Pflegeeltern: Die Familie mit den vielen Nachnamen

In Wien werden immer mehr Pflegekinder vermittelt. Die Mehrheit bleibt bis zur Volljährigkeit bei der Pflegefamilie. Ein Konfliktthema sind die Besuchskontakte mit den leiblichen Eltern.

(c) AP (Michael Probst)

Wien. Es ist zehn Uhr morgens, in der Küche von Familie Lackner-Piribauer geht es rund: Marcel will seine geliebte Spielkonsole nicht aus der Hand geben, Benni hat einen Bärenhunger und die kleine Mimi möchte, dass ihr der Papa beim Kinderpuzzle hilft. „Unser allmorgendliches Chaos“, sagt Petra Lackner-Piribauer und schaut sich um.

Die Familie Lackner-Piribauer – Mutter, Vater und drei Kinder, die ein dreistöckiges Haus in einer Simmeringer Siedlung bewohnen: eine „ganz normale Familie“, wie die 37-Jährige mit den blonden Locken und der violetten Bluse betont. Mit dem kleinen Unterschied, dass ihre drei Kinder andere Nachnamen als sie und ihr Mann Christian tragen. Jedes Kind einen anderen. Denn Marcel, Benni und Mimi sind Pflegekinder, drei von rund 500 in der Bundeshauptstadt.

Jahrelang war Wien für seinen „Export“ von Pflegekindern in andere Bundesländer bekannt; es gab nicht genug Pflegeeltern. Doch seit ein paar Jahren steigt die Zahl der Kinder, die zu Pflegefamilien direkt in der Bundeshauptstadt vermittelt werden; 2008 hat sie erstmals die Zahl der „exportierten“ Kinder übertroffen: 109 Wiener Kinder und Jugendliche wurden an Pflegefamilien vermittelt. 62 davon kamen in Wiener Familien unter; der Rest wurde im Bundesgebiet, vor allem in Niederösterreich, aufgenommen.

 

„Bringen Sie das zusammen?“

Bei der Stadt Wien führt man das steigende Interesse von Eltern unter anderem auf die seit 2003 laufende – und seit Ende Juni erneut affichierte – unkonventionelle Plakatkampagne zurück („Bringen Sie das zusammen?“). „Das Bild der Pflegefamilie hat sich gewandelt“, sagt Martina Reichl-Rossbacher, Leiterin des Referats für Adoptiv- und Pflegekinder (RAP) der MA11. Es sei gelungen, immer mehr „Mittel- und Oberschichtfamilien anzusprechen, die finanziell abgesichert sind“, sagt sie.

Heute melden sich bei der MA11 vor allem Eltern, die „anderen Kindern eine Chance geben möchten“, wie Martina Reichl-Rossbacher sagt – bei den Großpflegefamilien der Fünfziger- und Sechzigerjahre waren noch eher finanzielle Überlegungen verbreitet. Hinzu kommt: Immer mehr Familien, die ursprünglich Kinder adoptieren wollten, sind aufgrund der langen Wartezeiten offen für Pflegekinder.

Die Lackners haben früher versucht, eigene Kinder zu bekommen. „Das wäre nur mit großem medizinischen Aufwand möglich gewesen“, erzählt Petra Lackner. Das Paar entschied sich gegen operative Eingriffe. „Es gibt so viele Kinder, die Hilfe brauchen“, sagt die gelernte Speditionskauffrau, die sich stets eine große Familie gewünscht hat: „Mit mindestens zwei Kindern.“ – „Ich wollte nur ein Kind“, wirft ihr Mann Christian ein. „Also haben wir uns auf drei geeinigt“, gibt Gattin Petra lachend zurück. Marcel, mit acht Jahren der Älteste, kam zur Familie, als er ein paar Monate alt war. Dennoch brachte er bereits einen kleinen Rucksack an Problemen mit: Seine Mutter war drogenabhängig – als Kleinkind musste er daher (wie übrigens zwei Drittel aller Pflegekinder) einen Drogenentzug machen; außerdem hatte Marcel schlechte Zähne.

„Unsere Kinder sind oft sprachlich und gesundheitlich beeinträchtigt“, sagt Reichl-Rossbacher. „Sie haben schon viel erlebt.“ Es sind Kinder, deren Mütter nicht angemessen für sie sorgen können, weil sie selbst in einer Notlage sind. Ist keine Besserung in Sicht, kann sich das Jugendamt für eine Herausnahme des Kindes aus der Ursprungsfamilie aussprechen. Pflegeeltern übernehmen dann die Betreuung im Auftrag des Amtes. „Je jünger, desto eher können die Kinder Rückstände aufholen“, sagt Reichl-Rossbacher. „Eine schwere Vernachlässigung kann man nicht wegmachen, aber man kann vieles gutmachen.“

Dennoch: Zehn bis zwölf Kinder pro Jahr können in Wien nicht vermittelt werden. Schwierig zu vermitteln sind vor allem Geschwister, behinderte, HIV-positive und schwer vernachlässigte Kinder.

 

Kinder bleiben in Pflegefamilie

Wie andere Pflegeeltern auch hatten die Lackners anfänglich Angst, dass die Pflegekinder eines Tages zu ihrer leiblichen Mutter zurückkehren würden. Doch das passiert selten: 90 Prozent der Kinder bleiben in der Pflegefamilie, bis sie volljährig sind. Und länger.

Ein Konfliktthema sind die Besuchskontakte mit den leiblichen Eltern. Diese finden durchschnittlich alle drei Wochen statt. In schwierigen Fällen (wenn es etwa in der Ursprungsfamilie zu Gewaltanwendung gekommen ist) sind Sozialarbeiter bei den Treffen dabei. „Die Besuche müssen im Interesse des Kindes sein“, sagt Reichl-Rossbacher, „schließlich hat es sich seine Lebenssituation nicht ausgesucht.“ Marcels Mutter etwa weiß nicht, wo die neue Familie ihres Sohnes wohnt. Aus Sicherheitsgründen. Und wie hat Petra Lackner ihrem Pflegekind erklärt, dass er zwei Mütter hat? „Marcel ist im Bauch der einen Mutter gewachsen, doch sie war krank und konnte sich nicht kümmern.“ Und deshalb bekam er dann eine zweite Mutti.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2009)

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