Todesschuss von Krems: Noch mehr Widersprüche

Waren die Todesschüsse auf einen 14-jährigen Einbrecher Notwehr oder ein Angriff? In den vergangenen Tagen sind immer mehr Ermittlungsergebnisse durchgesickert, die den Aussagen der Beamten widersprechen.

(c) AP (Markus Fasching)

Starb Florian P., weil er in völliger Dunkelheit zwei Polizisten angegriffen hatte? Oder wurde der 14-jährige Einbrecher in den frühen Morgenstunden des 5.August 2009 bei bester Sicht, auf der Flucht und von hinten erschossen? Seit Wochen versuchen Staatsanwälte, Kriminalisten und Gutachter jenen Einbruch in einen Kremser Supermarkt zu klären, den P. mit dem Leben bezahlt hat, bei dem sein 17-jähriger Komplize Roland T. angeschossen worden ist und der die beiden Polizisten, Andreas K. und Ingrid G., auf die Anklagebank bringen könnte. In den vergangenen Tagen sind immer mehr Ermittlungsergebnisse durchgesickert, die den Aussagen der Beamten widersprechen – ein Überblick.

1. Was geschah, als die Polizisten auf die beiden Einbrecher trafen?

Laut Tatrekonstruktion betraten die Polizisten bei der Durchsuchung des Supermarktes gerade einen zehn Meter langen und drei Meter breiten Gang, als sie die beiden Jugendlichen, die sich in einer Nische versteckten, bemerkten. Andreas K. gab einen Warnschuss in die Luft ab, Ingrid G. durchschoss dem 17-jährigen Roland T. beide Oberschenkel. Der Supermarkt-Mitarbeiter, der nach dem stillen Alarm mit den Polizisten das Gebäude betreten hatte, flüchtete. Gemeinsam mit P. durchschritt der verletzte T. noch eine Türe am Ende des Ganges und brach im Verkaufsraum zusammen. P. versteckte sich ebendort hinter einer Palette, K. schoss erneut und traf P. tödlich.

2. Waren die Einbrecher bewaffnet, und wenn ja, wollten sie die Waffen auch einsetzen?

Wenige Stunden nach dem Zwischenfall informierte die Kremser Staatsanwaltschaft im Rahmen einer Pressekonferenz darüber, dass die beiden Einbrecher „im technischen Sinn“ bewaffnet waren – und zwar mit Gartenharke und Schraubenschlüssel. Polizistin Ingrid G. hatte angegeben, dass die beiden sie und ihren Kollegen „vermutlich mit einem Messer oder einer Hacke“ bedroht hätten. T. bestreitet, dass er und sein Komplize die Beamten angegriffen haben. Und: Als P. erschossen wurde, hielt dieser sein Werkzeug nicht in der Hand, sondern trug es unter seiner Jacke, die noch am Tatort durchsucht wurde.

3. War es tatsächlich so dunkel, dass die Beamten in Panik zur Waffe griffen?

Laut Staatsanwaltschaft Krems fielen die Schüsse „in völliger Dunkelheit“ („Presse“ vom 6. August). Vertreter der Exekutive werteten das in Gesprächen mit Journalisten als zusätzliche Erschwernis für ihre Kollegen. In anderen Worten: Wenn es finster ist, sind Panikreaktionen nicht ausgeschlossen.

Die von der Staatsanwaltschaft Korneuburg (sie leitet die Vorerhebungen gegen die Polizisten, das Verfahren gegen den verletzten Einbrecher blieb in Krems) beauftragten Gutachter kamen zu anderen Erkenntnissen. Demnach war der Verkaufsraum, in dem der tödliche Schuss fiel, hell erleuchtet. Lediglich der Gang, in dem der 17-jährige Roland T. angeschossen wurde, war nicht beleuchtet. Doch auch dort war es, wie sich jetzt erst herausstellt, nicht „völlig dunkel“: Beide Polizisten hatten ihre Taschenlampen in Verwendung.

