Falschgeld über das Darknet - Täter setzen auf neue Vertriebswege

Noch immer geht es bei deutlich mehr als 60 Prozent der Geschäfte auf den Marktplätzen des Darknets um Drogen. Aber neben Waffen, Malware und Daten wandern immer öfter Blüten über den virtuellen Tisch.

Eizinger

Ein 15-Jähriger setzt sich in den Zug, fährt nach Neapel, steigt aus und beginnt herumzufragen, wo er Falschgeld kaufen kann, bis er zehn falsche 50er in der Tasche hat und den Zug zurück nach Wien nehmen kann - eine unrealistische Annahme. Viel realistischer ist es, dass sich der Jugendliche ins Darknet begibt und dort seine 50er bestellt. Drei Tage später läutet ein Paketdienst an der Tür.

Immer häufiger kommen Falschgeldproduzenten auf das Darknet als Vertriebsweg. Darauf machte jetzt Claus Kahn, Leiter des Büros Betrug, Fälschungsdelikte und Wirtschaftskriminalität im Bundeskriminalamt (BK), im Gespräch mit der APA aufmerksam. Noch immer geht es bei deutlich mehr als 60 Prozent der Geschäfte auf den Marktplätzen des Darknets um Drogen. Aber neben Waffen, Malware und Daten wandern immer öfter Blüten über den virtuellen Tisch. Etwa 14 Prozent der in Europa sichergestellten falschen Noten dürften über das Darknet vertrieben worden sein, schätzen Experten.

Ein deutliches Zeichen dafür, dass Falschgeld über das Darknet verkauft wird, war die vor knapp zwei Wochen bekanntgewordene "Operation Snoopy": Ein User namens "Charlie Brown 01" trat als Verkäufer (vendor, Anm.) auf mehreren Marktplätzen auf und bot Blüten an. Die falschen 50er-Scheine hatte er selbst produziert. Den Fall hatte das österreichische Bundeskriminalamt ins Rollen gebracht, "denn wir dürfen bei Drogen und Falschgeld von uns aus Scheinkäufe tätigen", erläuterte Kahn.

Zusammenarbeit mit Europol

Sobald die heimischen Ermittler die Lieferung in Händen hielten, ging es in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Nationalbank an die Untersuchung der Blüten. So war schnell klar, dass das Geld aus Polen gekommen sein musste. Über weitere Ermittlungen - Details seien hier nicht verraten - kamen die Fahnder auch dahinter, wer sich hinter "Charlie Brown 01" verbarg und informierten über Europol ihre polnischen Kollegen, die den Fälscher und Verkäufer festnahmen.

Der Fall zeigte auch sehr gut, vor welchen Herausforderungen die Ermittler stehen, wenn Geldfälscher noch mehr auf das Darknet als Verkaufsplattform zurückgreifen. "Im Darknet gibt's kein Österreich", sagte Kahn. Das bedeutet, international denken und grenzüberschreitend agieren. Der Kontakt mit den polnischen Polizisten lief über Europol, was den Nebeneffekt hat, dass die Informationen an weitere Mitgliedsstaaten und Partnerorganisationen weiterverbreitet werden.

Nicht zuletzt deshalb veranstaltete das Bundeskriminalamt in dieser Woche eine Konferenz mit mehr als 90 Teilnehmern aus EU-Ländern und ausgewählten Drittstaaten zu Falschgeldermittlungen im Darknet. Dabei waren Vertreter der Justiz- und Zollbehörden, Nationalbanken und Polizeieinheiten. Dazu kamen Vertreter der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank, der heimischen Nationalbank, Europol und Eurojust. Das Treffen sollte sehr praxisorientiert sein, unter anderem gab es ein Planspiel zu einer Falschgeldermittlung im Darknet. Eines der Hauptprobleme sind dabei die unterschiedlichen nationalen Rechtssysteme. Ein Beispiel: Einige Länder haben Scheinkäufe kategorisch verboten, andere haben sehr strenge Auflagen dafür, und manche Ermittlungsbehörden haben ähnliche Möglichkeiten wie die österreichischen.

"ICIT" hieß die Konferenz, was für Improvement (Verbesserung, womit vor allem die Kenntnisse über das Darknet und seine Möglichkeiten gemeint sind, Anm.), Cooperation, Investigation und Training steht. All das betrifft Kahn zufolge nicht nur Marktplätze, die fertige Blüten anbieten. Viele im Darknet tätige Kriminelle verstehen ihre Aktivitäten als "Crime as a service" (Verbrechen als Dienstleistung, Anm.). Neben Falschgeldnoten bieten die Täter auch Manuals an, nach dem Motto: wie werde ich Geldfälscher?

(APA)

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