Islamfeindlichkeit: Frauen besonders betroffen

Die Dokustelle Islamfeindlichkeit spricht im zweiten "antimuslimischen Rassismus Report" von einer Zunahme der Fälle.

Eine islamfeindliche Beschmierung aus dem Bericht
Eine islamfeindliche Beschmierung aus dem Bericht
Eine islamfeindliche Beschmierung aus dem Bericht – privat

Beschimpfungen auf der Straße, hasserfüllte Postings im Internet oder auch tätliche Angriffe auf Menschen - Muslime in Österreich sind immer wieder Opfer von islamfeindlich motivierten Attacken. 253 davon hat die "Dokumentations- und Beratungsstelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus" in einem aktuellen Bericht dokumentiert, der am Montag vorgestellt wurde.

So wurden der NGO im Vorjahr 79 Vorfälle gemeldet, die in die Kategorie "verbale Angriffe" fallen, 75 fallen unter "Hassrede", 31 sind an muslimische Institutionen gerichtete Aggressionen, die von E-Mails und Briefen bis zu persönlichen Beleidigungen reichen. Dazu kommen 17 gemeldete Beschmierungen, 13 Hassverbrechen und 11 Diskriminierungen - und 27 Fälle, die keiner der Kategorien zugeordnet werden konnten.

Februar 2016 - 1150 Wien

Eine Schulklasse und die Lehrerin, Frau T., werden von einer älteren Dame in der U-Bahn angesprochen. Die Dame kritisiert das Kopftuch mancher Schülerinnen. Davon ermutigt fängt ein Mann mittleren Alters an Frau anzuschreien. Er schreit, dass man die Kinder zwingen würde, Kopftüche rzu tragen und dass man die Österreicher ausnehme. Als er aussteigt, versucht er die Frau T. aus der U-Bahn mitzuziehen mit den Worten "Komm raus du Scheißmoslem."

Was den Machern des Berichts aufgefallen ist: "Es sind vor allem Frauen betroffen", sagt Elif Öztürk. So seien in den Fällen, die gegen Personen gerichtet waren, zu 98 Prozent Frauen die Opfer gewesen. Das könnte, so vermutet sie, an der stärkeren Sichtbarkeit muslimischer Frauen in der Öffentlichkeit - Stichwort Kopftuch - liegen. Aber auch Flüchtlinge seien Opfer islamfeindlicher Angriffe geworden. Die Mehrzahl der Fälle (62 Prozent) seien in der "(Halb-) Öffentlichkeit" begangen worden, etwa beim Vorbeigehen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Und generell ortet Öztürk eine Zunahme negativer Narrative in Zusammenhang mit Muslimen. "Dass sie integrationsunwillig seien, gewaltbereit, frauenfeindlich, europäische Werte ablehnen." Und schließlich habe man auch festgestellt, dass die Meldungen über antimuslimischen Rassismus im Vorjahr vor allem im Zuge des Präsidentschaftswahlkampfs zugenommen hätten.

Schweineköpfe vor einer Grazer Moschee im Mai 2016
Schweineköpfe vor einer Grazer Moschee im Mai 2016
Schweineköpfe vor einer Grazer Moschee im Mai 2016 – Islamisches Kulturzentrum Graz

Gegenüber dem ersten derartigen Bericht, den die Dokustelle 2016 herausgebracht hat, ist die Zahl der Meldungen gestiegen - von 156 auf 253, das ist ein Plus von 62 Prozent. Die Ableitung daraus, dass die Zahl der Übergriffe insgesamt gestiegen sei, ist aber nur bedingt zulässig. So wie auch beim jährlichen Report des Anti-Rassismus-Vereins Zara werden einfach die Meldungen gezählt, die an den Verein gemacht werden. Und durch den ersten Bericht hat man an Bekanntheit gewonnen. Insofern wissen nun mehr Menschen überhaupt, dass sie derartige Vorfälle melden können. Auch würden Fälle bei der Dokustelle gemeldet, die dann doch nicht im Bericht aufscheinen. Vor allem bei Fällen an Schulen würden Betroffene keine Verschriftlichung wollen - aus Angst vor Konsequenzen. Elif Öztürk sieht jedoch trotz all dieser methodischen Einschränkungen eine "aufgeheizte Stimmung in der Gesellschaft". Unter anderem auch die politische Situation in der Türkei habe Ressentiments verstärkt und zu einer Entfremdung mit türkischen Muslimen in Österreich geführt.

März 2016 - Angehende Juristin

Frau A. ist angehende Juristin, die als Voraussetzung für die Tätigkeit als Juristin das Gerichtsjahr absolvieren muss. Die Justiz hat die Verpflichtung, angehenden Juristinnen und Juristen dieses Gerichtsjahr auch zu ermöglichen. Frau A., die als Schriftführerin eingeteilt ist, wird die Ausübung ihrer Tätigkeit bei der Richterbank verwehrt. Sie wurde dazu dirigiert, auf den Besucherstühlen Platz zu nehmen.

 

Jedenfalls ist der Bericht, der auch in Zukunft jährlich erscheinen soll, ein weiterer Baustein, um antimuslimische und islamfeindliche Vorfälle zu dokumentieren und Bewusstsein zu schaffen. "Strafrechtlich werden verbale Attacken nicht verfolgt", sagt Öztürk. Also brauche es eben andere Möglichkeiten, eine Tendenz in der Gesellschaft aufzuzeigen. Aufgezeichnet wird aber auch etwas positives, nämlich Zivilcourage. Bei 30 Prozent der verbalen Angriffe hätten Beteiligte Zivilcourage gezeigt, indem sie etwa eingriffen. Bei physischen Angriffen seien es sogar 50 Prozent gewesen. Insgesamt sei die Bereitschaft zur Zivilcourage in der Relation zum Jahr davor aber gleich geblieben.

Workshops für Betroffene

Neben der Dokumentation hält der Verein auch Workshops ab, bei denen in Moscheen und anderen Institutionen Wege zum Umgang mit Islamfeindlichkeit diskutiert werden. Dabei sollen vor allem Betroffene Unterstützung bekommen, aber auch in den Vereinen soll Bewusstsein geschaffen werden. Spenden, die bei derartigen Workshops anfallen, seien auch eine der wichtigsten finanziellen Grundlagen für die Arbeit des Vereins. Dazu kommen Mitgliedsbeiträge und kleine Förderungen. Die Mitarbeiter des Vereines sind allesamt ehrenamtlich beschäftigt.

Mit weniger Arbeit rechnet man in der nächsten Zeit nicht. Einen Wunsch für den kommenden Bericht hat Öztürk aber dennoch: "Wir hoffen, dass wir nächstes Jahr eine höhere Prozentzahl bei der Zivilcourage haben werden."

>> Link: Dokustelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus

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