4. Wie plausibel ist die Darstellung der Polizisten, in Notwehr gehandelt zu haben?

Endgültig wird das das Gericht feststellen, weil die Frage, ob es Notwehr war oder nicht, auch für das Ausmaß einer möglichen Strafe maßgeblich ist. Die Vorerhebungen der Staatsanwaltschaft Korneuburg lassen jedoch schon jetzt Zweifel an dieser Version aufkommen. Die entscheidende Frage lautet, warum Andreas K. auf den 14-Jährigen gefeuert hat, nachdem dieser offenbar flüchtend (die tödliche Kugel traf ihn in den Rücken) und ohne Waffe in der Hand (siehe Punkt 2) seine Deckung hinter einer Palette verlassen hatte. Immerhin muss all das im beleuchteten Verkaufsraum erkennbar gewesen sein.

K. hingegen sagt, dass er deshalb geschossen habe, weil P. aufgrund der vorangegangenen Situation im dunklen Gang als gefährlich und aggressiv einzuschätzen war. Also habe er sich niedergekniet und aus einer Entfernung von viereinhalb bis sechseinhalb Metern auf die Füße des 14-Jährigen gezielt. Dabei sei er von einem Geräusch abgelenkt worden und habe sich, während der Schuss brach, zur Seite gedreht. Als er sich wieder P. zuwandte, sei dieser bereits mit dem Rücken zu ihm gestanden.

Auch dieser Darstellung widersprechen die Gutachter zumindest teilweise. Demnach sei der Schuss aus höchstens zwei Metern Entfernung gefallen. Und: Die Analyse des Schusskanals ergab, dass K. bei der Schussabgabe aufrecht gestanden sein muss.

5. Waren die Einbrecher auf der Flucht, oder haben sie die Polizisten angegriffen?

Die Beantwortung der Frage ist gleichermaßen zentral wie strittig. Laut Einvernahmeprotokoll, dass der „Falter“ veröffentlichte, fühlte sich Ingrid G. „existenziell“ bedroht, in den Augen der Jugendlichen sah sie „Entschlossenheit, Aggression, Zorn und Ernst“. Deshalb schoss sie. Ihr Kollege, der den tödlichen Schuss abgegeben hat, wird in dem Protokoll folgendermaßen zitiert: „Die Schussabgabe war aufgrund des Angriffs, der befürchtet war, beziehungsweise zur Erzwingung der Festnahme, also nie, dass der Täter auf der Flucht war, also das möchte ich schon betonen. Es ist alles relativ schnell gegangen. Es war nicht mehr aufzuhalten.“

P.'s Komplize T. beteuert, die Polizisten niemals angegriffen zu haben. Die Gutachter kamen zu der Erkenntnis, dass T. in jenem Moment angeschossen wurde, als dieser gerade die Tür vom dunklen Gang in den Verkaufsraum öffnen wollte, demnach also flüchtete. Auch der tödliche Schuss (siehe Punkt 4) fiel unter fragwürdigen Umständen.

6. Was bedeuten die nun veröffentlichten Details für die Polizisten?

Vorerst noch nichts. Beide versehen nach wie vor Innendienst. In den nächsten Wochen entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie Anklage erhebt oder nicht. Der entsprechende Vorhabensbericht geht in die Weisungssektion des Justizministeriums, wo endgültig entschieden wird. Bisher stand als möglicher Tatbestand fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Umständen im Raum. Höchststrafe: drei Jahre Haft. Angesichts der neuesten Erkenntnisse schließt die Anklagebehörde aber auch ein Vorsatzdelikt (schwere oder absichtliche Körperverletzung mit Todesfolge) nicht mehr aus. Strafrahmen hier: ein bis zehn Jahre Haft.

AUF EINEN BLICK

Am 5. August 2009 trafen um 2.55 Uhr zwei Polizisten in einem Kremser „Merkur“-Markt auf zwei jugendliche Einbrecher. Dabei fielen drei Schüsse. Dem 17-jährigen Roland T. (er sitzt in U-Haft) wurden beide Oberschenkel durchschossen, der 14-jährige Florian P. erlag einem Lungendurchschuss in den Rücken. Während die Polizisten behaupten, angegriffen worden zu sein, wird das von T. und seinen beiden Anwältinnen dementiert. Sie stützen sich dabei auf mehrere Gutachten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2009)

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