Sendemast am Bisamberg wird gesprengt

Das höchste Bauwerk Österreichs, der 265 Meter hohe Sendemast am Bisamberg, wird am Mittwoch um 15 Uhr gesprengt: Von Roman Günther, einem Sprengmeister aus der Steiermark.

Sendemast
Sendemast
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Roman Günther ist eher der pragmatische Typ. „Wenn mir mein Beruf nicht gefallen würde, dann würde ich ihn nicht machen“, sagt er. Mit rotem Schutzhelm und knallgelber Schutzkleidung steht er knapp neben dem stählernen Turm und blickt kritisch nach oben. 265 Meter Höhe, 120 Tonnen Eigengewicht. Gehalten von jeweils drei unterschiedlich hoch angebrachten Stahlseilen, die aus drei Richtungen gespannt sind. Es sind schon beeindruckende Maße, die der Nordmast, der wesentlich höhere der beiden Sendemasten am Bisamberg, aufweist. Kommenden Mittwoch wird das höchste Bauwerk Österreichs (ebenso wie sein kleiner Bruder, der „nur“ 120 Meter hohe Südmast) gesprengt – von Sprengmeister Roman Günther (32).

Die beiden Radio-Mittelwellen-Sendemasten (betrieben von der Österreichischen Rundfunksender-Gesellschaft ORS) – einst Informationsquelle auch für die Bürger jenseits des Eisernen Vorhangs – werden einfach nicht mehr gebraucht. Allein die Erneuerung der gigantischen Sicherungsstahlseile würde eine Million Euro kosten. Und weil eine Stück-für-Stück-Demontage der Masten enorm aufwendig und obendrein, so erklärt die den Abbruch leitende Firma Alpine Energie, auch gefährlich sei, müssen Männer wie Günther her. Freilich richtet sich die ganze Aufmerksamkeit auf den großen Turm.

Sprengung in vier Teilen. Für diesen braucht's eine Sprengung in vier Sequenzen. Zuerst durchtrennt eine Sprengladung einige Sicherungsstahlseile (nicht alle, damit die fallenden Mastteile noch in eine bestimmte Richtung gelenkt werden können). Hundert Millisekunden später „geht“ das erste Sprengstoffpaket am Turm in 180 Meter Höhe. Je 1000 Millisekunden (also je eine Sekunde) später folgen absteigend zwei weitere Detonationen. Plastischer Sprengstoff (Plastiksprengstoff) mit schneidender Wirkung (Schneidladung) wird verwendet. Und wenn der Mast das wider Erwarten aushält? Wenn er stehen bleibt? Bei seiner Ehre, sagt Günther, ohne den Anflug eines Zweifels: „Ich garantiere, dass der Mast umfällt.“ Nachsatz: „Umfallen tut er, hundertprozentig.“ Für den kleinen Mast reicht eine Sprengladung nahe dem Fundament. „Der fällt wie ein Baum.“ Für Schaulustige gibt es ausgeschilderte Public-Viewing-Zonen.

Was muss man eigentlich tun, damit es kracht? Das alte Bild vom T-förmigen Griff, den man nach unten drückt, stimmt natürlich nicht mehr. Das war früher. Heute dreht man an einer Kurbel. Damit werden Transistoren geladen. Diese wiederum erzeugen Impulse, die über eine Leitung den Zünder erreichen. Und der löst die Sprengung aus.

Der Mann am Zünder. Wer dreht nun am Mittwoch an der Kurbel? „Er!“, sagt Richard Isele beim „Presse“-Lokalaugenschein am Bisamberg. Isele hat im steirischen Eisenerz eine Firma für Bohr- und Sprengarbeiten. Als der Boss nun lächelnd „er“ sagt, deutet er auf Günther. Günther lächelt mit. Er sprengt gern. Und das tut er ziemlich oft. Freilich: Einen monströsen Masten (und damit auch ein Stück Rundfunkgeschichte) sprengt man nicht jeden Tag von der Bildfläche, doch man möchte gar nicht glauben, wo überall gesprengt wird. Günther: „Auf Steinbrüchen, beim Tunnelbau, beim Straßen- oder Wegebau, wenn Felsnasen abzusprengen sind oder wenn wir einen Hang raussprengen müssen, das ist praktisch unser tägliches Geschäft.“

„Man kann durch vorherige Berechnung das Ergebnis genau bestimmen.“ Weiter: „Wenn es so funktioniert, wie es geplant ist, ist es eine super Sache.“ Und zu 95 Prozent sei es eine „super Sache“. Selten komme es vor, dass das Ergebnis „nicht so ideal ist, wie es sein sollte“, etwa auf Steinbrüchen, wenn Felsblöcke nicht genau so bersten, wie sie sollen.

Günther kommt aus Rechberg, Gemeinde Semriach, Bezirk Graz-Umgebung, hat eine Lebensgefährtin – doch die habe, so sagt er zumindest, keine Angst um ihn. „Industriesprengstoff ist sicher. Ohne regelrechte Zündung geht er nicht so einfach los.“ Dass Sprengmeister sein Job ist, wusste er zwar nicht gleich nach der Hauptschule, aber immerhin nach der Lehre zum Bau- und Möbeltischler. Ein Sprengbefugtenlehrgang und ein Jahr Praxis bei einem Sprengunternehmen machten ihn zu dem, was er ist. Außerdem ist er staatlich geprüfter Pyrotechniker. In der Freizeit geht er gern auf Schießstände. Als Sportschütze. Gewehr und Pistole. Sprengen, Feuerwerke zünden, schießen. „Alles, was tuscht“, sagt Roman Günther. Und lacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2010)

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