Stadtflucht

Auf Schneeschuhen über den Wolken

In der Dachsteinregion zwischen Obertraun und Hallstatt lässt es sich auf rund 2000 Metern trefflich wandern – auch im Winter. Und wer sich weder vom Nebel noch von Minusgraden entmutigen lässt, wird am Ende belohnt.

Über den Wolken. Der Blick von der Welterbespirale in Richtung Dachstein.
Über den Wolken. Der Blick von der Welterbespirale in Richtung Dachstein.
Über den Wolken. Der Blick von der Welterbespirale in Richtung Dachstein. – (c) Daniel Jézéquel

Gut, dass man zumindest ein ungefähres Bild des Salzkammerguts im Kopf hat. Denn bei den „Five Fingers“, einer Aussichtsplattform, die mit fünf schmalen Stegen wie eine Hand in den 400 Meter tiefen Abgrund in Richtung des Hallstätter Sees ragt, muss die Vorstellungskraft herhalten: Irgendwo dort unten, unter einer dicken Nebeldecke, sollte das Örtchen sein, das sich vom Seeufer an die Berge schmiegt, die Kirche mit der gruseligen Schädelsammlung, die man mit dem Fernrohr sehen könnte, das an einem der fünf Finger installiert ist, das Schiffchen, das tagein, tagaus Touristen aus der ganzen Welt über den See schippert. Jedenfalls sollte all das dort unten sein.

Dass es mit der fantastischen Aussicht an diesem Tag nicht allzu weit her sein würde, war freilich bereits unten im Tal absehbar: Die Gondelfahrt von Obertraun auf den Hohen Krippenstein, den ersten Zweitausender, der in dieser Gegend mit einer Seilbahn erschlossen wurde, führt durch wattedickes Weiß, das sich auch auf dem Gipfel nicht ein bisschen lichtet. Die Sicht reicht vielleicht zwanzig Meter weit, manchmal ein bisschen mehr, manchmal auch weniger. Trotzdem: Schneeschuhe angeschnallt, Schal ins Gesicht – das Vermummungsverbot gilt bei diesen Bedingungen wohl nicht. Und rein ins Ungewisse.


Alternative für Wanderer. Auf den ersten Blick klingt Schneeschuhwandern ja nicht ganz so sexy – und beim Bergabgehen kommt einem durchaus Donald Duck in den Sinn. Für passionierte Wanderer, denen es nicht so sehr auf die Abfahrt ankommt wie auf die Bewegung auf dem Berg oder die nicht ganz so firm auf Skiern sind, sind Schneeschuhe im Winter allerdings die perfekte Alternative zur Skitour und der optimale Weg, seine Bergkondition nicht zu verlieren: Die Schneeschuhwanderungen erfordern wenig Material (Schneeschuhe und Stöcke), so gut wie keine technischen Vorkenntnisse (außer: gehen), und sie lassen sich vom locker-leichten Winterspaziergang bis zur sportlichen Herausforderung beliebig variieren.

Die Wintersportregion Dachstein-Krippenstein hat sich inzwischen für Schneeschuhwanderer eingerichtet – bequem für all jene, die wie wahrscheinlich die meisten selbst keine Schneeschuhe zu Hause haben: Schuhe und Stöcker werden in Kombination mit dem Seilbahnticket verliehen (siehe Info-Box rechts). Und oben auf dem Berg gibt es auch gleich eine Reihe von markierten Routen, die nicht nur sicheres Schneeschuhwandern versprechen (gegen Lawinengefahr ist man im freien Gelände nämlich, so wie bei Skitouren, auch auf Schneeschuhen nicht gefeit), sondern auch eine prächtige Aussicht, an Tagen ohne Nebel jedenfalls.


Im Bauch des Dachstein-Hais. In Ermangelung von Weitsicht wird denn mit jener Route gestartet, die am wenigsten auf die Aussicht fokussiert: mit jener zum Dachstein-Hai, einem acht Meter langen Metalltier, das trotz Nebel sichtbar ist – zumindest wenn man knapp davor steht. Den Hintergrund der Hai-Berg-Verbindung löst etwas später ein Schild auf: Der Dachstein ist eigentlich versteinerter urzeitlicher Meeresboden, und der Hai, in dessen Bauch man übrigens auch hineinklettern kann, ist quasi in sein früheres Habitat zurückgekehrt, das sich nach und nach zeigt: Die Sonne kämpft sich durch den Nebel. Und zumindest stellenweise ist sie schon zu erahnen: die glitzernde weiße Pracht, die die Berglandschaft einhüllt. Die, wie sich zeigt, nur wenige Skipisten und Lifte trüben.

