Wo der olympische Gedanke noch lebt

In der Steiermark finden bis Freitag die Special Olympics statt. 2700 Athleten mit intellektueller Beeinträchtigung messen sich in neun Sportarten - und zeigen, dass auch die Profis noch etwas lernen können.

Anna-Sophie Friedl aus Oberösterreich ist eine Multiathletin: 2015 gewann sie zwei Goldmedaillen im Schwimmen, jetzt scheint ein Podestplatz beim Skifahren möglich.
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Anna-Sophie Friedl aus Oberösterreich ist eine Multiathletin: 2015 gewann sie zwei Goldmedaillen im Schwimmen, jetzt scheint ein Podestplatz beim Skifahren möglich.
Anna-Sophie Friedl aus Oberösterreich ist eine Multiathletin: 2015 gewann sie zwei Goldmedaillen im Schwimmen, jetzt scheint ein Podestplatz beim Skifahren möglich. – (c) GEPA pictures/ Harald Steiner

So muss Sport sein. Alois hat gerade ausgesprochen langsam die Ziellinie überquert, aber er jubelt über diese Leistung, als hätte er eben einen neuen Weltrekord aufgestellt. Er reißt die Arme hoch, lacht über das ganze Gesicht und stapft mit beiden Beinen, so gut es eben mit Alpinski geht. Das sind ehrliche Emotionen, die man im Sport üblicherweise nur noch sieht, wenn jemand Bestzeit gefahren ist.

Bestzeit war es zweifellos nicht – „er hat das schon schneller geschafft“, flüstert sein Betreuer –, aber der Jugendliche hat eben eine bemerkenswerte Leistung vollbracht: Er ist durch acht Tore gefahren und hat keines ausgelassen, auch wenn er bei einem kurze Zeit gestanden ist und gezögert hat.

Alois ist mental beeinträchtigt. Nach den Kriterien der American Association of Intellectual and Developmental Disabilities heißt das, sein Intelligenzquotient liegt unter 70 bis 75, er hat Defizite bei zwei oder mehr Fähigkeiten des adaptiven Verhaltens (darunter beispielsweise Kommunikation, Selbstversorgung, soziale Fähigkeiten, Arbeit), und die Beeinträchtigungen haben sich bereits vor seinem 18. Lebensjahr gezeigt.

Deswegen ist er aber kein Athlet unter Anführungszeichen und deswegen ist seine Leistung hier beim Schwaigerlift auch nicht geringer einzuschätzen, als wenn Marcel Hirscher in Kitzbühel im zweiten Durchgang seinen Rückstand vom ersten Durchgang aufholt und am Ende das Rennen mit deutlichem Vorsprung gewinnt. Was Alois hier eben geleistet hat, entspricht ungefähr dem Husarenritt Hirschers im Jänner.


2700 Sportler, 107 Nationen

An diesem Tag findet die Einteilung der 2700 Sportler mit intellektueller Beeinträchtigung statt, die aus 107 Nationen zu den Special Olympics nach Schladming, Ramsau und Graz gekommen sind. Bereits zum zweiten Mal nach 1993 ist Österreich Gastgeber der Winterspiele. Die Bewerbe beginnen heute, Sonntag, und dauern bis kommenden Freitag. Die Athleten messen sich in neun Sportarten – vom Skifahren über den Schneeschuhlauf bis zum Eiskunstlauf.

Die Einteilung der Sportler erfolgt nach drei Leistungsgruppen – Anfänger, Fortgeschrittene, Könner –, zum Teil auch nach dem Grad der Beeinträchtigung. Beim Eiskunstlauf gibt es sechs Levels, von eins (schwerste Beeinträchtigung) bis sechs (geringste).

Anna-Sophie Friedl ist Könnerin und eine Multiathletin. Die Oberösterreicherin aus Pichl bei Wels, die mit Downsyndrom zur Welt gekommen ist, hat bereits bei den Sommerspielen in Los Angeles 2015 Goldmedaillen im Brustschwimmen über 100 und 200 Meter gewonnen. In Schladming tritt sie im Slalom und im Riesentorlauf an. „Das ist okay“, meint sie zu ihrer Zeit beim Vorlauf am Freitag. 21,98 Sekunden sind in ihrer Klasse mehr als okay.

Die 20-Jährige hat die Fachschule für wirtschaftliche Berufe in Linz besucht und arbeitet jetzt im Verein „Brücken bauen“ mit, der im kommenden Jahr die Special-Olympics-Sommerspiele für Österreich in Vöcklabruck organisiert. Ski fährt sie, seit sie dreieinhalb Jahre alt ist. Ihr Vater, Thomas, hat mit ihr in den vergangenen Jahren trainiert, und das hat oft lange Fahrten bis in die Skigebiete bedeutet.

