Fall Krems: Polizist "wollte nur raus - aus Angst"

In Korneuburg steht jener Polizist vor Gericht, der im vergangenen August in einem Kremser Supermarkt einen 14-jährigen Einbrecher erschossen hat - laut Anklage "zumindest irrtümlich". Es drohen bis zu drei Jahre Haft.

Fall Krems Prozess gegen Polizisten
Fall Krems Prozess gegen Polizisten
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Unter regem medialen Interesse hat am Mittwoch im Landesgericht Korneuburg der Prozess gegen jenen Polizisten begonnen, der in der Nacht auf den 5. August 2009 in einem Kremser Supermarkt einen 14-jährigen Einbrecher erschossen hatte.

Der 43-jährige Beamte bekannte sich zu Beginn des Prozesses am Landesgericht Korneuburg "nicht schuldig". Er muss sich in einem auf drei Tage anberaumten Verfahren wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen verantworten.

Polizist von Fehlalarm ausgegangen

Er sei von einem Fehlalarm ausgegangen, als er mit seiner Kollegin zum Supermarkt gerufen wurde, so der Angeklagte vor Gericht. Als er im dunklen Verbindungsraum vom Fleischanlieferungs- zum Verkaufsraum plötzlich zwei vermummte Gestalten im Lichtkegel seiner Taschenlampe wahrnahm, sei er "total erschrocken".

Chronologie: Schüsse in Kremser Supermarkt



"Ich war in Gedanken schon wieder draußen. Da sind plötzlich zwei Personen gehockt", schilderte der Angeklagte. Die Gestalten wären "aufgesprungen, in unsere Richtung. Einer hatte einen Gegenstand über dem Kopf". Der 14-Jährige, der eine Gartenharke dabei hatte, habe ihn "angegriffen". Da habe er sich entschlossen, einen Warnschuss in die Ecke abzugeben, während seine Kollegin auf den damals 16-jährigen feuerte.

Beide Jugendlichen liefen aus dem Gang in den Verkaufsraum, wo der 16-Jährige unmittelbar nach der Tür zu Boden ging: Die Beamtin hatte ihm mit einem Projektil beide Oberschenkel durchschossen. Während die Frau wie angewurzelt stehenblieb, folgte ihr Kollege dem 14-Jährigen, der sich im Verkaufsraum hinter einer Palette versteckt hatte.

"Sie sind in den Fight übergegangen"

"Sie dürften unter Adrenalin gestanden sein, kann man das so sagen. Sie sind in den Fight übergegangen", kommentierte der Richter dieses Verhalten. "Ich wollte nur raus. Aus Angst. Ich habe in mir das Gefühl gehabt, ich muss da raus. Ich habe Furcht und Angst gehabt", erwiderte der Polizist.

"Ich behaupte: Sie waren auf Kampf. Sie waren auf Adrenalin und sind dem nachgegangen. Warum sagen's nicht einfach, sie wollten die festnehmen und sind mit gezogener Dienstwaffe nach", verdeutlichte der Richter. Der Polizist verneinte mit Bestimmtheit: "In diesem Zeitpunkt wollte ich niemanden verletzen." Der Richter bezweifelte, dass in dem Verkaufsraum für die beiden Polizisten eine ernsthafte Gefahr gegeben war. Die Einbrecher wären "auf Flucht programmiert gewesen", sagte Manfred Hohenecker.

Beträchtlicher Fehlschuss

Der 14-Jährige sei aus seiner Deckung hinter einer Palette heraus, "in meine Richtung gesprungen", sagte der Angeklagte: "Für mich war eine Bedrohung gegeben. I hab Angst g'habt." Unmittelbar vor Abgabe des tödlichen Schusses will der Polizist "von einem Geräusch, einem Schatten" abgelenkt worden sein.

Er habe einen "Augensprung" gemacht (kurz zur Seite gesehen), weil er mit einem Angriff von möglichen weiteren Komplizen der beiden Einbrecher gerechnet habe. "Wo wollten Sie ihn treffen?", wollte der Richter wissen. "Wenn, im unteren Bereich", erwiderte der 43-Jährige.

Der Auslöser des Schusses

Getroffen wurde der Jugendliche aus knapp zwei Meter Entfernung allerdings in der Lunge, wobei er dem Beamten den Rücken zugekehrt hatte. "Einen halben Meter daneben schießen, wie geht das?", wunderte sich der Richter. "Das kann ich mir nicht erklären", sagte der Polizist. "Was war der Auslöser des Schusses?", hakte die Staatsanwältin Magdalena Eichinger nach. "I hab mi g'schreckt", beteuerte der Angeklagte.

Die Staatsanwältin gestand dem Angeklagten in ihrem Eröffnungsvortrag zu, sich "erneut angegriffen" gefühlt zu haben: "Er hat sich entschlossen, einen tiefen Schuss abzugeben." Der Beamte habe auf die Beine gezielt, sich jedoch von einem Geräusch ablenken lassen und so einen "beträchtlichen Fehlschuss" getätigt.

"Es war von ihm zu erwarten und ihm zuzumuten, sich rein auf die Schussabgabe zu konzentrieren. Hätte er die Sorgfalt eingehalten, wäre der Tod des Florian P. zu vermeiden gewesen", kreidete die Staatsanwältin dem Angeklagten an, sich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht zu haben.

Nur Fluchtgedanken

Nach dem tödlichen Schuss sei der Angeklagte "gelassen" gewirkt, sagte der Komplize des 14-Jährigen aus. Als er mitbekam, dass die Polizei anrückte, "hab' ich mich nur klein gemacht und gewartet", sagte Roland T. Nachdem er von der Taschenlampe des Polizisten angeleuchtet wurde, habe er die Tür zum Verkaufsraum aufgerissen. Er soll nur einen Gedanken gehabt haben. "Flucht, weil ich nicht auf wen losgegangen bin. Da hat man nur das Gefühl, dass man losrennt", so der Jugendliche. Den tödlichen Schuss auf seinen Freund habe er nicht mitbekommen.

Polizistin: "Habe nichts gesehen

Kurz, aber intensiv hat sich die Einvernahme der 35-jährigen Polizistin gestaltet. Zu den Geschehnissen bis zum Zeitpunkt ihrer Schussabgabe auf den 17-Jährigen musste sie sich nicht äußern. Sie wurde nicht angezeigt, der Verteidiger des Angeschossenen hat aber einen Antrag auf Fortsetzung des Verfahrens eingebracht.

Die 35-Jährige blieb bei ihren bisherigen Angaben. Sie habe nicht mitbekommen, wie ihr Kollege im Supermarkt auf Florian P. feuerte, weil sie im Verbindungsgang zum Verkaufsraum stehen geblieben sei. Der Richter machte deutlich, dass er der Zeugin das nicht glaube.

Der angeklagte Polizist selbst hatte zu Protokoll gegeben, nicht er, sondern seine jüngere Kollegin habe über Funk die Rettung angefordert, nachdem der 14-Jährige zu Boden gegangen war. "Das kann er aber nur, wenn Sie mit ihm im selben Raum waren", hielt Richter Hohenecker fest.

Drei Jahre Haft drohen

Im Fall eines Schuldspruchs drohen dem 43-jährigen Angeklagten bis zu drei Jahre Haft. Nach dem tödlichen Schuss wurde er nicht suspendiert, allerdings von Krems nach St. Pölten versetzt. Dort versieht er derzeit Innendienst.

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