Beim nächsten Stopp, zu dem man mit den Schneeschuhen gestapft ist – der Welterbespirale, einer Art Schiff aus Aluminium mit 360-Grad-Blick –, ist es dann endlich so weit. Der Himmel reißt tatsächlich auf, und aus den immer noch dichten Wolken tauchen nach und nach die verschneiten Spitzen der Berge vor einem auf: Da ist der Hohe Gjaidstein (2792Meter), der Hohe Dachstein mit seinen 2996 Metern, der Niedere Dachstein (2934) und das hohe Kreuz (2837 Meter). Das gewaltige Bergpanorama der Dachsteinregion macht so fast noch mehr Eindruck, als wäre es schon von Anfang an da gewesen. Und man ist über den Wolken.


Keine Angst vor Kälte. Das ändert sich freilich relativ rasch wieder. Sobald man die letzte Teilstrecke der Seilbahn genommen hat und einige Höhenmeter weiter unten gelandet ist, um in wenigen Minuten in Richtung Nachtquartier zu marschieren, ist man wieder im Nebel unterwegs. Von der 1738 Meter hohen Gjaidalm aus ist am nächsten Tag allerdings kein Wölkchen mehr zu sehen, der Himmel ist tiefblau, die Berge zeigen sich in voller Pracht. Skipisten gibt es hier – abgesehen von jener beim hütteneigenen Tellerlift, die sich auch zum Schlittenfahren eignet – gar keine mehr.

Ein bisschen zögert man dennoch vor dem Schritt hinaus ins strahlend weiße Winterwunderland rund um die Alm: Immerhin ist es der erste Tag der landauf, landab angekündigten Kältewelle. Tatsächlich berichten Hüttenkollegen von minus 18 Grad frühmorgens im Schatten. Auch hier gilt allerdings wie schon am Vortag: Wer sich nicht entmutigen lässt, der wird belohnt. In der Sonne ist von der Kältewelle nur wenig zu spüren.

Durch größtenteils sanftes Auf und Ab kann man in gut eineinhalb Stunden flott von der Gjaidalm zum etwas höher gelegenen Wiesberghaus (1884 Meter) wandern, wo man auf Skitourengeher trifft, denen auf der anderen Bergseite sogar der Trinkschlauch des Rucksacks eingefroren ist. Etwas länger und steiler, aber ebenfalls für Wanderer gespurt, wäre es zur Simonyhütteauf 2203 Metern, knapp unterhalb des Hallstätter Gletschers. Ein durchgewanderter Vormittag wird jedenfalls nicht nur mit einem grandiosen Ausblick auf die Berge sowie Schneehasen- und anderen Spuren im sonst unberührten Schnee belohnt, sondern gegen Mittag sogar mit Plusgraden auf der Terrasse.


Und endlich Hallstatt. Auf dem Rückweg ins Tal kann man dann doch noch überprüfen, ob man am Vortag mit der Vorstellungskraft richtig gelegen ist und ob das Salzkammergut tatsächlich so aussieht wie in der Erinnerung. Mit dem Seilbahnticket kann man jede der drei Teilstrecken einzeln fahren, also auch nochmals bei der Bergstation am Krippenstein aussteigen – und das sogar mit Leihhund, einer gutmütigen, älteren Retrieverdame, die man bitte von der Hütte per Seilbahn ins Tal bringen möge, weil sie der Besitzerin, die auf Skiern hinunterfährt, nicht mehr hinterherkann.

Also nochmals auf zur Welterbespirale, bei der sich das Bergpanorama an diesem Tag vollständig zeigt, und zu den fünf Fingern – das ist hin und retour noch einmal eine letzte Dreiviertelstunde Schneeschuhwanderung in der Sonne, diesmal eben mit Hund, der nebenhertrottet. Und tatsächlich, dort liegt also Hallstatt, eng an den Berg geschmiegt, die Kirche auf der Anhöhe, das Schiff im See: Das hat man sich ja bereits gedacht, am Vortag.

Schneeschuhe

Die Wintersportregion Dachstein-Krippenstein ist auf Schneeschuhwanderer eingestellt. Das Yeti-Ticket beinhaltet die Berg- und Talfahrt mit der Seilbahn und Leihschneeschuhe für einen Tag. Erwachsene: 34,80, Kinder: 20 Euro. Auf dem Berg sind drei kurze Panoramarouten und weitere Wege gespurt. Alle Infos auf: dachstein-salzkammergut.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2018)

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