Ein Dorf, wie es früher einmal war

Im Museumsdorf Niedersulz, Österreichs größtem Freilichtmuseum im Weinviertel, spaziert man über alte Bauernhöfe, blickt in alte Handwerksstuben oder wird im Greißlerladen ein bisschen nostalgisch.

Ein Zwerchhof aus dem Weinviertel: Eines von rund 80 Gebäuden in Niedersulz.
Ein Zwerchhof aus dem Weinviertel: Eines von rund 80 Gebäuden in Niedersulz.
Ein Zwerchhof aus dem Weinviertel: Eines von rund 80 Gebäuden in Niedersulz. – (c) Clemens Fabry

Ein Laden, in dem es alles gab, und der doch so viel kleiner war als die heutigen Supermärkte: Der alte Greißler, der Mehl, Nüsse und andere Lebensmittel verkauft hat, aber auch Oblaten, Servietten, Nägel und sehr vieles mehr.

Wie breit das Angebot war, kann man von den dunklen Laden ablesen, die sich hinter dem Verkaufstisch bis fast zur Decke reihen: Mandeln, Reisstärke, Anis, Kreide, Kartoffelmehl. Es ist ein ganz wunderbarer Greißler mit seinen alten Blechschildern, den Schachteln mit den handgeschriebenen Etiketten und der großen Kassa, der hier im Museumsdorf Niedersulz wieder errichtet wurde. Für viele Besucher eines der Highlights, das man während des Rundgangs durch Niederösterreichs größtes Freilichtmuseum jedenfalls besichtigen sollte.

 

Clemens Fabry

Da wird man durchaus sentimental, auch wenn man noch zu jung ist, um selbst jemals in einem dieser alten Läden eingekauft zu haben. Der Laden stand früher in Jedenspeigen und war als„Greißlerei Pawelka 1897 eröffnet worden. Erstaunlich, dass das Geschäft immerhin noch bis 1976 offen hatte, ehe die Konkurrenz durch die großen Super- und Baumärkte zu gewaltig wurde und die Rollläden für immer unten blieben. Bis das Inventar der Greißlerei gerettet, das Gebäude abgetragen und hier in Niedersulz wieder errichtet wurde. Zu verdanken ist das einem passionierten Sammler, Professor Josef Geissler, der jahrzehntelang alte Weinviertler Bauern-, Handwerker- und Presshäuser, Kapellen, aber auch eine historische Volksschule aufkaufte, sie so vor dem Abriss rettete und in Niedersulz wieder aufstellen ließ. (Geissler lebt übrigens selbst in einem alten Gebäude auf dem Museumsgelände): Ab 1979 wuchs das Museumsdorf.

Lehrerwohnung. Der Ausflug beginnt im modernen Besucherzentrum, das, auf einem Hügel gelegen, einen weiten Blick auf das Weinviertel, aber auch hinunter auf das Museumsdorf bietet. Dann kann es, ausgestattet mit einem kleinen Lageplan, auch schon losgehen mit der Dorferkundung. Eines der ersten Gebäude ist die alte Volksschule aus Gaiselberg, die 1808 eröffnet wurde. In den Vitrinen im Vorraum sind alte Schulbücher, Globen, Landkarten und Kreiden ausgestellt, die davon zeugen, wie Kinder im 19. Jahrhundert unterrichtet wurden. Auf einer Infotafel im Vorraum erfährt man mehr über die soziale Stellung der Lehrer, ehe man die zwei kleinen Klassenräume mit den für die damalige Zeit charakteristischen Schulbänken besichtigt. Auch in die Lehrerwohnung – früher war es üblich, dass die Lehrer gleich im Schulgebäude lebten – kann man einen Blick werfen. Überhaupt kann man viele weitere der rund 80 Gebäude betreten und bekommt so einen Einblick, wie Bauern, der Bürgermeister oder die Handwerker früher gelebt und gearbeitet haben.

 

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Die Innenräume sind liebevoll, detailgetreu und mit authentischen Möbeln und Gegenständen eingerichtet. Da immer wieder das eine oder andere gestohlen wurde, sind die meisten Räume mittlerweile mit einer Absperrung versehen. Man kann also nur hineinschauen, die Räume aber meistens nicht betreten, hat dabei aber immer einen guten Blick in den jeweiligen Raum. Wer die Einrichtungsgegenstände aus nächster Nähe ansehen möchte, kann sich einer der Überblicksführungen anschließen, die ein bis zwei Mal täglich angeboten werden.

Auch an den Wochenenden, wenn hier Handwerker wie Sattler, Schmied oder Wagner in den Handwerkshäusern vorzeigen, wie das jeweilige Handwerk früher ausgeübt wurde, darf man einige Räume betreten. Die Besucher können dabei auch alte Techniken ausprobieren wie das Ziegelschlagen. Tipp mit Kindern: Jeden ersten und dritten Sonntag im Monat gibt es eine Familienführung, bei der die Kinder Rätsel lösen können. Immer wieder gibt es auch Veranstaltungen: Am 1. Juli etwa können Besucher beim „Kinderalltag anno dazumal“ (10–17 Uhr) an zahlreichen Mitmachstationen den Alltag vor 100 Jahren erleben.

Die Ja-natürlich-Schweine. Nicht auslassen sollte man auf jeden Fall den lebenden Bauernhof aus dem späten 18. Jahrhundert. Auf diesem Zwerchhof – so nennt man die für das Weinviertel typische, mehrkantige Hofform – aus Prottes mit Taubenkobel und Stadel kann man einige Bauernhoftiere sehen. Neben den Gänsen am Teich, den Hennen und den Eseln sind vor allem die beiden Schweine erwähnenswert, die als Ferkel echte TV-Stars waren: Denn Rosa und Mitzi haben in den „Ja natürlich“-Werbespots das sprechende Schweinchen dargestellt und danach in Niedersulz ein Zuhause gefunden.

Später wird man noch an weiteren wunderschönen alten Höfen vorbeikommen, oft sind die Geschichten der Häuser mit Personen verbunden, die darin gelebt haben: So stellen sich auf Infotafeln die einstigen Bewohner vor, was die Besichtigungen der unbewohnten Räume lebendiger macht.

 

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Eine sehr hübsche Kulisse stellt die Kellergasse dar, mit mehreren Presshäusern aus unterschiedlichen Weinviertler Orten. Auch am Dorfplatz, dem Herzen des Museums, sollte man einen Stopp einplanen: Unter Kastanienbäumen sitzt man hier wunderbar schattig im Gastgarten des Dorfwirten – wie es sich gehört mit Blick auf die Kirche.

An guten Fotomotiven mangelt es im Museumsdorf jedenfalls nicht. Auch die sehr gepflegten Vorgärten der Häuser wurden authentisch angelegt und sind wunderschön anzusehen.

Museumsdorf

Das Museumsdorf (Niedersulz 250, 2224 Niedersulz) ist tägl. von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet. Tel.: 02534/333; www.museumsdorf.at. Erw: 12 Euro, Kinder bis 18: freier Eintritt. Im Rahmen der Gartensommer Vollmondnacht findet am 27. 7. eine Führung in der Dämmerung statt (15 Euro). Anmeldung erforderlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2018)

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