Schwere Vorwürfe gegen Pflegeheim in Kirchstetten

Justizakten offenbaren, dass im Pflegeheim Clementinum in Kirchstetten demente Senioren systematisch missbraucht und gequält wurden.

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Archivbild. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Vor rund einem Jahr erhoben zwei Pflegerinnen massive Vorwürfe gegen andere Mitarbeiter im Pflegeheim Clementinum in Kirchstetten (NÖ), die Patienten missbraucht, gequält und gedemütigt haben sollen. "Die Presse berichtete" exklusiv. Diese Verdachtsmomente haben sich nun erhärtet, wie den Justizakten zu entnehmen ist.

Wie der „Falter“ nun in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, soll ein Pfleger etwa eine hoch fiebernde Frau in der Kälte ohne Decke vor ein offenes Fenster gelegt haben. Die Einvernahmen der Mitarbeiter des Pflegeheims – neben Pflegepersonal auch Krankenschwestern und Putzfrauen – bestätigen die Vorwürfe der beiden Pflegerinnen, die den Fall ins Rollen gebracht haben, jedenfalls: Zugetragen haben sich die Taten, die vom schweren sexuellen Missbrauch über Demütigungen bis zu sadistischen Quälereien reichen, auf der Station St. Anna des Pflegeheims, in der 40 schwer demente – und daher besonders wehrlose – Patienten betreut wurden.

Neben dem sexuellen Missbrauch älterer Frauen wurden Patienten, die etwa nicht schnell genug aßen, mit sadistischen Praktiken bestraft: So wurden ihnen die Genitalien mit Alkohol eingerieben oder ihnen Haarspray in die Augen gesprayt. Wurden die Pfleger von anderen Mitarbeitern aufgefordert, damit aufzuhören, bekamen sie Aussagen wie „Sie hat es sich verdient. Sie steht drauf“ zur Antwort. Eine Frau soll gezwungen worden sein, ihre Exkremente zu essen. Laut einer Zeugin waren die geschilderten Taten keine Einzelfälle, sondern fanden mehrfach, beinahe täglich statt.

 

Pfleger war bis zuletzt tätig

Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, eine Anklage gilt angesichts der schweren Vorwürfe als wahrscheinlich. Über die fünf Beschuldigten, die die Vorwürfe bestreiten (es gilt die Unschuldsvermutung), wurde übrigens keine U-Haft verhängt. Da sie nicht mehr im Clementinum arbeiten – sie wurden nach Bekanntwerden der Vorwürfe entlassen, auch die Führungskräfte wurden ausgetauscht –, bestehe keine Tatbegehungsgefahr mehr. Der Hauptbeschuldigte war laut „Falter“ allerdings bis vor Kurzem in einem privaten Heim in Wien als Pfleger tätig, wurde aber mittlerweile freigestellt, nachdem die Heimleitung von den Vorwürfen erfahren hatte. (red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2017)

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