Lösungsorientiert Rad fahren, auch wenn die Kuh quert

Innsbruck bietet in nächster Nähe zur Stadt Mountainbike-Trails unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade. Bevor man sich darüber steil den Berg herab wagt, sollte man sich mit der passenden Fahrtechnik vertraut machen. Hindernisse mit dem Blick zu fixieren, ist keinesfalls eine gute Idee.

Die Gondel hinauf, den Trail herunter: Fahrlehrer Manfred Stromberg auf der Muttereralm.
Die Gondel hinauf, den Trail herunter: Fahrlehrer Manfred Stromberg auf der Muttereralm.
Die Gondel hinauf, den Trail herunter: Fahrlehrer Manfred Stromberg auf der Muttereralm. – (c) Benedikt Kommenda

In Innsbruck ist die Stadtflucht mit dem Mountainbike eine Angelegenheit von ein paar Minuten. Direkt vom Stadtzentrum aus kann man dort samt Fahrrad mit der Hungerburgbahn an der Nordkette auf eine Höhe von 860 Metern fahren. Dann hat man die Wahl: Entweder man radelt gemütlich auf Forstwegen, zum Beispiel auf die Rumer Alm oder die Arzler Alm, um dort einfach nur die Aussicht zu genießen. Oder man entscheidet sich für ein fahrtechnisch anspruchsvolleres Alternativprogramm, wie es an immer mehr Orten in Österreich angeboten wird: für das Trailfahren.

Unweit der Arzler Alm findet sich ein nach ihr benannter Trail. Auf drei Kilometern Länge führt er speziell für Mountainbiker 400 Höhenmeter hinab. „Einige Kurven verlangen schon ein Commitment“, sagt Rad- und Bergführer Markus Emprechtinger. Dieses kann auch an anderen Stellen des teils steilen, schmalen und schwierigen Trails nicht schaden: Die Strecke führt über enge Steige entlang des Abhangs, die nur durch längs liegende Baumstämme gegen ein Abrutschen gesichert sind; über unübersichtliche Kuppen, die man gerade richtig schwungvoll nehmen muss, dass man den kurzen Anstieg schafft, aber dann noch auf das Danach reagieren kann; und durch Steilkurven, die desto mehr Spaß machen, je beherzter man sie nimmt.


„Goldene Regel“

Das Trail-Fahren will gelernt sein. Vielleicht am Wichtigsten ist das, was Manfred Stromberg die „goldene Regel“ nennt: „Nicht die Hindernisse anschauen, sondern die Lösungen.“ Der aus dem Ruhrgebiet stammende Gründer der Mountainbike-Schule Bikeride, der aus Liebe zu den Bergen nach Innsbruck gezogen ist, spricht damit ein Problem an, das dem Menschen von Natur aus auf den Sattel mitgegeben erscheint: Tief drinnen in uns sind wir darauf programmiert, die Dinge anzuschauen, die uns gefährlich erscheinen. Das aber ist auf dem Mountainbike fatal: Denn dummerweise fährt man unwillkürlich auch dorthin, wo man hinschaut. Und das heißt: Sowie man ein Hindernis – sei es eine Wurzel, ein Stein, ein Loch im Boden – mit seinem Blick fixiert, scheitert man daran. „Das ist wie im richtigen Leben, wenn man nicht lösungsorientiert denkt“, sagt Stromberg.

Also: Beim Fahren unbedingt dorthin schauen, wo man hin will. Das bedeutet: in einer engen Kurve auf deren Ausgang, bei einer zu großen Vertiefung auf eine Umfahrung links oder rechts davon, bei steilen Passagen abwärts auf die Linie, die am nächsten zur Falllinie fahrbar erscheint.


