Insasse mehrerer Lager kann ich sagen, dass Gusen das schlimmste war. Das soll nicht bedeuten, dass die Lebensumstände in den anderen Lagern nicht schrecklich waren, aber verglichen mit Gusen könnte man sagen, dass diese anderen Lager Paradiese waren.“ Rabbi Rav Yechezkel Harfenes, der über das KZ Gusen in seinem Buch „Slingshot of Hell“ berichtet, ist einer von wenigen Überlebenden dieses Lagers, das zwischen 1939 und 1945 vor allem unter der Erde zum größten aller NS-Bauwerke Österreichs wucherte.


Wenige blieben am Leben. Einen Grund dafür, dass das Lager das schlimmste war, sieht er darin, dass Gusen das am wenigsten bekannte Lager war – „weil nur wenige von zehntausenden Häftlingen am Leben blieben, um die Geschichte seiner Schrecken zu erzählen“. Es wurde, trotz seiner Größe, trotz seiner historischen Stellung, aus der Erinnerung nahezu getilgt. Teile davon sind zu Wohnhäusern gemacht worden. Der Stollenkomplex mit dem Codenamen „Bergkristall“ muss seit 2002 wegen Einsturzgefahr mit Beton verfüllt werden.

Das KZ Gusen mit seinen bröckelnden Stollen war immer schon ein Erbe, das niemand haben wollte. Seit Kriegsende schoben Bund, Länder und Gemeinden die Verantwortung für „Bergkristall“, eine versteckte Rüstungsfabrik, in der der erste einsatzfähige Düsenjäger gebaut werden sollte, hin und her. Bis schließlich 1998 in einem Rechtsgutachten festgestellt wurde, dass die Republik Österreich als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches und damit Eigentümer an diesen Bauwerken zu betrachten ist.

Bis der Staat per Gutachten zum Antreten des Erbes gezwungen war (und 2001 auch gleich wieder in die BIG ausgliederte), ging das Leben und Vergessen in Gusen weiter.

1956 wurde das ehemalige Wohn- und Verwaltungsgelände des Konzentrationslagers parzelliert. Auf dem Bauland entstand eine Siedlung. Die Steine aus den Lagermauern wurden Material für den Hausbau der Mühlviertler Siedler, das ehemalige KZ-Bordell ist nun ein Zweifamilienhaus. Das „Jourhaus“, die Kommandatur der Lagerführung, ist heute eine Villa im Landhausstil. Bis in die 1980er-Jahre züchtete ein lokaler Unternehmer in den gemauerten Häftlingsblocks Champignons. Geranien und Thujen in den Vorgärten überwuchsen die Geschichte.


Polen finanzieren Gedenken. Zwei Parzellen, wo noch Reste des Krematoriums standen, haben polnische Überlebende rechtzeitig gekauft, eine Gedenktafel errichtet und damit einen Teil ihrer und der europäischen Vergangenheit vor dem Vergessen bewahrt. Auch das später errichtete, kleine Besucherzentrum wurde großteils aus polnischen Quellen finanziert.

In den 1990er-Jahren schließlich rächte sich anscheinend die verdrängte Geschichte: auf einem Hügel in St. Georgen, über „Bergkristall“, auf einem Acker genannt „Hasenfeld“. Acht Häuser hat man dort bauen lassen. Als sie in den durchbohrten Grund aus Sandstein einzubrechen drohten, begann im Juni 2002 die erste Phase der Verfüllung. Kosten: acht Millionen Euro.

Beton für vier Millionen Euro soll demnächst für einen Stollenabschnitt entlang der alten Bundesstraße 3 ausgegeben werden. Nun regt sich Widerstand: Das Innenministerium verlangt, nur jene Teile zu verfüllen, die „akut gefährdet“ sind; Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner fordert dasselbe. Eine parlamentarische Anfrage der Grünen ortet gar Absprachen zwischen BIG und Gemeinde, damit die teuer gesicherten Wiesen und Äcker zu Bauland umgewidmet werden können. Umwidmungen habe es seit Jahrzehnten nicht gegeben, auch in Zukunft sei daran nicht gedacht, sagt Bürgermeister Erich Wahl. Nicht Baulandgewinnung sei das Thema, sondern Einsturzgefahr.


Sprengung missglückt. Als die Nazis den Krieg verloren hatten und die sowjetischen Besatzer Gusen verließen, versuchten sie die Stollenanlage zu sprengen. Die aber hielt schwer beschädigt stand. Im Laufe der Zeit wurde das System fragiler, das Gestein bewegte sich, die Verbrüche wurden breiter. Vor Jahren brach schließlich ein Teich ein, später ein Traktor, dann noch eine Terrasse.

Die für die Sicherung verantwortliche Bundesimmobiliengesellschaft stellt klar, dass „die Verfüllung mit Beton ja auch aus finanziellen Gründen ohnehin nur dort gemacht wird, wo es nötig ist“, so Sprecher Ernst Eichinger. Spätestens Mitte August soll ein Gipfel aller beteiligten politischen Ressorts sowie Vertretern von Überlebendenvereinen und des Gedenkkomitees Gusen vor Ort stattfinden.

Auch nach der Sicherung würde man den zwei Kilometer langen Rest des Stollens entgeltfrei zur Errichtung einer Gedenkstätte zur Verfügung stellen, sagt Eichinger. Vielleicht findet sich dann ja doch noch ein ernsthafter Interessent. Oder es wächst wieder Gras über Gusen.

AUF EINEN BLICK

Im KZ Gusen waren zeitweise mehr Menschen inhaftiert als im bekannteren Hauptlager Mauthausen. Mindestens 70.000 Menschen wurden zwischen 1939 und 1945 in das Lager gebracht, dessen Auftrag dem Ziel „Tod durch Arbeit“ folgte. Mindestens 35.800 von ihnen starben.

Stollensystem. Das teilweise einsturzgefährdete Stollensystem „Bergkristall“ – das größte NS-Bauwerk Österreichs – wird derzeit abgesichert, große Teile werden danach nicht mehr zugänglich sein. Diese Vorgangsweise hat für heftige Kritik bei Opferverbänden und Bürgern gesorgt, die eine Gedenkstätte verlangen. Mitte August ist ein politischer Gipfel geplant.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2009)

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