360 Grad Österreich

Rocker sein für ein Wochenende

Am Faaker See trafen sich 70.000 Harley-Davidson-Fahrer aus ganz Europa, um für ein paar Tage den Traum von der kompromisslosen Freiheit zu leben.

70.000 vor allem ältere „Rocker“ kamen zum bereits 20. Harley-Davidson-Treffen an den Faaker See.
70.000 vor allem ältere „Rocker“ kamen zum bereits 20. Harley-Davidson-Treffen an den Faaker See.
70.000 vor allem ältere „Rocker“ kamen zum bereits 20. Harley-Davidson-Treffen an den Faaker See. – (c) APA (FRANK RATERING)

Man könnte sich fürchten. Am linken Oberarm ist ein Adler tätowiert, die schwarze Lederweste ist abgetragen und mit Aufnähern übersät – „Straight to Hell“ steht auf einem –, der Gürtel hat so spitze Nieten, dass massive Verletzungsgefahr besteht, die Lederhose ist eng, die Springstiefel sind massiv.

Andererseits: Aus der Weste quillt ein Bauch, der sich recht breit über die Lederhose legt. Die Glatze sieht nicht so aus, als hätte ihr Träger sie freiwillig rasiert, die goldumrandete Brille passt auch nicht wirklich zum restlichen Outfit – und ganz grundsätzlich: Das Alter des Herren lässt eher vermuten, dass er zu Hause liebevoll mit seinen Enkeln spielt, als spätnachts vor Hard-Rock-Bars Probleme zu machen.

Der Duden definiert einen Rocker als „einen Angehörigen einer lose organisierten Clique von männlichen Jugendlichen, meist in schwarzer Lederkleidung und mit schweren Motorrädern“. Beim derzeitigen Harley-Davidson-Treffen am Faaker See sehen wir viel schwarze Lederkleidung, sehr viele schwere Motorräder – 70.000 sind es laut Veranstalter –, aber in einem Punkt unterscheidet sich die Duden-Beschreibung ganz wesentlich von der Realität vor Ort: Jugendliche sieht man kaum. Die Rocker hier sind alle schon in ziemlich fortgeschrittenem Alter.


Wochentags Banker

Robert etwa, der aus Deutschland angereist ist. Auch er in schwarzem Lederoutfit und mit der inoffiziellen Frisur dieses Treffens, der Glatze. Robert ist 58 Jahre alt und nicht wirklich Robert, aber seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. „Nicht, dass es mir peinlich ist“, erklärt er. „Aber es muss ja nicht jeder wissen, was ich am Wochenende mache.“

Unter der Woche leitet Robert eine Bankfiliale in Bayern. Das heißt, von Montag bis Freitag Hemd, Anzug, Krawatte. Aber am Samstag und Sonntag holt er sein Motorrad aus der Garage, zieht die Ledersachen an und „ist frei“, wie er sagt.

Und nichts symbolisiert diese Freiheit so wie eine Harley Davidson. Seit Peter Fonda und Dennis Hopper im Film „Easy Rider“ mit umgebauten Harleys durch die USA fuhren, steht die Marke für Weite, keine Zwänge und ein Leben ohne Kompromisse.

„Seit wem?“, werden die Jungen fragen. „Easy Rider“ lief vor fast 50 Jahren im Kino, Hopper und Fonda sind für sie, was Harry Styles und Ed Sheeran für die meisten hier in Faak am See sind: völlig Unbekannte. Die Jungen pfeifen auf Weite, Freiheit und schwere Motorräder, sie wollen lieber schnelle, starke und vor allem billige japanische Maschinen. Wenn überhaupt: Den meisten tut's eine Vespa.

2008 war das durchschnittliche Alter eines Harley-Davidson-Käufers in den USA 48 Jahre. 1999 waren es noch 43. Mittlerweile veröffentlicht man keine Statistiken mehr, weil es nicht zum Bestreben passt, junge Käufer anzusprechen. Für sie gibt es sogar eine Billigserie – relativ gesehen – ab 8500 Euro. Aber für eine echte Harley – und darunter verstehen die Fans zumindest eine Touring – muss man ab 29.000 Euro hinblättern. Lässt man sich das Motorrad mit Umbauten individualisieren, muss man mit 50.000 Euro und mehr rechnen. Das kann sich eigentlich nur jemand leisten, der seine Midlife-Krise etwas wilder ausleben will als in einem 911er Porsche.

Aber dafür kauft man sich nicht nur ein Motorrad, man kauft ein Lebensgefühl. „Screw it, let's ride“ steht als Motto über dem Harley-Dorf in Faak. Wie gern würde man nicht auf alle Zwänge pfeifen und einfach nur mit einer Harley in den Sonnenuntergang fahren? Aber weil das nicht geht und die Kreditrate für das Haus mit der Doppelgarage bezahlt werden muss, weil die Kinder studieren und die Frau teure Schuhe verlangt, bleibt es nur ein Traum. Den man aber auf seinem Motorrad träumen kann – und ein Mal im Jahr beim Harley-Davidson-Treffen.

Der Motorradhersteller hat das Potenzial entdeckt. Harley-Davidson-Socken, Harley-Unterhosen, Harley-Schals, Harley-Bandanas – in den Zelten im Faak am See kann man alles kaufen, um dieses Lebensgefühl auch nach außen zu signalisieren. Sogar ein Hundehalsband mit Harley-Davidson-Schriftzug und in den Firmenfarben Schwarz-Orange wird angeboten.

Für ein Rocker-Outfit muss man zumindest 1000 Euro budgetieren, vorausgesetzt, es gibt die Lederjacke, wie hier, im Angebot um 580 Euro und man bescheidet sich mit einem Gürtel um 112 Euro.

Wo so viel schwarze Lederkleidung zusammenkommt, würde man eigentlich enorme Probleme vermuten. Aber es zeigt sich die Reife des Alters. Laut Polizei ist das Harley-Davidson-Treffen trotz mehr als 100.000 Besuchern – die Veranstalter sprechen gar von 200.000 – eines der friedlichsten. Schwierigkeiten gibt es lediglich mit den Lärmvorschriften, weil manche ihr Motorrad zu sehr aufgemotzt haben. Und mit Dieben, die die Chance von Hunderten aneinandergereihten Harleys nützen, um daraus die schönste und teuersten auszusuchen und in Lieferwägen verschwinden zu lassen.

Heute endet das Treffen. Dann laden viele, wie Robert aus Bayern, ihr Motorrad auf den Anhänger („So weite Strecken fahre ich ungern mit der Harley“), hängen die Lederkluft wieder in den Kasten und binden am Montag die Krawatte um.

Zahlen

107

Kubikinch
Hubraum haben die aktuellen Motoren von Harley Davidson. Umgerechnet sind das 1745 Kubikzentimeter. Der stärkste Motor, der Milwaukee-Eight 114, hat 114 Kubikinch (1868 Kubikzentimeter). Er liefert 102 PS und hat ein Drehmoment von satten 165 Newtonmetern.

8515

Euro
kostet die billigste Harley, die Street XG750. Für eine Softail zahlt man ab 17.495 Euro, eine Touring gibt es ab 28.795 Euro, und für spezielle Serien muss man um die 50.000 Euro veranschlagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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