Waghalsige Sprünge

In Mutters will man mit seinem Fahrrad zunächst einmal höher hinauf in den Bikepark Innsbruck. Die Gemeinde liegt bezogen auf das Inntal gewissermaßen schräg vis-à-vis der Hungerburg, auf einer Mittelgebirgsterrasse südwestlich von Innsbruck. Vom Hauptbahnhof aus ist der Ort mit der Stubaitalbahn erreichbar. Und dann geht es mit der Gondelbahn hinauf auf die Muttereralm. Vor Kurzem hat dort Crankworx Station gemacht, ein großes internationales Mountainbike-Festival, das unter anderem für waghalsige Sprünge über riesige Rampen bekannt ist. Die Stadt Innsbruck, die umliegenden Gemeinden, das Land Tirol und der Innsbruck Tourismus haben 900.000 Euro dafür gezahlt, dass Tausende Fans kommen und die Stadt sich als Bike City weiter etabliert. Die Rückkehr des Festivals 2018 ist bereits vertraglich fixiert, über die weitere Zukunft wird noch verhandelt.

Mountainbike-Lehrer Stromberg erklärt indessen bei einem kleinen und flachen Übungsparcours direkt neben der Muttereralm die richtige Körperhaltung beim Trailfahren. Am besten bewährt sich die „Gorillahaltung“, auf den Pedalen stehend mit seitlich bis über den Lenker gespreizten Ellbogen. Diese sollten übrigens, wie auch die Knie, mit Protektoren geschützt sein; ein Helm ist sowieso Pflicht.


Wenn sich der Flow einstellt

Auf dem „Crazy-Family-Trail“ kann man dann gleich die Haltung testen, wobei die Betonung hier mehr auf „crazy“ als auf „family“ liegt. Auch wenn der Trail zu den einfacheren, mit Blau oder Rot gekennzeichneten, Strecken zählt: Gemeinsame Radfahrten kann man wohl familienfreundlicher gestalten als mit einer mehr oder weniger rasanten Abfahrt auf einem schmalen Weg kreuz und quer den Hang hinunter. Vor allem Anfänger müssen zuerst versuchen, den naturgegebenen Stress in sogenannten Flow zu verwandeln – das wohlige Gefühl, wenn Fahrfluss, Fahrrad und Körper eins werden.

Blöd nur, wenn plötzlich eine Kuh den Weg quert: Beinahe wären Mensch und Tier auf das Unangenehmste eins geworden, als der britische Journalistenkollege Matt gerade aus dem Wald auf die freie Wiese mit ihren langgezogenen Steilwandkurven wechseln wollte. Er schafft es mit Mühe und Not, die Kuh nur leicht zu streifen. Offenbar hat Matt an ihr vorbeigeschaut . . .

Für viele Innsbrucker ist die Muttereralm ein beliebtes Ziel nach Dienstschluss. Ab dieser Woche ist der Lift immer mittwochs sogar bis 20 Uhr in Betrieb. Weiter von der Stadt entfernt, aber immer noch gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar (konkret der S-Bahn in Richtung Brenner), ist der Bikepark Tirol auf der Bergeralm. Auch hier geht es mit der Seilbahn hinauf und wahlweise eine blaue oder eine rote Strecke 500 Höhenmeter herunter. Die blaue ist spannend genug. Vom schwarz gekennzeichneten Nordkettentrail – er verläuft extrem eng und steil unter der Seilbahn – kann man nur abraten.

Natürlich kann man in und um Innsbruck auch flachere Strecken radeln. In dem auf Radfahrer als Gäste spezialisierten Hotel Seppl in Mutters beispielsweise kennt Bernhard Fritz alle Wege in- und auswendig. Er empfiehlt etwa, im Mittelgebirge den „Bike Trail Tirol“ nach Süden in Richtung Fulpmes zu fahren – die 2700 Meter hohe dreizackige Serles („Hochaltar von Tirol“) vor Augen. Der empfohlene Rückweg über die Telfer Wiesen ist allerdings leichter beschrieben als gefunden. Wegweiser und Beschriftungen sind noch in Arbeit. Statt im Mittelgebirge zu bleiben, kommt man deshalb leicht über einen feinen Natur-Trail allzu weit ins Tal. Und muss dann wieder kräftig hinauftreten.

Compliance-Hinweis: Der Autor wurde beim Aufenthalt in Tirol vom Innsbruck Tourismus unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2017)

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