Wien: Der Nazibunker im Gallitzinberg

Am Westrand von Wien schufen sich die Nazis vor 65 Jahren ein Bunkersystem, das bis heute Anrainer wie Historiker gleichermaßen fasziniert. Eine Ausstellung in Ottakring zeigt nun Tatsachen und Legenden.

Bunkerskizze
Bunkerskizze
(c) Bezirksmuseum Ottakring (Joachim Müller, Wolfgang Pablik)

Tief unter der bei Ausflüglern so beliebten Jubiläumswarte birgt der Ottakringer Gallitzinberg ein sagenumwobenes Geheimnis. Hier, am Westrand von Wien, schufen sich die Nazis vor 65 Jahren ein Bunkersystem, das bis heute Anrainer wie Historiker gleichermaßen fasziniert und seit seiner Errichtung Ausgangspunkt für wilde Spekulationen war. Hortete hier Gauleiter Baldur von Schirach seine Schätze? War der Bunker ein überdimensionierter Safe für die persönliche Waffensammlung Adolf Hitlers? Oder diente die Anlage unter der Vogeltennwiese doch nur banaleren Zwecken? Ein Team von engagierten Laienforschern und Stadthistorikern hat die Puzzlestücke in den vergangenen Monaten zusammengetragen und daraus eine Ausstellung gestaltet, die spannende Einblicke in die Geschichte Wiens gewährt.

Gebürtigen Ottakringern ist die Anlage (siehe Grafik) vor allem unter dem Namen Schirach-Bunker ein Begriff. Die älteren von ihnen erinnern sich beim Betrachten der Pläne im Bezirksmuseum Ottakring – dort ist die Sonderausstellung jeden Sonntag von 10 bis 12 Uhr kostenlos zu sehen – mit funkelnden Augen an verbotene Ausflüge in die Unterwelt. Ein Herr aus der Umgebung will dort mehrmals Mädchen geküsst haben, ein anderer wurde beim Versuch, in das heute vermauerte Bauwerk einzudringen, von der Polizei erwischt. „Leider!“ Seine Hoffnung auf die Bergung eines sagenhaften Nazischatzes wäre ohnedies enttäuscht worden.

Luftwarnzentrale. Der Zweck des Bunkers, sagt Ausstellungsgestalter Joachim Müller, sei nämlich ein ganz banaler gewesen: Schutz für die Gauleitung bei Luftangriffen sowie Warnungen für die Bevölkerung bei bevorstehenden Bombardements. Ertönte vor Bomberangriffen der Alliierten der gefürchtete „Kuckuck“ im Radio, hatte die Warnung hier ihren Ausgang.

Das Attribut „geheimnisvoll“ erhielt die im Herbst 1944 fertiggestellte Anlage in der Bevölkerung deshalb, weil Baldur von Schirach selbst ihren Ausbau vorantrieb. Laut einer Überlieferung soll der exzentrische Gauleiter einmal bei einem Luftangriff mit dem Fußvolk im Hochbunker im Ahrenbergpark zusammengetroffen sein. Das war dem statusbewussten Reichsstatthalter Hitlers zu viel. Er veranlasste über einen befreundeten Baumeister aus Bochum die Errichtung des Bunkers am Gallitzinberg. Der Nimbus vom „Privatbunker“ für Schirach war geboren.

Sofort machten Gerüchte die Runde, die sich bis heute hielten. So wurde erzählt, dass das verbrecherische Regime dort sagenhafte Reichtümer horte und einen Raum für rauschende Feste unterhielt, während die Bevölkerung der Stadt vor leeren Regalen hungerte. Nebenbei soll das Stollensystem, das 26 Meter tief in die Erde reicht, als Lagerort für Adolf Hitlers private Waffensammlung gedient haben.

„All diese Gerüchte haben sich nicht bewahrheitet“, sagt heute der Stadthistoriker Marcello La Speranza, der sich auf unterirdische Bauten spezialisiert und die Ausstellung über den Nazibunker im Gallitzinberg wissenschaftlich betreut hat. Die einzige nachweisliche Funktion des Stollensystems war jene als Gaugefechtsstand sowie Rückzugsort für die obersten Kader der Nationalsozialisten bei drohender Gefahr von oben. Weil deren Fahrzeugkolonnen bei bevorstehenden Angriffen über die breite Thaliastraße aus dem Zentrum fluchtartig zum Stadtrand rasten, erhielt diese Route den zynischen Beinamen „Heldenstraße“.

Treffpunkt für Abenteurer. Nach dem Krieg mutierte der Bunker zum Anziehungspunkt für Plünderer, Abenteurer und Neonazis. Obwohl die Behörden die Haupteingänge aus Sicherheitsgründen sprengten, war die Anlage durch Lüftungsschächte oder selbst gegrabene Zugänge zu betreten. Im Internet sind unter der Google-Suche „Schirach-Bunker“ ausführliche und mit Fotos dokumentierte Berichte zu finden. Eine Zeitlang interessierte sich die Staatspolizei für das Objekt, die befürchtete, dass es eine Pilgerstätte für Hitler-Verehrer werden könnte.

Die jüngsten Fotos stammen aus dem Jahr 1989 und wurden von österreichischen Höhlenkundlern gemacht. Danach hatte der Spuk ein Ende. Der Eigentümer, das Forstamt der Stadt Wien, ließ alle Eingänge nachhaltig zubetonieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

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