Generationenwechsel in der Islamischen Glaubensgemeinschaft

Fuat Sanaç kommteiner Abwahl als Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaftzuvor und macht Platz für den 28-jährigen Theologen Ibrahim Olgun.

Fuat Sanaç
Fuat Sanaç
Fuat Sanaç – (c) APA (GEORG HOCHMUTH)

Mit einem derart ruhmlosen Abgang hat er wohl bis zuletzt selbst nicht gerechnet. Sprach er doch noch am Donnerstag von einer erneuten Kandidatur als Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Was zu einer Kampfabstimmung am heutigen Sonntag gegen seinen Herausforderer Ibrahim Olgun geführt hätte, dem stellvertretenden Leiter des Schulamtes der IGGiÖ.

Spätestens am Freitagabend dürfte er aber eingesehen haben, dass seine Zeit vorbei und die für einen Generationenwechsel gekommen ist. Denn nach fünf pannenreichen Jahren, in denen er beispielsweise bei den Verhandlungen zum neuen Islamgesetz eine sehr schlechte Figur gemacht hatte und wegen seiner angeblichen Nachgiebigkeit wiederholt intern in Erklärungsnot geraten war, wurden die kritischen Stimmen in der Glaubensgemeinschaft immer lauter. In den vergangenen Monaten verlor er das Vertrauen schließlich komplett.

„Klarheit in der Öffentlichkeit“. Dementsprechend nüchtern und kurz fielen seine Abschiedsworte aus. Er sehe sich zu diesem Schritt veranlasst, um für Klarheit bei den Mitgliedern und in der Öffentlichkeit zu sorgen, teilte er schriftlich mit. Mit den Wahlen am Sonntag solle die IGGiÖ ihre Handlungsfähigkeit wahren. Als Präsident habe er das Amt „immer mit großer Rücksicht auf die Legalität meines Handelns ausgeübt und stets die Interessen der Glaubensgemeinschaft und ihrer Mitglieder vor Augen gehabt“, dies werde auch weiterhin so bleiben. „Möge Allah den für die Glaubensgemeinschaft besseren Kandidaten gewinnen lassen.“

Dass der 62-jährige Sanaç nicht schon früher abmontiert wurde, lag wohl auch an der mangelnden Alternative für das undankbare Amt des Präsidenten der IGGiÖ, die intern zerstritten und zersplittert ist wie kaum eine andere Organisation. Diese Alternative dürfte jetzt aber gefunden worden sein – in der Person des 28-jährigen Theologen Ibrahim Olgun, der bei der heutigen Wahl auf eine Mehrheit durch die Mitglieder der Islamischen Föderation („Milli Görüs“) und des mächtigen türkischen Verbandes Atib hoffen kann.

Bei Letzterem war er lange Zeit tätig, ist es aber laut eigener Aussage nicht mehr. Er sehe sich also „nicht als Beamter des türkischen Staates“, sagt der österreichische Staatsbürger türkischer Abstammung und betont, dass er im Falle seiner Wahl alle Ethnien in der Glaubensgemeinschaft repräsentieren werde, nicht nur die Türken. Wichtig sei ihm auch, verstärkt mit allen Muslimen in Kontakt zu treten. Denn man müsse noch mehr auf die Bedürfnisse der Muslime hören – zum Beispiel, was in Kindergärten, im Religionsunterricht und in der islamischen Seelsorge passiere.

Diesen Kontakt habe Sanaç nicht immer gepflegt, meint Olgun und verweist in Bezug auf das Islamgesetz auch auf die Kritik in der Glaubensgemeinschaft, wonach Sanaç sein Amt missbraucht und eigenmächtig Entscheidungen getroffen habe. „Dadurch hat er die Unterstützung vieler Muslime verloren.“ Er selbst findet das Islamgesetz „im Allgemeinen“ in Ordnung, man könne aber sicher noch einiges ändern. Über Details will er aber nicht sprechen. Das müsse erst in den Gremien besprochen werden.

„Attraktiver Präsident“. Innerhalb der Glaubensgemeinschaft wird Olgun jedenfalls mit Vorschusslorbeeren bedacht. Für Ramazan Demir etwa, Imam in der IGGiÖ und Generalsekretär der islamischen Gefängnisseelsorge, ist er ein hervorragender Kandidat für das Amt des Präsidenten. „Er ist jung, dynamisch, besonnen und engagiert im interreligiösen Dialog“, sagt er im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“: „Er wird Schwung in die Glaubensgemeinschaft bringen, mit neuer Energie und Visionen.“ Für ihn spreche zudem, dass er ein Theologe sei, das mache ihn zu einem „attraktiven Präsidenten“.

Olgun dürfte im Übrigen der einzige Kandidat sein. Laut der IGGiÖ-Sprecherin Carla Amina Baghajati hatte es zwar in den vergangenen Tagen noch so ausgesehen, als würde es einen zweiten Kandidaten geben – am Samstag habe sich aber abgezeichnet, dass nur Olgun antreten wird.

Die nicht medienöffentliche Wahl des neuen Präsidenten und des Obersten Rates erfolgt nach der Konstituierung des neu zusammengesetzten Schurarates und findet ab 12 Uhr statt. Im Anschluss an die Wahl soll das Ergebnis veröffentlicht werden. In den nächsten Tagen will sich der neue Präsident dann in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorstellen.

Neuer Präsident

Ibrahim Olgun ist Theologe und stellvertretender Leiter des Schulamtes der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Der 28-jährige, in Österreich aufgewachsene Vater eines Sohnes war lange Zeit für den türkischen Verband Atib tätig. Archiv

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2016)

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