Expertenalarm: Drogen für die Albtraum-Party

Derzeit werden immer mehr legale Drogen verkauft, die wie Ecstasy wirken, deren Langzeitfolgen unbekannt sind. Für Experten ein „toxikologischer Albtraum“.

(c) EPA (Wolfgang Kumm)

Was da auf uns und die überwiegend jugendlichen Konsumenten synthetischer Drogen zukommt, ist ein toxikologischer Albtraum.“ Rainer Schmid, Chemiker und Toxikologe im Zentrallabor des Wiener AKH, lässt sich nur selten aus der Reserve locken. Dieses Mal aber ist er besorgt.

Dem Markt für sogenannte Partydrogen steht derzeit nämlich eine kleine Revolution bevor. Immer öfter werden Substanzen, die in der Öffentlichkeit unter dem Sammelbegriff Ecstasy bekannt sind, durch andere chemische Verbindungen ersetzt, die für die Konsumenten die gleiche oder eine ähnliche Wirkung haben, vor dem Auge des Gesetzes aber völlig legal sind. Und das stellt nicht nur Exekutive und Justiz vor neue Herausforderungen. Im Gegensatz zu den bekannten Substanzen weiß bei den neuen Partydrogen nämlich noch niemand, welche gesundheitlichen (Langzeit-)Folgen sie haben. Weil sie noch wenig erforscht sind, sprechen Experten von sogenannten „Research Drugs“.

 

Selten ist drin, was draufsteht

Das Wissen um die neuen Substanzen in der Szene stammt aus der jahrelangen Arbeit der Wiener Drogenberatungsstelle „ChEckiT!“. Seit zwölf Jahren besuchen Teammitglieder Partys und Veranstaltungen, bei denen Konsumenten ihre Drogen schnell und anonym auf deren Inhalt überprüfen lassen können. Die Idee dahinter lautet: Jene, die sich nicht vom Konsum abhalten lassen, sollen wenigstens wissen, was sie da einnehmen. Immerhin geben sechs Prozent der Wiener Bevölkerung an, wenigstens einmal schon Ecstasy, Speed oder Amphetamine konsumiert zu haben.

Die chemischen Analysen, die Schmid wissenschaftlich betreut, zeigten, dass 2009 in nicht einmal mehr jeder zweiten Ecstasypille auch Ecstasy drin war. Noch vor zehn Jahren lag der Reinheitsgrad bei 85 Prozent. Noch schlimmer ist es bei Speed, das nur noch in 16,2 Prozent aller als Speed verkauften Trips enthalten ist.

Für die Produzenten und Dealer sind die neuen Substanzen, die unter anderem auf fantasievolle Namen wie „Benzo-Flys“ oder „Dragon-Flys“ hören, deshalb besonders interessant, weil sie nicht unter das Suchtmittelgesetz fallen. Würde der Gesetzgeber nun ein Ecstasyderivat verbieten, wäre das nächste legale Produkt umgehend am Markt, denn: Rein rechnerisch sind aus der Ecstasygrundsubstanz heute nicht weniger als 752 Derivate machbar, die unmöglich alle namentlich im Gesetz genannt werden können.

 

Gesetzliche Grauzone

Ebenfalls ein wahrer Segen für die Produzenten ist, dass die chemischen Grundsubstanzen kiloweise über die chemische Industrie zu beziehen und daher entsprechend billig sind. Via Internet in China oder Indien bestellt, erzielen die Dealer nach der Endverarbeitung in Tablettenform am Markt schnell den zehnfachen Preis – und geraten dabei nicht einmal mit dem Gesetz in Konflikt.

Allerdings kommen bei den Kids auf der Tanzfläche nicht alle legalen Ecstasyderivate auch gut an. „ChEckiT!“-Leiterin Sophie Lachout weiß, dass etwa das legale mCPP, obwohl es dem „echten“ Ecstasy (MDMA) sehr ähnlich ist, bei den Konsumenten für Frust sorgte. „Die User berichteten uns, dass die Wahrnehmungsveränderungen und Glücksgefühle ähnlich, aber schwächer waren, die Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen aber umso stärker.“

 

Wirken Verbote?

Nicht immer enden die Experimente mit den neuen Drogen vergleichsweise harmlos am Klo. In den 1970ern versuchten sich ein Chemiker und seine Kunden an der Designerdroge MPPP. Nach fatalen Fehlern bei der Produktion erhielten sie eine Substanz, die bei vielen der jungen Erwachsenen Parkinson auslöste. Auch die aktuellen Ecstasyderivate forderten bereits ein offizielles Todesopfer, das zuvor „Dragon Flys“ falsch dosiert hatte. Weil die neuen Verbindungen jedoch nur schwer nachzuweisen sind, weiß niemand genau, wie viele Opfer es tatsächlich gibt.

Obwohl, wie Lachout betont, neben dem Horrorszenario auch die Hoffnung besteht, dass die neuen Substanzen nicht gefährlicher sind als die alten, steht die Drogenpolitik vor einer Herausforderung. Angesichts der Unmenge möglicher Substanzen gilt das Suchtmittelgesetz, in dem jede Verbindung ausdrücklich genannt werden muss, als ungeeigneter Träger. Experten glauben, dass der Weg über das Medizinproduktegesetz ein besserer wäre, weil so einerseits die Anbieter besser kontrolliert werden könnten, die Konsumenten selbst aber nicht zuhauf kriminalisiert würden.

Toxikologe Schmid empfiehlt wegen der mannigfaltigen Ecstasyderivate ohnehin einen anderen Weg. Weil Verbote Drogen nicht automatisch verschwinden ließen, sollte man eher darüber nachdenken, die potenziellen Gefahren für die Jugendlichen möglichst gering zu halten.

Wie das gehen soll? „Meiner Meinung nach ist Aufklärung, die dem Einzelnen eine vernünftige Risikoabschätzung ermöglicht, der einzige Weg dem Problem zu begegnen.“

AUF EINEN BLICK

Die Partydroge Ecstasy steht eigentlich für eine Vielzahl von Substanzen, die bei den Konsumenten u.a. Glücksgefühle und Euphorie auslösen.

Doch nur die bekanntesten Ecstasyderivate (z.B. MDMA) sind verboten. Theoretisch sind 752 vergleichbare Verbindungen möglich, von denen die Mehrzahl legal erhältlich ist, und die die gleichen Effekte bei den Konsumenten (Halluzinationen) auslösen können.

Über deren Gesundheitsfolgen ist allerdings wenig bekannt. Derzeit erscheinen immer mehr dieser Drogen auf dem Markt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2009)

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