„Das Aufstehen manchmal um sechs Uhr war schon anstrengend“, sagt Anna-Sophie, auf deren rosarotem Helm Hans Knauß, Renate Götschl und Marcel Hirscher unterschrieben haben. Was sie denn von den Profis gelernt habe, wie müsse man den Slalom fahren, um so erfolgreich zu sein wie Hirscher? „Schnell“, antwortet Anna-Sophie trocken. Ein großes Ziel für Schladming hat die 20-Jährige nicht. Ein Podestplatz? „Vielleicht.“ Wichtiger sei ihr, dass sie dabei sei.

Olympische Spiele bedeuten auch immer, dass es Verlierer geben muss. Man kennt die Bilder von Sportlern, die im Zielraum wütend die Skistöcke gegen die Bande hauen, weil sie eine Medaille um ein paar Hundertstelsekunden verpasst haben.

In Schladming und Graz bedeuten die Special Olympics, dass es Sieger geben muss. „Lasst mich gewinnen! Aber wenn ich nicht gewinnen kann, dann lasst es mich mutig versuchen“ lautet der Eid, den die Athleten zu Beginn der Spiele ablegen. Es ist eine Aufforderung, weil es den Sportlern nicht in erster Linie darum geht, am Ende eine Medaille mit nach Hause zu nehmen. Keiner der Schneeschuhläufer, die in der Ramsau die Vorläufe bestreiten, will sofort seine Zeit wissen. Sie machen bei den Wettbewerben mit, weil es ihnen Spaß macht. Weil sie gern Ski fahren, eislaufen oder mit Schneeschuhen über 25 Meter oder fünf Kilometer laufen.


Dritte Spiele

Anna-Maria Manolakas etwa, die im Eiskunstlauf antritt. Die Wienerin hat wochenlang ihr Programm geübt – zwei Minuten, in denen sie vier Sprünge, zwei Pirouetten und einen Kombisprung zeigt. Es sind die dritten Olympischen Spiele für die 25-Jährige, die schon in den USA und in Südkorea dabei war. Als sie ein Reporter des „Kurier“ fragt, was sie sich für die Spiele vorgenommen hat, zögert sie so lang, dass ihre Mutter einspringt: „Natürlich möchte sie gewinnen.“ Anna-Maria nimmt das zur Kenntnis: „Na gut, dann möchte ich eben gewinnen“, antwortet sie. „Aber wenn eine andere besser ist als ich, dann werde ich das auch akzeptieren.“

Besser kann man den Gedanken kaum leben, den der Franzose Pierre de Coubertin hatte, als er die Olympischen Spiele Ende des 19. Jahrhunderts wiederbelebte und 1894 das Internationale Olympische Komitee gründete.

„Das Wichtigste an den Olympischen Spielen ist nicht der Sieg“, sagte Coubertin, „sondern die Teilnahme. Wie auch das Wichtigste im Leben nicht der Sieg, sondern das Streben nach einem Ziel ist. Das Wichtigste ist nicht, erobert zu haben, sondern, gut gekämpft zu haben.“ Und das machen alle 2700 Athleten hier in Schladming und Graz nicht nur während der Spiele, sondern jeden Tag.

Das Programm

18. bis 24. März
Die Special Olympics, die gestern mit der großen Feier in Schladming eröffnet wurden, dauern bis 24. März. Die Abschlussfeier der Spiele findet in Graz (Stadion Liebenau) statt.

Neun Sportarten
Die Athleten messen sich in neun Sportarten: Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Floor Hockey, Floorball, Schneeschuhlauf, Ski alpin, Ski nordisch, Snowboard und Stocksport. Ausgetragen werden die Bewerbe in Graz und Schladming sowie in den Orten Ramsau am Dachstein und Rohrmoos-Untertal. Der Eintritt zu den Bewerben ist kostenlos, Tickets benötigt man für die Schlussfeier.

Die Athleten
2700 Athleten, 1100 Trainer und etwa 5000 Familienmitglieder werden zu den Special Olympics in die Steiermark kommen. Rund 3000 freiwillige Helfer, 1200 Ehrengäste und 800 Medienvertreter werden erwartet. Bei etwa 1000 Siegerehrungen werden insgesamt 4650 Medaillen vergeben, je 1550 in Gold, Silber und Bronze.

37 Millionen Euro Wertschöpfung
Einer von den Special-Olympics-Veranstaltern in Auftrag gegebenen Wertschöpfungsanalyse der FH Campus 02, Fachhochschule der Wirtschaft Graz, zufolge soll das internationale Sportereignis rund 140.000 zusätzliche Übernachtungen in den Austragungsorten generieren. Insgesamt könnte das Großereignis der Steiermark 37 Mio. Euro an zusätzlichen Einnahmen einbringen. Es werden etwa 10.000 Besucher erwartet.

Weitere Informationen
www.austria2017.org

Fakten

2700 Athleten aus 107 Nationen sind bei den Special Olympics am Start. Die Sportler messen sich in neun Sportarten, die je nach Können unterteilt sind.

4650 Medaillen werden insgesamt vergeben – je 1550 in Gold, Silber und Bronze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2017)

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