Bildungsministerium verweist Sexualkundeverein aus Klassenzimmern

Der umstrittene Verein TeenSTAR darf vorerst keinen Aufklärungsunterricht mehr an Schulen geben. Das Bildungsministerium spricht von bedenklichen Inhalten.

Screenshot Homepage TeenSTAR
Screenshot Homepage TeenSTAR
Screenshot Homepage TeenSTAR – Screenshot Homepage TeenSTAR

Er wolle "jungen Menschen im Bereich Persönlichkeitsentwicklung, Freundschaft, Liebe und Sexualität Orientierung" bieten, heißt es auf der Homepage des Vereins TeenSTAR, der in Schulen Sexualpädagogik anbietet. Damit ist es vorerst nun vorbei. Dies hatte der ORF am Dienstag berichtet. 

Das Bildungsministerium erwägt, den umstrittenen christlichen Verein aus Österreichs Schulen vollständig zu verbannen. Die Inhalte seien bedenklich und nicht im Einklang mit dem österreichischen Lehrplan, heißt es von Seiten des Ministeriums. Bis Dezember soll geprüft werden, ob die Angebote des Vereins dem Lehrplan bzw. Grundsatzerlass zu Sexualpädagogik widersprechen. In der derzeitigen Form sei eine Tätigkeit des Vereins in Schulen nicht möglich, hieß es am Mittwoch.

Homosexualität eine "Verirrung"

Der Verein, der über 10 Jahre in Schulen tätig war, war schon vor einiger Zeit mit äußerst fragwürdigen Inhalten aufgefallen. So finden sich in den Unterlagen über Lehrinhalte, die in der Wochenzeitung "Falter" veröffentlicht wurden, etwa Passagen, in denen Homosexualität als "Verirrung" und heilbar dargestellt wird. Sex solle nicht vor der Ehe praktiziert werden, außerdem sei Selbstbefriedigung schlecht für das Selbstwertgefühl und werde mit Drogen und Süchtigen gleichgestellt, berichtet eine Sozialpädagogin, die sich bei TeenSTAR zusätzlich ausbilden lassen wollte, dem ORF.

Kinder würden missioniert werden, die Inhalte hätten mit Sexualpädagogik nichts zu tun, sagt die Pädagogin, die den Verein HOSI Salzburg (Homosexuelle Initiative) auf den Fall aufmerksam gemacht hat. Der Verein TeenSTAR propagiere ein "christlich-fundamentalistisches ultrakonservatives Weltbild", sagte Paul Haller, Geschäftsführer der HOSI Salzburg dem ORF. „Die Ansicht, dass Homosexualität eine Identitätsstörung sei, die geheilt werden könne, war schon in den 1990er Jahren veraltet“.

International aktiver Verein

TeenSTAR ist weltweit tätig, in Österreich war der Verein bisher vor allem in Salzburg aktiv. In Österreich wird sie laut "Falter" vom Institut für Ehe und Familie empfohlen, das eine Einrichtung der Österreichischen Bischofskonferenz ist. Die Salzburger Bildungsdirektion (bisher: Landesschulrat) hat bereits mit Oktober Schulen die Zusammenarbeit mit dem Verein untersagt, bis eine Überprüfung der Lehrinhalte durch die Schulaufsicht abgeschlossen ist.

Das Bildungsministerium hat laut parlamentarischer Anfragebeantwortung vom September angeordnet, dass bundesweit alle (geplanten) Sexualkunde-Workshops externer Anbieter bei den Bildungsdirektionen gemeldet werden und diese sofort eingreifen müssen, falls das Angebot den Vorgaben widerspricht oder Qualitätsmängel aufweist.

Bis Anfang Dezember soll die Überprüfung aller relevanten Materialien und Methoden von TeenSTAR durch das Bildungsministerium abgeschlossen sein und an die Ergebnisse die Bildungsdirektionen kommuniziert werden. Die bisherige Sichtung habe allerdings ergeben, dass gewisse Inhalte nicht dem Grundsatzerlass zur Sexualpädagogik entsprechen und deshalb nicht mehr an Schulen vermittelt werden dürfen. Sollte TeenSTAR sein Konzept adaptieren und kritisierte Inhalte ändern, könnte der Verein allerdings wieder an Schulen aktiv werden.

Verein: "Unterlagen veraltet"

Der christliche Sexualkundeverein TeenSTAR hat in einer Stellungnahme gegenüber der APA betont, die in der Wochenzeitung "Falter" zitierten Schulungsunterlagen seien "gerade im Hinblick auf die Thematik der Homosexualität veraltet und seit Monaten in Überarbeitung".

Im Rahmen des Programms werde jeder Mensch in seiner sexuellen Selbstbestimmung respektiert, heißt es zu Homosexualität. Man vermeide es bei TeenSTAR allerdings, "Jugendliche vorschnell auf eine bestimmte sexuelle Orientierung (z. B. auch Bisexualität) festzulegen oder sie dazu zu ermutigen, sich über ihre erotischen Gefühle, die noch in Veränderung begriffen sein können, zu definieren". Kindern und Jugendlichen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig, transsexuell oder intersexuell fühlen, werde "mit Wertschätzung begegnet": "Es wird ihnen zusammen mit ihren Eltern empfohlen, sich bei subjektiv empfundenem Bedarf für eine Begleitung an die entsprechenden fachlichen Einrichtungen zu wenden."

Sex erst in der Ehe entspricht laut TeenSTAR den Bedürfnissen junger Menschen nach verbindlichen Beziehungen. Für Sexualität "als Ausdruck von Liebe in verlässlicher und intimer Beziehung" habe sich "in allen Zivilisationen (...) der Rahmen der Ehe bewährt". Natürliche Familienplanung werde in den Kursen "nach dem neuesten wissenschaftlichen Stand" vermittelt, aber auch alle anderen Verhütungsmethoden würden "ausführlich besprochen". Empfehlung für einer bestimmte Methode gebe es nicht.

SPÖ kündigt parlamentarische Anfrage an

SPÖ-Gleichbehandlungssprecher Mario Lindner zeigte sich in einer Aussendung schockiert über die Medienberichte und kündigte eine weitere parlamentarische Anfrage an Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) über das Ergebnis der Prüfung und die Konsequenzen der Causa an. Auch Monika Vana, Vizepräsidentin der Grünen im Europaparlament, fordert ein rasches Eingreifen Faßmanns. Missionierung habe im Klassenzimmer nichts verloren, betonten die Proponentinnen des Frauenvolksbegehrens.

Beim Institut für Ehe und Familie, das mit dem Verein kooperiert, zeigte sich Leiter Johannes Reinprecht im APA-Gespräch über die Vorwürfe irritiert. "Nach unseren Erfahrungen und Überprüfungen ist das Angebot von TeenSTAR durchaus solide, positiv und wertorientiert und in keinster Weise diskriminierend. Mein Eindruck ist, dass es hier um Unterstellungen geht." Er halte "andere Angebote am 'sexualpädagogischen Markt' für in der Tat bedenklich".

 

> > > Bericht im ORF

> > > Bericht im Falter

(red.)

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